Transferworkshop zum Modellprojekt „männlich. jung. geflüchtet²“

Bei ihrer Ankunft und während des Ankommens in Deutschland sind junge geflüchtete Männer* oft mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert. Aufgrund traumatischer Erfahrungen auf der Flucht oder Ausgrenzungserfahrungen nach der Ankunft, haben einige von ihnen verschiedene Unterstützungsbedarfe. Ihre Lebenswelten in Deutschland sind zudem häufig prekär und geprägt von schlechten Wohnverhältnissen, sozialer Isolation und Armut. Die Gründe dafür sind komplex.

Herausforderungen bei der Ankunft

Häufige Gründe für einen schwierigen Start sind ein unsicherer Aufenthaltsstatus, der Gestaltungsspielräume und eine Planbarkeit der Zukunft erheblich erschweren. Ein eingeschränkter Zugang zu Arbeit und Bildung tragen zu einem Gefühl der Perspektivlosigkeit bei und verhindern den Abbau der Sprachbarriere. Auch die Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften, die mitunter Monate bis Jahre dauern kann, trägt zur sozialen Isolation und dem Gefühl der Ausgrenzung bei. Letzteres kann durch Diskriminierungserfahrungen, z. B. bei der Wohnraumsuche, noch einmal verstärkt werden. Das daraus resultierende Gefühl der Ohnmacht und Frustration kann in Verbindung mit der generell höheren Risikobereitschaft bei jungen Männern* delinquentes Verhalten, wie z. B. eine schnellere Eskalation von Konflikten, Regelbrüche, risikoreiches Konsumverhalten, etc., fördern. Angebote der Jugendsozialarbeit sind in diesem Zusammenhang von großer Bedeutung, weil sie genau an den Schnittstellen ansetzen, an denen die Risiken entstehen: fehlende Perspektiven, eine geringe soziale Teilhabe, psychische Belastungen und Übergänge in Bildung und Arbeit. Gleichzeitig profitieren gerade junge geflüchtete Männer* seltener von den Regelangeboten der Jugendsozialarbeit.

Über das Modellprojekt „männlich.jung.geflüchtet²

Im Rahmen des Modellprojektes „männlich.jung.geflüchtet²“ der Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit Baden-Württembergwurden daher an insgesamt acht Standorten gelingende Zugänge zu jungen volljährigen geflüchteten Männern* erprobt, die durch besonders riskantes Verhalten auffällig werden. Bestehende Handlungsansätze der Jugendsozialarbeit mit geflüchteten jungen Männern* konnten dabei angewendet und zielgerichtet weiterentwickelt werden. Im Laufe des Projekts wurde die Zielgruppe ausgeweitet auf junge Männer,* die von sozialer Isolierung und psychischen Erkrankungen betroffen sind.

Das Projekt wurde durch das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg gefördert und erstreckte sich in zwei Förderphasen von Januar 2021 bis Dezember 2025.

Die Weitergabe der gewonnenen Erkenntnisse erfolgt derzeit im Rahmen von Transferworkshops. In einem Workshop im März 2026 in Freiburg luden die Landesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit Baden-Württemberg (LAG KJS Baden-Württemberg) und die LAG Jugendsozialarbeit Baden-Württemberg Fachkräfte der Jugendsozialarbeit dazu ein, sich mit den Ergebnissen des Modellprojektes auseinanderzusetzen. Die Workshopleitungen Alexandra Vogel und Luka Rottler vom ehemaligen Projektstandort Esslingen (Stadtjugendring Esslingen) ermöglichten praxisnahe Einblicke und lieferten wertvolle Anregungen für die Reflexion der eigenen Praxis.

Heterogene Zielgruppe

Im Projektverlauf wurde schnell deutlich, dass diese Zielgruppe weitaus heterogener ist, als es zunächst schien. Das erschwert nicht nur die Zugänge, sondern auch die Gestaltung der Angebote, um mit den jungen Männern* in Kontakt treten zu können.

