Digitale Medien prägen den Alltag junger Menschen. Informationen werden online recherchiert, Kontakte digital gepflegt und Unterstützungsangebote zunehmend über digitale Kanäle genutzt. Für die Jugendmigrationsdienste (JMD) wird diese Entwicklung zu einer wichtigen fachlichen Aufgabe. Wenn sich die Lebenswelten ihrer Zielgruppen verändern, müssen sich auch die Wege der Beratung und Begleitung weiterentwickeln.
Digitale Beratung eröffnet neue Möglichkeiten, Ratsuchende niedrigschwellig zu erreichen und Beratungsprozesse flexibler zu gestalten. Gleichzeitig gilt es, fachliche Standards, Datenschutz und die Qualität der Beratung auch unter digitalen Bedingungen sicherzustellen. Digitalisierung ist damit keine rein technische Entwicklung, sondern eine fachliche Gestaltungsaufgabe, die den Auftrag der JMD erweitert und zukunftsfähig macht.
Der JMD digital-hub: Digitale Transformation gemeinsam gestalten
Das trägerübergreifende Modellprojekt JMD digital-hub bietet die Chance, die digitale Transformation der JMD aktiv zu begleiten und an 24 Modellstandorten wertvolle Erfahrungen sowie Erkenntnisse für die Weiterentwicklung digitaler Beratungsangebote zu gewinnen. Ziel ist es, digitale und analoge Beratungsformen sinnvoll miteinander zu verbinden und den Zugang zu den Angeboten der Jugendmigrationsdienste für junge Menschen mit Migrationsgeschichte weiter zu verbessern. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht einzelne technische Lösungen, sondern die fachliche Weiterentwicklung der Beratung. So entstehen Blended-Counseling-Konzepte, virtuelle Gruppenangebote und gemeinsame Qualitätsstandards für die digitale Beratung. Ein weiterer zentraler Bestandteil des Projekts ist der JMD digital-hub selbst. Die digitale Plattform bündelt verschiedene Werkzeuge, die Fachkräfte bei der Zusammenarbeit mit Ratsuchenden unterstützen und digitale Beratungsprozesse erleichtern. Dazu gehören unter anderem ein Learning-Management-System (LMS), in dem Lern- und Informationsangebote bereitgestellt werden können, ein datenschutzkonformes Videoberatungssystem, digitale Terminbuchung sowie eine Wissensdatenbank für den fachlichen Austausch und den Wissenstransfer. Der JMD digital-hub schafft damit die technischen und organisatorischen Voraussetzungen, um digitale Innovationen nachhaltig in der Praxis zu verankern und die Beratungsqualität langfristig weiterzuentwickeln. Die wissenschaftliche Begleitung des Projekts übernehmen die FH Nordwestschweiz und die Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm. Beide Hochschulen verfügen über ausgewiesene Expertise in den Bereichen Blended Counseling sowie Online-Beratung und begleiten die Entwicklung des Projekts mit wissenschaftlicher Evaluation und fachlicher Expertise.
Digitale Beratung im JMD: Neue Möglichkeiten für junge Ratsuchende
Digitale Beratungsangebote erleichtern den Zugang zu Unterstützung und können bestehende Hemmschwellen abbauen. Gerade für junge Menschen, die sich neu in Deutschland orientieren, bieten digitale Kommunikationswege häufig einen unkomplizierten ersten Kontakt zu den JMD. Darüber hinaus schaffen digitale Formate mehr Flexibilität. Beratung kann ortsunabhängig stattfinden, Kontakte bleiben auch während Schul- oder Wohnortwechseln bestehen und wichtige Informationen können schnell bereitgestellt werden. Besonders in ländlichen Regionen oder bei eingeschränkter Mobilität verbessern digitale Angebote die Erreichbarkeit der Beratung erheblich. Ihr Mehrwert liegt jedoch nicht darin, persönliche Beratung zu ersetzen, sondern sie sinnvoll zu ergänzen und neue Zugänge zu eröffnen.
Blended Counseling: Beratung zwischen analog und digital
Vor diesem Hintergrund gewinnt das Konzept des Blended Counseling zunehmend an Bedeutung. Es verbindet persönliche und digitale Beratungsformen innerhalb eines gemeinsamen Beratungsprozesses und ermöglicht eine flexible Anpassung an die individuellen Bedürfnisse der Ratsuchenden. Ein Erstkontakt kann beispielsweise digital erfolgen, vertiefende Gespräche finden in Präsenz statt und weitere Absprachen werden online begleitet. Dadurch entstehen passgenaue Unterstützungsangebote, die unterschiedliche Lebenslagen und Kommunikationsgewohnheiten berücksichtigen. Unabhängig vom gewählten Kommunikationsweg bleibt die Qualität der Beziehungsgestaltung entscheidend. Vertrauen, Verlässlichkeit und Partizipation bilden auch im digitalen Raum die Grundlage professioneller Beratung.
