Wie gelingt ein gutes Aufwachsen für junge Menschen mit Armutserfahrungen? Dieser Frage widmete sich der Ratschlag Kinderarmut, eine Initiative der Nationalen Armutskonferenz (nak), bei einem parlamentarischen Frühstück im Deutschen Bundestag. Unter der Schirmherr*innenschaft der Bundestagsabgeordneten Daniela Rump und Truels Reichardt diskutierten Vertreter*innen aus Politik, Bundesministerien, Wissenschaft sowie dem Ratschlag Kinderarmut über aktuelle Herausforderungen und politische Handlungsbedarfe.
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) ist Mitglied der nak und beteiligte sich an der Vorbereitung des parlamentarischen Frühstücks. Ihre fachliche Expertise brachte sie insbesondere am Thementisch „Daseinsvorsorge“ ein. Grundlage hierfür waren unter anderem die Erkenntnisse aus dem Monitor „Jugendarmut in Deutschland“, den die BAG KJS seit 2010 veröffentlicht. Der Monitor zeigt, wie Armut Bildungs-, Teilhabe- und Entwicklungschancen junger Menschen beeinflusst und welche strukturellen Rahmenbedingungen für ein gelingendes Aufwachsen erforderlich sind.
Teilhabe braucht Infrastruktur
Am Thementisch „Daseinsvorsorge“ stand die Frage im Mittelpunkt, wie Bund, Länder und Kommunen junge Menschen mit Armutserfahrungen besser unterstützen und gesellschaftliche Teilhabe sichern können. Ein zentrales Motiv der Einführung in die Diskussion lautete: Teilhabe braucht Orte – und ob Teilhabe gelingt, entscheidet sich vor Ort.
In der Einführung zu den aus Sicht des Ratschlags Kinderarmut besonders dringlichen Handlungsbedarfen wurde darauf hingewiesen, dass Investitionen in die soziale Infrastruktur für junge Menschen keine freiwillige Leistung sind, sondern zentrale Voraussetzungen für Teilhabe und Chancengerechtigkeit schaffen. Der Ratschlag Kinderarmut wirbt deshalb für verlässliche Investitionen in Angebote der Jugendsozialarbeit, der Jugendhilfe und der sozialen Daseinsvorsorge. Einsparungen in diesen Bereichen können langfristig erhebliche gesellschaftliche Folgekosten nach sich ziehen.
Angestoßen durch einen Erfahrungsbericht eines jungen Menschen mit Armuts- und Wohnungslosenerfahrung wurde die Situation wohnungsloser junger Menschen thematisiert. Angesprochen wurden fehlende Schutzräume und unzureichende Unterbringungsmöglichkeiten. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den Übergängen ins Erwachsenenalter. Diskutiert wurden bestehende Schutz- und Leistungslücken für junge Volljährige sowie die Praxis, junge Menschen nach Erreichen der Volljährigkeit aus Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in andere Leistungssysteme zu verweisen. Mehrere Teilnehmende verwiesen auf die Bedeutung einer verlässlichen Begleitung von Care Leavern und auf die Notwendigkeit, die gesetzlichen Möglichkeiten des SGB VIII konsequent umzusetzen, auch um Wohnungslosigkeit zu vermeiden. Aus Sicht der Teilnehmenden besteht ebenfalls Handlungsbedarf beim Ausbau von Wohnangeboten nach § 13 Abs. 3 SGB VIII. Mit Blick auf junge Menschen, die fernab ihrer Heimat eine Schule besuchen oder eine Ausbildung absolvieren wurde deutlich, dass Wohnangebote wie im Programm „Junges Wohnen“ allein nicht ausreichen, sondern pädagogische Begleitung und verlässliche Unterstützung für eine gelingende Verselbstständigung erforderlich sind.
Auch die Rolle der Jugendberufsagenturen wurde aufgegriffen. Im Rahmen der Diskussion wurde seitens der BAG KJS betont, dass deren Weiterentwicklung nur in enger Kooperation mit der Jugendhilfe und den freien Trägern der Jugendsozialarbeit gelingen kann. Diese verfügen über langjährige Erfahrungen und Kompetenzen in der Begleitung junger Menschen beim Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf.
Darüber hinaus wurde Mobilität als wichtige Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe thematisiert. Sie beeinflusst maßgeblich, ob junge Menschen Bildungs-, Freizeit- und Unterstützungsangebote erreichen können. Diskutiert wurde daher, wie Mobilität für junge Menschen und ihre Familien stärker sozialpolitisch berücksichtigt werden kann.
Demokratie braucht soziale Teilhabe
Neben Fragen der Infrastruktur wurde auch die gesellschaftspolitische Dimension von Jugendarmut diskutiert. Armutserfahrungen wirken sich nicht nur auf Bildungs- und Berufschancen aus, sondern beeinflussen auch Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit und die Erfahrung gesellschaftlicher Anerkennung.
Im Austausch wurde darauf hingewiesen, dass fehlende Teilhabechancen langfristige Auswirkungen auf das Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen und demokratische Prozesse haben können. Zugleich wurde betont, dass Investitionen in Bildung, Unterstützung und Teilhabe Investitionen in den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Zukunft der Demokratie sind.
Das parlamentarische Frühstück machte deutlich, wie wichtig der Austausch zwischen Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Verbänden und Menschen mit Armutserfahrungen ist. Die diskutierten Herausforderungen zeigen, dass die Bekämpfung von Jugendarmut eine gemeinsame Aufgabe von Bund, Ländern, Kommunen und Zivilgesellschaft bleibt. Für die BAG KJS bestätigt das Parlamentarische Frühstück zentrale Erkenntnisse des Monitors „Jugendarmut in Deutschland“: Junge Menschen mit Armutserfahrungen benötigen verlässliche Unterstützungsstrukturen, echte Teilhabechancen und eine Politik, die ihre Lebensrealitäten ernst nimmt. Die Jugendsozialarbeit leistet hierzu einen unverzichtbaren Beitrag.
Infos zur nak
In der nak engagieren sich Verbände, Gewerkschaften, Initiativen, Selbsthilfeorganisationen und Menschen mit Armutserfahrungen gemeinsam für die Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung. Die Perspektiven von Menschen mit Armutserfahrungen sind dabei ein wesentlicher Bestandteil der gemeinsamen Arbeit. Die im Ratschlag Kinderarmut zusammengeschlossenen Organisationen und Initiativen fokussieren sich auf armutsbetroffene junge Menschen.
Autorin: Silke Starke-Uekermann (Vertreterin der BAG KJS in der nak)



