Katholik*innentag als Impulsgeber für Jugendsozialarbeit und gesellschaftliche Teilhabe

Der 104. Deutsche Katholik*innentag Mitte Mai in Würzburg stand unter dem Leitwort „Hab Mut, steh auf!“. Dieser Appell war für die Jugendsozialarbeit spürbar. Fünf Tage lang wurde diskutiert, gestritten, gebetet und nach Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen gesucht. Rund 900 Veranstaltungen brachten Kirche, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen. Im Mittelpunkt standen Fragen nach Demokratie, sozialem Zusammenhalt, Migration, Armut und Teilhabe.

Gerade für die Jugendsozialarbeit bot der Katholik*innentag wichtige Impulse. Denn viele der diskutierten Themen betreffen junge Menschen unmittelbar. Kinder- und Jugendarmut, Ausbildungszugänge, Fachkräftemangel, gesellschaftliche Spaltung oder die Frage nach fairen Chancen für junge Menschen mit Einwanderungsbezug.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS), ihre Mitglieder und zahlreiche Träger der Jugendsozialarbeit waren mit eigenen Angeboten präsent. Workshops, Begegnungsräume und Diskussionen machten sichtbar, dass Jugendsozialarbeit weit mehr ist als Unterstützung im Einzelfall. Sie ist ein unverzichtbarer Beitrag für gesellschaftliche Teilhabe und Demokratiebildung. Und sie ist Teil der Jugendpastoral in der Kirche.

Ungleiche Chancen von Anfang an: Die Realität junger Menschen in Armut

Ein starkes Signal setzte die Kolpingjugend mit ihrem Engagement gegen Kinder- und Jugendarmut. Unter dem Motto „Hab Mut, sei laut!“ machte sie deutlich, dass junge Menschen nicht nur Ermutigung, sondern konkrete politische Unterstützung brauchen. Die Kolpingjugend greift die Initiative der BAG KJS zur Bekämpfung von Jugendarmut auf und fordert bessere Bildungs- und Teilhabechancen sowie entschlossene Maßnahmen gegen soziale Ausgrenzung. Der Katholik*innentag bot dafür eine bundesweite Bühne.

Wie konkret sich Jugendarmut auf Lebenswege auswirkt, zeigte die Werkstatt „Ausgebremst – wenn Armut Wege versperrt: Jugendarmut verstehen, Ungerechtigkeit entlarven“, vorbereitet von der Kolpingjugend Deutschland, dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und der BAG KJS. Die Teilnehmenden wurden in einem Planspiel mit unterschiedlichen Lebensrealitäten junger Menschen konfrontiert. Je nach finanziellen Voraussetzungen, Wohnsituation oder sozialer Unterstützung hatten die verschiedenen „Personas“ sehr unterschiedliche Chancen, Aufgaben zu bewältigen oder Entscheidungen selbstbestimmt zu treffen. Die Werkstatt machte eindrücklich erfahrbar, dass Armut nicht nur materielle Einschränkungen mit sich bringt, sondern Bildungswege, Mobilität, gesellschaftliche Teilhabe und Zukunftsperspektiven massiv beeinflusst. Die Teilnehmer*innen erfuhren, wie wichtig individuelle Unterstützung, politische Sensibilität und strukturelle Veränderungen sind.

Ohne Unterstützung geht es oft nicht: Wege in Ausbildung ermöglichen

Besonders relevant für die Jugendsozialarbeit war das Podium „Kampf um Arbeitskräfte – Wo bleibt die Fairness bei Migration und Ausbildung?“. Vertreter*innen aus Wissenschaft, Gewerkschaften, Arbeitsverwaltung und Beratung diskutierten darüber, wie Fachkräftegewinnung gerecht gestaltet werden kann. Dabei wurde deutlich, dass Einwanderung nicht allein unter wirtschaftlichen Interessen betrachtet werden darf. Faire Ausbildungsbedingungen, soziale Absicherung und echte Perspektiven für junge Menschen müssen im Mittelpunkt stehen.

Diese Perspektive vertrat die Werkstatt „Jung, motiviert – und trotzdem ohne Ausbildungsplatz? Wie Jugendliche und Betriebe besser zueinander finden“ (siehe dazu eigenen Bericht).

Vielfalt anerkennen: Queere Jugendliche brauchen Schutzräume und Zugehörigkeit

Ein weiteres wichtiges Thema war die sogenannte Regenbogenkompetenz und damit die Frage, wie Kirche und Jugendsozialarbeit queere junge Menschen besser unterstützen können. Die Diskussion auf der Veranstaltung, die der Verband der Kolpinghäuser (VKH) und IN VIA Deutschland organisiert hatten, machte deutlich, dass Diskriminierung und Ausgrenzung für queere Jugendliche ebenso belastend sein können wie Armutserfahrungen oder Benachteiligungen aufgrund der eigenen Einwanderungsgeschichte. Gerade junge Menschen, die sich in ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität nicht angenommen fühlen, brauchen sichere Räume, verlässliche Unterstützung und Menschen, die ihnen respektvoll begegnen.

Für die Jugendsozialarbeit sollte diese Haltung zum professionellen Selbstverständnis gehören. Alle jungen Menschen sollten unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht oder sexueller Orientierung gleiche Chancen auf Teilhabe und Anerkennung erhalten. Auch Kirche steht hier vor einer wichtigen Aufgabe. Wenn von Menschenwürde und Nächstenliebe gesprochen wird, dann muss dies auch die Anerkennung von Vielfalt einschließen. Gott hat eine vielfältige Welt geschaffen – bunt, unterschiedlich und reich an Lebensentwürfen. Diese Vielfalt spiegelt sich auch in den Menschen wider. Kirche sollte ebenso wie die Jugendsozialarbeit dazu beitragen, dass Menschen sich unabhängig von ihrer geschlechtlichen Identität oder sexuellen Orientierung angenommen, ernst genommen und zugehörig fühlen können.

Kirche und Jugendsozialarbeit gemeinsam für gesellschaftlichen Zusammenhalt

Auch die Sorge um Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt zog sich wie ein roter Faden durch den Katholik*innentag. Politiker*innen warnten vor wachsender Polarisierung und Menschenfeindlichkeit. Diese Debatten sind auch für die Jugendsozialarbeit zentral. Denn demokratische Bildung, Beteiligung und soziale Integration gehören zu ihren Kernaufgaben. Junge Menschen brauchen Räume, in denen sie gehört werden und gesellschaftliche Wirksamkeit erfahren können.

Der Katholik*innentag hat gezeigt, dass Jugendsozialarbeit kein Randthema ist, sondern ein zentraler Baustein für eine gerechte Gesellschaft. Die Verbindung von sozialem Engagement, politischer Verantwortung und christlicher Haltung wurde in Würzburg sichtbar und erlebbar. Das Leitwort „Hab Mut, steh auf!“ kann deshalb auch als Auftrag an Politik, Kirche und Gesellschaft verstanden werden, um jungen Menschen echte Chancen zu eröffnen und soziale Teilhabe konsequent zu stärken.

Autorin: Silke Starke-Uekermann

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