Herausforderungen auf dem Weg zur digitalen JMD-Beratung
Die Digitalisierung eröffnet neue Chancen, bringt jedoch auch neue Anforderungen mit sich. Fachkräfte stehen vor der Aufgabe, Beratungsbeziehungen auch im digitalen Raum vertrauensvoll zu gestalten und gleichzeitig Datenschutz sowie Datensicherheit zuverlässig zu gewährleisten. Hinzu kommt die Frage der digitalen Teilhabe. Nicht alle jungen Menschen verfügen über die gleichen technischen Voraussetzungen oder digitalen Kompetenzen. Digitale Angebote dürfen bestehende Ungleichheiten daher nicht verstärken, sondern müssen barrierearm, inklusiv und leicht zugänglich gestaltet werden. Auch die Anforderungen an die Fachkräfte verändern sich. Digitale Beratung erfordert neben technischem Know-how ein reflektiertes Verständnis unterschiedlicher Kommunikationsformen sowie die Fähigkeit, digitale und analoge Methoden situationsgerecht miteinander zu verbinden.
Vorteile der Digitalisierung für Fachkräfte
Auch für die Fachkräfte der JMD bietet die digitale Transformation erhebliche Potenziale. Mit der Einführung der Impuls-Datenbank wurde bereits ein wichtiger Schritt zur digitalen Unterstützung der Beratungsarbeit vollzogen. Die digitale Dokumentation erleichtert den Zugriff auf Informationen, verbessert die Nachvollziehbarkeit von Beratungsverläufen und trägt zu einer sicheren Datenverwaltung bei. Die im Rahmen des JMD digital-hub entwickelten Anwendungen knüpfen an diese Erfahrungen an und erweitern die digitalen Arbeitsmöglichkeiten der Fachkräfte.
Welche Erwartungen die Praxis an diese Weiterentwicklung hat, zeigte sich unter anderem beim JMD-Kongress 2025 in Berlin. Dort beschrieben Fachkräfte den Wunsch nach einer zentralen digitalen Plattform, die eine ortsunabhängige Zusammenarbeit, digitale Beratungsprozesse und einen einfachen Austausch von Materialien ermöglicht. Solche Lösungen können die Zusammenarbeit im Team stärken, organisatorische Abläufe vereinfachen und zugleich flexiblere Arbeitsformen unterstützen. Damit entstehen neue Möglichkeiten, berufliche Anforderungen und persönliche Lebenssituationen besser miteinander zu vereinbaren, ohne die Qualität der Beratung zu beeinträchtigen. Die Digitalisierung entfaltet ihren Mehrwert damit nicht nur für die Ratsuchenden, sondern auch für die Fachkräfte selbst. Voraussetzung dafür ist, dass technische Innovationen konsequent an den fachlichen Anforderungen der JMD ausgerichtet werden und die digitale Transformation als gemeinsamer Entwicklungsprozess verstanden wird.
Ausblick: Die Zukunft der Beratung gemeinsam gestalten
Die digitale Transformation der JMD ist kein zeitlich begrenztes Projekt, sondern Ausdruck eines umfassenden gesellschaftlichen Wandels. Junge Menschen bewegen sich selbstverständlich zwischen analogen und digitalen Lebenswelten und erwarten flexible Zugänge zu Information, Beratung und Unterstützung. Für die JMD bedeutet dies, bewährte Konzepte weiterzuentwickeln und digitale Möglichkeiten gezielt in ihre Arbeit zu integrieren. Die bisherigen Erfahrungen zeigen deutlich, dass digitale und persönliche Beratung keine konkurrierenden Ansätze sind. Vielmehr ergänzen sie sich: Digitale Angebote erleichtern den Zugang, schaffen Flexibilität und erweitern die Reichweite der Beratung. Persönliche Begegnungen bleiben zugleich unverzichtbar, wenn es um Vertrauensaufbau, Beziehungsgestaltung und die Begleitung komplexer Lebenslagen geht. Die Zukunft der Beratung liegt daher in einer reflektierten Verbindung beider Formen. Für die Fachkräfte der JMD eröffnet diese Entwicklung neue Handlungsmöglichkeiten, erfordert zugleich aber die Bereitschaft, bestehende Arbeitsweisen weiterzuentwickeln und neue Kompetenzen aufzubauen. Digitalisierung wird damit zu einer gemeinsamen Gestaltungsaufgabe von Trägern, Fachkräften und jungen Menschen.
Der Auftrag der JMD bleibt dabei unverändert: Junge Menschen mit Migrationsgeschichte auf ihrem Weg in Bildung, Ausbildung, Beruf und gesellschaftliche Teilhabe zu begleiten. Die Wege dorthin verändern sich jedoch. Digitale Beratung eröffnet neue Möglichkeiten, diesen Auftrag auch künftig wirksam umzusetzen – niedrigschwellig, flexibel und nah an den Lebenswelten junger Menschen. Digitale Transformation bedeutet deshalb nicht, Bewährtes zu ersetzen, sondern die Stärken der JMD in die Zukunft zu übertragen.
Autor*innen: Uwe Helms, Özlem Tokyay



