Deutschland gehört zu den wirtschaftsstärksten Ländern der Welt. Doch für viele Kinder und Jugendliche ist das eigene Zuhause kein Ort der Sicherheit und Entfaltung. Die neue UNICEF-Studie zum kindlichen Wohlbefinden in Industrie- und OECD-Ländern macht deutlich, dass die Lebensbedingungen junger Menschen in Deutschland unverändert stark von der sozialen Herkunft abhängen. Im internationalen Vergleich zum Wohlbefinden junger Menschen erreicht Deutschland lediglich Platz 25 von 37 analysierten Ländern.
UNICEF verweist ausdrücklich auf die Folgen von schlechten Wohnverhältnissen, fehlenden Rückzugsräumen und von Benachteiligung betroffenen Nachbarschaften für das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen. Wer beengt lebt, keinen ruhigen Platz zum Lernen hat oder in einem Umfeld aufwächst, das wenig Sicherheit und Unterstützung bietet, trägt diese Belastungen oft dauerhaft mit sich.
Damit beschreibt die Studie eine Realität, die Fachkräfte der Jugendsozialarbeit seit Jahren erleben. Auch der Monitor „Jugendarmut in Deutschland“ der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) macht deutlich: Armut junger Menschen zeigt sich nicht allein im Kontostand der Familie. Sie zeigt sich in den Wohnverhältnissen, in eingeschränkten Bildungs- und Freizeitmöglichkeiten und in fehlenden Orten der Ruhe und Selbstbestimmung.
Gerade das Thema Wohnen wird dabei zunehmend zur sozialen Frage für junge Menschen. Hohe Mieten, knapper Wohnraum und prekäre Lebenslagen verschärfen bestehende Ungleichheiten. Viele Familien leben unter Bedingungen, die kaum Raum für Entwicklung lassen. Kinder teilen sich Zimmer, Rückzugsmöglichkeiten fehlen, Lernen findet am Küchentisch oder zwischen Alltagsstress und Enge statt. Für Jugendliche im Übergang von Schule, Ausbildung und Beruf wächst zugleich die Unsicherheit, überhaupt bezahlbaren Wohnraum zu finden.
Die UNICEF-Studie zeigt damit auch, dass soziale Benachteiligung im unmittelbaren Lebensumfeld entsteht und sich auf alle Lebensbereiche auswirkt. Wohnarmut beeinflusst Bildungswege, Gesundheit und psychisches Wohlbefinden. Sie entscheidet mit darüber, ob Kinder Chancen oder Begrenzungen erleben. Die intersektionalen Verschränkungen verdeutlicht auch die BAG KJS über mittlerweile 16 Jahre hinweg im Jugendarmutsmonitor.
Andere Länder mit geringerer Wirtschaftskraft schneiden beim Kindeswohl deutlich besser ab als Deutschland. Dieser Befund zeigt, dass soziale Gerechtigkeit nicht ausschließlich eine Frage fehlender Möglichkeiten ist, sondern auch politischer Prioritäten. Daher kommt der Politik auch eine Verantwortung zu, die Lebenslagen junger, von Benachteiligung, Armut oder Ausgrenzung bedrohter oder betroffener Menschen zu verbessern.
Jugendsozialarbeit darf in ihrer anwaltschaftlichen Funktion nicht nachlassen, weiter konsequent auf die Lebenslagen und Bedarfe junger Menschen aufmerksam zu machen. Kinder und Jugendliche brauchen verlässliche soziale Infrastruktur, gute Bildungsangebote und vor allem sichere Orte zum Leben. Wer Kinder- und Jugendarmut bekämpfen will, muss deshalb auch über Wohnarmut, Bildungsarmut oder armutsbedingte gesundheitliche Risiken sprechen.
Besonders die Wohnsituation ist dabei ein zentraler Aspekt. Denn Wohnen ist weit mehr als ein Dach über dem Kopf. Wohnen bedeutet Schutz, Stabilität und die Möglichkeit, sich zu entwickeln. Gerade junge Menschen brauchen Orte, an denen sie lernen, zur Ruhe kommen und Zukunftsperspektiven entwickeln können. Fehlen diese Orte, verschärft sich soziale Ungleichheit oft über Generationen hinweg.
Dass Deutschland trotz seines Wohlstands beim kindlichen Wohlbefinden nur im unteren Mittelfeld liegt, sollte deshalb ein Warnsignal sein. Gute Lebensbedingungen für Kinder und Jugendliche entstehen nicht automatisch durch wirtschaftliche Stärke. Sie entstehen dort, wo Politik soziale Teilhabe sichert und junge Menschen in den Mittelpunkt stellt.
Autorin: Silke Starke-Uekermann



