Von Schulabgängerinnen und -abgänger, die höchstens einen Hauptschulabschluss haben, erhält nur rund die Hälfte eine vollwertige Ausbildungsstelle. Trotz der steigenden Zahl an unbesetzten Ausbildungsstellen hat sich die Situation für Jugendliche mit höchstens Hauptschulabschluss in den letzten zehn Jahren kaum verändert. Ihnen wird häufig eine mangelnde Ausbildungsreife zugeschrieben. Aber trifft das überhaupt zu? Dem Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin (WZB) geht es um die Frage, ob sozial kompetentere, gewissenhaftere und selbstbewusstere Jugendliche mit höheren Mathematik- und Lesekompetenzen, einer ausgeprägten Bildungsaspiration und guten Berufsorientierung – und damit einer besseren „Ausbildungsreife“ – tatsächlich höhere Chancen haben, in eine berufliche Ausbildung einzutreten. Oder verhindern es ihre geringen Schulabschlüsse, dass solche Ressourcen innerhalb dieser Gruppe, die pauschal als „leistungsschwach“ gilt, von den Betrieben überhaupt entdeckt werden? Die Analyse-Ergebnisse  von Anne Christine Holtmann, Laura Menze und Heike Solga wurden im WZBrief Bildung veröffentlicht.

Eine höhere Ausbildungsreife heißt nicht bessere Chancen auf einen Ausbildungsplatz

Die WZB-Analysen bestätigen, dass der Schulabschluss, die Abschlussnoten sowie der Besuch einer Förderschule maßgeblich das Bewerbungsverhalten sowie die Erfolgschancen einer Bewerbung und damit den Übergang in Ausbildung beeinflussen. Darüber hinaus spielen Kompetenzen und Persönlichkeitsmerkmale keine Rolle: Jugendliche mit höheren Mathematik- und Lesekompetenzen, höheren sozialen Kompetenzen oder vorteilhafteren Persönlichkeitseigenschaften (wie Gewissenshaftigkeit) haben sich nicht häufiger beworben oder haben auch nicht leichter einen Ausbildungsplatz bekommen als Jugendliche mit niedrigeren Kompetenzen oder Ausprägungen in den Persönlichkeitseigenschaften. Das bedeutet, dass vor allem ein höherer Schulabschluss die Chancen erhöht, eine Ausbildung zu beginnen. Eine höhere „Ausbildungsreife“, also bessere individuelle Kompetenzen oder Persönlichkeitsmerkmale, verbessern die Chancen auf einen Ausbildungsplatz hingegen nicht.

Jugendliche sind ausbildungswillig

Das WZB bestätigt, Jugendliche, die gar keinen oder einen Hauptschulabschluss haben, sind größtenteils ausbildungswillig. Sie wollen eine Ausbildung machen, haben einen konkreten und zumeist realistischen Berufswunsch und zum Teil ähnliche Kompetenzen wie Jugendliche mit Mittlerem Schulabschluss. Beim Übergang spielen aber vor allem ihre Schulabschlüsse und Noten eine Rolle. Arbeitgeber sind auf einem Auge blind: Unterschiede in Kompetenzen und Persönlichkeitseigenschaften, die über Schulabschluss und Noten hinausgehen und damit in den Bewerbungsunterlagen nicht sichtbar sind, bleiben unentdeckt. Es gibt also unter jenen Jugendlichen ohne Mittleren Schulabschluss deutlich mehr Ausbildungsfähige und -willige, als schließlich einen Ausbildungsplatz bekommen.

Auswahlverfahren und -kriterien benachteiligen

Das WZB stellt fest, diesen Jugendlichen fehlt also gerade nicht die viel zitierte „Ausbildungsreife“. Benachteiligt sind sie durch die Gelegenheitsstrukturen, auf die sie treffen – das heißt durch die Auswahlverfahren und -kriterien der Betriebe sowie die Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit, wenn sie sich dort als ausbildungssuchend melden. Unternehmen sollten also bei der Bewerberauswahl stärker nach den Entwicklungspotenzialen der Jugendlichen suchen.

Quelle: WZB WZBrief Bildung 36| September 2018

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