Für die Fachkräfte bedeutete diese Tatsache, sich zunächst intensiv mit der Vielfalt der Zielgruppe auseinanderzusetzen. Welche kulturellen, sprachlichen, ethnischen, nationalen oder geschlechtsspezifischen Prägungen bringen die jungen Menschen mit? Wo gibt es Anknüpfungspunkte für die Beziehungsarbeit?  In welchem Verhältnis stehen die diversen Gruppen im Sozialraum zueinander? Was ist in der Arbeit mit ihnen jeweils zu beachten? Auch die Reflexion eigener stereotyper Vorstellungen gegenüber der Zielgruppe spielte eine wichtige Rolle. Diese und weitere Fragen bildeten einen zentralen Ausgangspunkt der Projektarbeit und standen im Fokus des Workshops.

Kreativität und lebensweltorientierte Zugänge zur Zielgruppe

Ein zentrales Ergebnis des Modellprojektes ist, dass beim Zugang zu den jungen geflüchteten Männern* nicht nur Flexibilität und niedrigschwellige Angebote, sondern auch ein hohes Maß an Kreativität erforderlich sind. Aufsuchende Arbeit fand beispielsweise in Barbershops, Billardzentren, an Bahnhöfen oder in Community Supermärkten statt. Dabei stand nicht nur die Beziehungspflege im Fokus – teilweise konnten auch Kurzberatungen in dringlichen Angelegenheiten durchgeführt werden.

Neben diesen lebensweltorientierten Anknüpfungspunkten spielten auch offene Angebote ohne feste Anmeldung oder starre Rahmenbedingungen eine wesentliche Rolle für die Akzeptanz der Projektangebote wie z. B. offene Treffs, Einzelberatungen, Gruppen- und Freizeitangebote.

Peerarbeit als Schlüssel für Vertrauen und Zugang

Um junge geflüchtete Männer* zu erreichen und ihre Bedarfe besser berücksichtigen zu können, erwies sich die Arbeit mit Peers als hilfreich. Als erfahrene und in der Community respektierte Personen fungierten sie als wichtige Bezugspersonen bzw. „Mentor*innen“. Sie waren nicht nur Vorbilder für die Teilnehmenden, sondern auch wertvolle Verbindungspersonen zwischen Fachkräften und Zielgruppe. Gleichzeitig zeigte sich, dass die Gewinnung und Auswahl geeigneter Ehrenamtlicher mit einem nicht unerheblichen Aufwand verbunden sind.

Vorstellungen von Männlichkeit und eigene Reflexion als Schlüsselkompetenz

Im Transferworkshop wurde auch die Bedeutung von Männlichkeitsbildern thematisiert. Für die Arbeit mit jungen geflüchteten Männern* ist aber nicht nur die Auseinandersetzung mit den innerhalb der heterogenen Zielgruppe jeweils vorherrschenden Männlichkeitsvorstellungen wichtig, sondern auch die Reflexion der Fachkräfte über ihre eigenen stereotypen Vorannahmen.

Darüber hinaus sind die Reflexion der eigenen professionellen Haltung – etwa im Spannungsfeld zwischen Distanz und Nähe – sowie die Offenheit für Lernprozesse –insbesondere im Umgang mit Fehlern – wesentliche Voraussetzungen für die Arbeit mit jungen geflüchteten Männern*, sowie mit anderen Personengruppen, für die es aufgrund vielfältiger Hürden schwer ist, einen Platz in der Gesellschaft zu finden.

Weitere Informationen zum Modellprojekt mjg²

Die Ergebnisse des Modellprojekts wurden in Form einer „Handreichung zur gelingenden Begleitung und Beratung junger volljähriger geflüchteter Männer* im Kontext der Jugendsozialarbeit“  zusammengefasst. Darüber hinaus finden Interessierte weitere Informationen und gesammelte Materialien zum Projekt auf dieser Taskcard.

Autorin: Feven Michael (Fachreferentin für Jugendmigrationsdienste des Caritasverbandes für die Erzdiözese Freiburg)

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