Diskriminierungs- und rassismuskritische Beratung im Jugendmigrationsdienst

Jugendliche und junge Erwachsene gestalten ihre Zukunft in einer Lebensphase voller Veränderungen. Sie treffen Entscheidungen für Schule, Ausbildung und Beruf, entwickeln ihre Identität und suchen ihren Platz in der Gesellschaft. Für viele junge Menschen mit Einwanderungsgeschichte gehören dabei auch Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen zu ihrer Lebensrealität. Diese Erfahrungen können den Zugang zu Bildung, Ausbildung und gesellschaftlicher Teilhabe erschweren und sich auf das Selbstwertgefühl, die psychische Gesundheit sowie Zukunftsperspektiven auswirken.

Für die JMD bedeutet dies, die Lebensrealitäten junger Menschen in ihrer ganzen Vielfalt in den Blick zu nehmen. Eine professionelle Beratung muss daher auch Raum für Erfahrungen mit Diskriminierung und Rassismus bieten, diese ernst nehmen und angemessen in den Beratungsprozess einbeziehen. Diskriminierungs- und rassismuskritisches Handeln ist damit kein zusätzlicher Aspekt der Beratung, sondern Teil einer professionellen, lebensweltorientierten und teilhabeorientierten Begleitung junger Menschen.

Diskriminierung erkennen – Erfahrungen ernst nehmen

Diskriminierung bezeichnet die Benachteiligung oder Ausgrenzung von Menschen aufgrund zugeschriebener Merkmale wie Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung, Behinderung, Alter oder sozialem Status. Sie entsteht nicht nur im zwischenmenschlichen Miteinander, sondern wird auch durch gesellschaftliche und institutionelle Strukturen geprägt. Für viele Ratsuchende zeigt sich dies ganz konkret – etwa beim Zugang zu Bildungsangeboten, auf dem Wohnungsmarkt, bei der Ausbildungs- oder Arbeitsplatzsuche oder im Kontakt mit Behörden. Hinzu kommen alltägliche Formen des Rassismus, die häufig unscheinbar erscheinen, sich jedoch über die Zeit summieren und das Gefühl von Zugehörigkeit beeinträchtigen können. Beratung kann dazu beitragen, solche Erfahrungen anzuerkennen und gemeinsam mit den jungen Menschen einzuordnen.

Beratung als gemeinsamer Reflexions- und Empowermentprozess

Diskriminierungs- und rassismuskritische Beratung geht über die Vermittlung von Informationen hinaus. Sie eröffnet Räume, in denen Erfahrungen ausgesprochen, ernst genommen und gemeinsam reflektiert werden können. Ziel ist es, junge Menschen in ihrer Handlungsfähigkeit zu stärken, ihre Ressourcen sichtbar zu machen und sie – wenn gewünscht – über Unterstützungs- und Beschwerdemöglichkeiten sowie rechtliche Handlungsspielräume zu informieren. Empowerment bedeutet dabei nicht, Verantwortung für Diskriminierung auf die Betroffenen zu verlagern. Vielmehr unterstützt Beratung junge Menschen darin, eigene Strategien zu entwickeln, Solidarität zu erfahren und ihre Rechte wahrzunehmen.

Eine professionelle Haltung, die kontinuierlich weiterentwickelt wird

Diskriminierungs- und rassismuskritische Beratung ist keine Methode, die einmal erlernt und anschließend abgeschlossen ist. Sie ist ein fortlaufender professioneller Reflexionsprozess. Fachkräfte sind immer wieder gefordert, die eigene Haltung, Vorannahmen und mögliche unbewusste Vorurteile zu hinterfragen sowie die Auswirkungen institutioneller Strukturen auf die Beratungspraxis mitzudenken. Dieser Prozess lebt vom fachlichen Austausch, von Fortbildungen, Supervision und kollegialer Beratung. Ebenso wichtig ist die Bereitschaft, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und die eigene Praxis kontinuierlich weiterzuentwickeln. Eine diskriminierungs- und rassismuskritische Haltung entsteht nicht durch einzelne Maßnahmen, sondern wächst mit der regelmäßigen Auseinandersetzung mit der eigenen professionellen Rolle und den Erfahrungen der Ratsuchenden.

Ziele diskriminierungskritischer Beratung im Jugendmigrationsdienst

Diskriminierungs- und rassismuskritische Beratung verfolgt das Ziel,

  • junge Menschen in ihrer Würde und ihren Erfahrungen ernst zu nehmen,
  • Handlungssicherheit im Umgang mit Diskriminierung zu stärken,
  • Teilhabechancen zu fördern und Barrieren sichtbar zu machen,
  • über Unterstützungs- und Beschwerdemöglichkeiten zu informieren sowie
  • eine Beratungskultur weiterzuentwickeln, die Vielfalt anerkennt und Ausgrenzung entgegenwirkt.

Unterstützung für die Praxis: Praxisreader „Diskriminierungs- und rassismuskritische Beratung im Jugendmigrationsdienst“

Der Praxisreader versteht sich als fachliche Orientierung und als Begleiter für den Beratungsalltag. Er verbindet wissenschaftliche Grundlagen mit praxisnahen Impulsen und greift Fragestellungen auf, die Fachkräfte in ihrer täglichen Arbeit beschäftigen. Neben Grundlagen zu Diskriminierung, Rassismus und Intersektionalität thematisiert er diskriminierungssensible Sprache, unterschiedliche Lebenslagen sowie die Bedeutung der eigenen professionellen Haltung. Checklisten, Reflexionsmethoden, Fallbeispiele und weiterführende Materialien unterstützen Fachkräfte und Teams dabei, die eigene Praxis weiterzuentwickeln und diskriminierungs- und rassismuskritische Perspektiven schrittweise in den Beratungsalltag zu integrieren. Der Reader versteht sich als Einladung und Unterstützung, diesen Weg gemeinsam weiterzugehen – im Interesse einer Beratung, die die Lebensrealitäten junger Menschen ernst nimmt und ihnen auf Augenhöhe begegnet.

Praxisreader herunterladen

Fazit

Diskriminierungs- und rassismuskritische Beratung ist kein zusätzliches Handlungsfeld der JMD, sondern eine grundlegende Voraussetzung für eine gelingende Beratung und echte Teilhabe. Wer junge Menschen auf ihrem Weg begleitet, muss ihre Lebensrealitäten ernst nehmen, Diskriminierung erkennen und benennen sowie Räume schaffen, in denen Erfahrungen anerkannt und gemeinsam reflektiert werden können. Sich diesem wichtigen Thema dauerhaft zu widmen, erfordert Offenheit, Ausdauer und manchmal auch den Mut, die eigene Haltung und vertraute Sichtweisen immer wieder kritisch zu hinterfragen. Gleichzeitig eröffnet dieser kontinuierliche Reflexions- und Entwicklungsprozess die Chance, Beratung weiterzuentwickeln und junge Menschen in ihrer Vielfalt noch besser zu begleiten. So können die JMD ihrem Anspruch zunehmend gerecht werden, Teilhabe zu fördern, Chancengerechtigkeit zu stärken und junge Menschen auf ihrem individuellen Lebensweg wirksam zu unterstützen.

Autorin: Özlem Tokyay

Ähnliche Artikel

Zum Inhalt springen