Mit einer Bandbreite an Erfahrungen mit jungen geflüchteten Menschen, wird in der Jugendhilfe vor Ort über Schwierigkeiten beim Schulbesuch, über fehlende Schulabschlüsse und die Orientierung hinsichtlich Ausbildung und Beruf diskutiert. Allerdings gibt es bis heute bundesweit kaum aussagekräftige und wissenschaftlich gesicherte Untersuchungen zum Thema gleichberechtigte Bildungsbeteiligung und Perspektiven – erst recht nicht für geflüchtete Mädchen und junge Frauen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass diese es ungleich schwerer haben, sich gesellschaftlich, schulisch und letztlich auch beruflich zu integrieren, als ihre männlichen Altersgenossen. Vor diesem Hintergrund fand am 15.11.2018 eine Fachveranstaltung „Damit geflüchtete Mädchen und Frauen nicht zu Bildungsverliererinnen werden …“ zum gleichnamigen Projekt der KJS Nord gGmbH statt. Diese sollte dazu beitragen, stärker für die Belange dieser Mädchen und jungen Frauen zu sensibilisieren, aber auch Möglichkeiten für einen Diskurs bieten, denn die Fachkräfte in den Diensten und Einrichtungen vor Ort bringen eine Menge Expertise aber auch individuelle Probleme und Missverständnisse mit dieser Klientel mit.

Keine Datengrundlage zum Thema Bildung von geflüchteten Mädchen und jungen Frauen in Deutschland

Im Einstiegsreferat bestätigte Prof. Dr. Wolfgang Schröer (Universität Hildesheim), dass es bundesweit keine Studien zum Thema Bildung von geflüchteten Mädchen und jungen Frauen in Deutschland gibt. Als Grund für die fehlenden Forschungsergebnisse führte er die vorrangige Befassung mit anderen Themen im Rahmen der geflüchteten Menschen an – wie zum Beispiel die Gewalttätigkeit junger geflüchteter Männer.

Aufgrund eigener Erfahrungen machte der deutlich, dass viele der Hürden, die geflüchtete Mädchen und junge Frauen nehmen müssen, von der deutschen Politik und den Behörden hausgemacht seien. So deutet er an, dass die strukturelle Diskriminierung als Verhinderungsstrategie in Deutschland gewollt sein könne.

Mangel an Wissen bringt Fehlannahmen hervor

Dr. Dunja Manal Sabra gab in ihrem Referat einen Einblick in die Gesellschafts- und Familienkultur in der arabischen Welt. Sie räumte mit den Klischees und Vorurteilen zu Bild und dem Rollenverständnis der Frau innerhalb der Familie auf, denn der Mangel an Wissen in der deutschen Gesellschaft bringt Fehlannahmen hervor. Sabra mahnte daher eine umfassende Beschäftigung mit dem Thema an. Diese könnte helfen, Vorurteile abzulegen.

Psychosoziale Faktoren beeinflussen die Sozialisation von Mädchen und jungen Frauen erheblich und wirken sich auf die Motivation zu (schulischer) Bildung, Ausbildung und zukünftigem Beruf aus. So ist es zum Beispiel die Pflicht einer Frau, als gute Mutter primär für die Erziehung der Kinder zuständig zu sein und den Ehemann in seiner Rolle als Ernährer zu unterstützen. Erst danach widmet sie sich ihren eigenen Interessen und ihrem Fortkommen.

Auswirkungen einer fehlenden qualifizierten Bildung oder Beschäftigung lassen sich nur erahnen

Im Anschluss stellte Vivien Hellwig, Mitarbeiterin im IQ Netzwerk Niedersachsen (Integration durch Qualifizierung – Anerkennung von im Ausland erworbenen Abschlüssen) den Bereich der Qualifizierung für eine zukünftige Ausbildung oder einen Beruf vor. Aus ihrer Erfahrung im direkten Beratungskontakt berichtete sie über den Erwerb eines qualifizierten Schulabschlusses, der Berufsorientierung sowie über den Einstieg von jungen Frauen in Ausbildung und Beruf. Dabei wurde deutlich, dass diese Frauen an vielen Stellen aufgrund der multiplen Diskriminierung hinsichtlich ihres Geschlechts, ihres Namens, ihres Aussehens, ihres Aufenthaltsstatus scheitern. Wie sich eine (mögliche) fehlende qualifizierte Bildung oder Beschäftigung auswirken wird, lässt sich zum heutigen Zeitpunkt nur erahnen. So besteht die Gefahr, dass sie sich ausschließlich in ihren familienbezogenen Kontext zurückziehen und sich damit weder sprachlich noch sozial einbringen können.

Zum Abschluss der Veranstaltung stellten sich zwei konkrete Beispiele im Rahmen von niederschwelligen Integrationsangeboten und Maßnahmen der Berufsorientierung vor. Sowohl die Beratung der Koordinierungsstelle „Frau und Beruf“ der Region Hannover (Ufuk Kurt) als auch die speziell auf geflüchtete Mädchen und junge Frauen ausgerichtete Maßnahme der Jugendwerkstatt SINA (Bettina Herter) machte deutlich, dass es erfolgreiche Bildungs-Gewinnerinnen geben kann. Dazu braucht es in den meisten Fällen individuelle Lösungsansätze, um den eigenen Weg in Deutschland zu finden. Solch individuelle Hilfsangebote sind auszubauen, denn gesellschaftlich gut integrierte Frauen wirken positiv in die Familien, in das soziale Umfeld und in den Arbeitsmarkt.

Quelle: Angela Denecke – Projektleitung „Damit geflüchtete Mädchen und Frauen nicht zu Bildungsverliererinnen werden …“