Gemeinsam mit dem Sinus-Institut hat UNICEF Deutschland bei Jugendlichen nach Verboten von sozialen Medien gefragt. Mehr als 1.000 Jugendliche im Alter von 14 bis 16 Jahren haben eine differenzierte Meinung zu Risiken und Nutzen der sozialen Medien. Verbote für ihre Altersgruppe lehnen sie mehrheitlich ab. Und sie fordern besseren Schutz auf den digitalen Plattformen, etwa durch Inhaltsfilter und die schnelle Löschung ungeeigneter Inhalte. Sie wollen standardmäßig aktivierte Schutzeinstellungen – zum Beispiel private Profile und eingeschränkten Kontakt durch Fremde. In der Verantwortung sind vor allem die Anbieter.
Ein sicherer und altersgerechter digitaler Raum sei besser als Verbote, meinen die Betroffenen. Die Studie zeichnet ein differenziertes Bild der Nutzung sozialer Medien in der Altersgruppe. Insgesamt sind 38 Prozent der Ansicht, dass die Vorteile überwiegen. Für 46 Prozent halten sich Vor- und Nachteile die Waage. 16 Prozent denken, dass soziale Medien überwiegend Nachteile haben, erklärt UNICEF Deutschland. 82 Prozent nutzen soziale Medien, um mit Freund*innen oder anderen ihnen wichtigen Menschen in Kontakt zu bleiben. 74 Prozent bekommen dort neue Ideen oder Inspiration.
Zugleich sind den Jugendlichen die negativen Seiten bewusst: 74 Prozent verlieren auf den Plattformen häufig das Gefühl für die Zeit. Als größte Risiken nennen sie Mobbing, Hass und Beleidigungen (50 %), zu langes Scrollen, ohne aufhören zu können (44 %), sowie Falschinformationen und Fake News (42 %). Obwohl die Jugendlichen die Risiken sozialer Medien klar benennen, lehnen sie pauschale Verbote für ihre Altersgruppe mehrheitlich ab.
UNICEF berichtet: Verbote halten die Jugendlichen insgesamt für wenig wirksam. 88 Prozent finden es sehr wahrscheinlich oder eher wahrscheinlich, dass Jugendliche Wege finden würden, gesetzliche Altersgrenzen zu umgehen – etwa über geteilte Geräte oder den Wechsel zu weniger regulierten Plattformen. Nahezu niemand glaubt, dass eine Altersgrenze allein Jugendliche zuverlässig vom Zugang abhalten würde.
Die Empfehlungen, die UNICEF formuliert, gleichen in weiten Teilen denen, die der Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit in einer Stellungnahme beschrieben hat. UNICEF rät:
- Kinder und Jugendliche als Expertinnen und Experten ihrer eigenen Lebenswelt einbeziehen
- Medienbildung und -kompetenz stärken
- Technologieunternehmen in die Verantwortung nehmen
- Schutzmaßnahmen ausgewogen und umfassend gestalten
- Prävention stärken und verlässliche Unterstützungsstrukturen ausbauen
Ähnliche Forderungen und Empfehlungen haben zuletzt die Caritas und die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ veröffentlicht. In einem Debattenbeitrag formuliert die Caritas, dass ein wirksamer Jugendmedienschutz auch vor physischen, psychischen und mentalen Risiken schützen sowie Teilhabe und Medienkompetenz junger Menschen stärken solle. Für Kinder, Jugendliche, Eltern und Fachkräfte sei wichtig, dass sie sich bei schwierigen Situationen wie Mediensucht, Cybermobbing oder Radikalisierung Hilfe bei Beratungsstellen, Hotlines oder Onlineangeboten holen können, formuliert die Caritas in einem ergänzenden Factsheet.
Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ kritisiert in ihrer Position Algorithmen, die auf maximale Verweildauer optimiert sind, die gezielt schädliche, polarisierende und radikalisierende Inhalte befördern. Sie erinnert daran, dass es sich bei Plattformen um privatwirtschaftlich organisierte Infrastrukturen handelt, die nicht demokratisch verfasst sind, sondern primär ökonomischen Logiken folgen. Die Verbreitung von Desinformation, die Verstärkung polarisierender Inhalte sowie die Verbreitung demokratie- und menschenfeindlicher Diskurse und Haltungen werden durch Plattformlogiken begünstigt. Demokratiefeindlichkeit finde daher in sozialen Netzwerken strukturell günstige Bedingungen. Die AGJ fordert zudem, dass verlässliche und langfristige Finanzierung dafür sorgen muss, dass in der Kinder- und Jugendhilfe ein Begleitsystem mit qualifizierten Fachkräften wirken kann.
Text: Michael Scholl



