Nationaler Bildungsbericht 2026: Bildungsgerechtigkeit braucht mehr als Schule

Der 11. Nationale Bildungsbericht 2026 bietet eine umfassende empirische Bestandsaufnahme des deutschen Bildungswesens. Im Mittelpunkt dieser Ausgabe stehen Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft.

Julia Schad-Heim, Referentin für Bildung und Jugendsozialarbeit bei IN VIA Deutschland im Netzwerk der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) e. V. kommentiert die Ergebnisse und ordnet ihre Bedeutung für die schulbezogene Jugendsozialarbeit und Schulsozialarbeit ein.

Trotz zahlreicher Programme und steigender Bildungsausgaben in den Bundesländern hängen Bildungschancen in Deutschland weiterhin eng mit der sozialen Herkunft junger Menschen zusammen. Zwischen 2024 und 2026 wurden fast 350 Maßnahmen der Länder sowie 13 Maßnahmen auf Bundesebene dokumentiert, die mehr Bildungsgerechtigkeit fördern sollten. Das Fazit des Berichts bleibt dennoch ernüchternd: Gravierende Bildungsunterschiede bestehen weitgehend fort.

Besonders deutlich zeigt sich dies bei den Kompetenzen 15-jähriger Jugendlicher. 39 Prozent der Jugendlichen aus sozial stark benachteiligten Familien erreichen im Lesen die niedrigste Kompetenzstufe, in Mathematik sind es sogar 47 Prozent. Bei Jugendlichen aus sozial privilegierten Familien liegen die entsprechenden Anteile jeweils bei nur acht Prozent. Die soziale Herkunft bleibt damit einer der stärksten Einflussfaktoren auf den Bildungserfolg. Auch die Quote der Schulabgänger*innen ohne Schulabschluss nimmt weiterhin zu und liegt laut Bericht bei 8 Prozent.

Der Bericht macht zudem deutlich, dass sich Bildungsungleichheiten über die gesamte Bildungsbiografie hinweg verfestigen. Statt weiterer Einzelmaßnahmen fordern die Autor*innen deshalb eine langfristige Gesamtstrategie mit verlässlichen Unterstützungsketten an den Übergängen im Bildungssystem.

Bildungsgerechtigkeit entsteht nicht allein im Unterricht

Bildungspolitische Debatten konzentrieren sich häufig auf Kompetenzentwicklung bei jungen Menschen, Unterrichtsqualität sowie die Gewinnung und Entlastung von Lehrkräften. Der Bildungsbericht zeigt jedoch, dass dies allein nicht ausreicht.

Kinder und Jugendliche kommen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule. Armut, psychische Belastungen, familiäre Krisen, Diskriminierungserfahrungen, ungleiche Bildungsressourcen oder eingeschränkte Teilhabemöglichkeiten prägen den Alltag vieler junger Menschen.

Schulen müssen deshalb weit mehr leisten als Wissensvermittlung. Sie sollen Demokratiebildung fördern, Inklusion ermöglichen, Persönlichkeitsentwicklung begleiten, psychische Belastungen auffangen, Bildungsübergänge unterstützen und mit Familien kooperieren.

Multiprofessionelle Zusammenarbeit konsequent stärken

Die Konsequenz liegt auf der Hand: Schule ist heute mehr denn je auf multiprofessionelle Zusammenarbeit angewiesen. Diese Kooperation muss vor Ort in und mit der Schule, im Sozialraum und auf der Ebene der Bildungssteuerung systematisch weiterentwickelt werden. Auch das im Bericht mehrfach erwähnte Startchancen-Programm sollte dieses unterstützende Umfeld noch stärker berücksichtigen als bisher.

Lehrkräfte, Schulpsychologie sowie Schul- und Jugendsozialarbeit und weitere Professionen bringen unterschiedliche Kompetenzen ein. Erst ihr abgestimmtes Zusammenwirken auf Augenhöhe ermöglicht fachliches Lernen, soziale Teilhabe, individuelle Förderung und psychosoziale Stabilisierung gleichermaßen.

Jugendsozialarbeit und Schulsozialarbeit übernehmen dabei eine besondere Brückenfunktion. Sie verbinden Schule mit der Kinder- und Jugendhilfe, Familien, Beratungsstellen und weiteren Unterstützungssystemen.

Der Bericht bestätigt die Bedeutung der Jugendsozialarbeit und Schulsozialarbeit

Mit aktuellen Daten zeigt der Bericht, was die Praxis seit Langem erlebt: Bildung gelingt nicht unabhängig von den sozialen Lebenslagen junger Menschen.

Multiprofessionelle Teams und die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe sind deshalb keine bloße Ergänzung schulischer Arbeit. Sie sind ein eigenständiger Bestandteil eines Bildungs- und Jugendförderungssystems, das Chancengleichheit ermöglichen soll.

Die Herausforderungen, die der Bericht beschreibt, gehören seit Jahren zum Kern sozialpädagogischer Arbeit: Teilhabe fördern, Übergänge begleiten, Konflikte bearbeiten, Familien einbeziehen, erste psychosoziale Unterstützung leisten und tragfähige Beziehungen aufbauen.

Jugendsozialarbeit und Schulsozialarbeit verfolgen dabei einen anderen Zugang als Schule. Ihr Ausgangspunkt ist die Lebenswelt der jungen Menschen. Sie fragen nicht nur, warum Leistungen ausbleiben, sondern auch, welche Lebensbedingungen Lernen und persönliche Entwicklung erschweren. Fachkräfte schaffen Vertrauen, vermitteln zwischen Schule und Familie, unterstützen in Krisen und stärken junge Menschen darin, ihren Lebens- und Bildungsweg aktiv zu gestalten.

Umso bedauerlicher ist es, dass der Bildungsbericht diese Professionen nur am Rande erwähnt.

Bildungsgerechtigkeit ist eine Gemeinschaftsaufgabe

Der Nationale Bildungsbericht 2026 zeigt zum wiederholten Male, dass Bildungserfolg in Deutschland weiterhin eng mit den sozialen Lebenslagen junger Menschen verknüpft ist. Das ist keine neue Erkenntnis – wohl aber eine wichtige empirische Bestätigung, dass Wandel im Bildungssystem und systematische Zusammenarbeit unterschiedlicher Professionen dringend notwendig sind. Denn, Bildungsgerechtigkeit entsteht dort, wo Schule, Kinder- und Jugendhilfe und weitere Unterstützungssysteme gemeinsam Verantwortung übernehmen.

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