Wie kann Beratungsarbeit junge Menschen in einer sich wandelnden Gesellschaft wirksam unterstützen? Welche fachlichen Antworten braucht es auf neue Herausforderungen? Und wie lassen sich Teilhabe, Chancengerechtigkeit und demokratische Mitgestaltung nachhaltig stärken? Mit diesen Fragen beschäftigten sichüber 100 Fachkräfte aus den Jugendmigrationsdiensten (JMD), den Respekt Coaches, dem Garantiefonds Hochschule (GF-H) sowie Vertreter*innen von Trägern und Fachorganisationen auf der JMD-Jahrestagung 2026 in Würzburg.
Unter dem Titel „Profession – Haltung – Wirkung: Perspektiven für die Beratungsarbeit im JMD“ bot die Veranstaltung drei Tage lang Raum für fachlichen Austausch, neue Impulse und die gemeinsame Weiterentwicklung der Praxis.
Wertschätzung für die Fachkräfte und ihre Arbeit
Eröffnet wurde die Tagung von Eva Reichertz aus dem Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) sowie dem Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS), Tom Urig. Beide würdigten das Engagement der Fachkräfte und hoben die besondere Bedeutung der Jugendmigrationsdienste in gesellschaftlich herausfordernden Zeiten hervor.
Eva Reichertz stellte die Lebenslagen vieler junger Menschen in den Mittelpunkt, die die Jugendmigrationsdienste täglich begleiten:
„Sie arbeiten mit jungen Menschen, die ihren Platz in unserer Gesellschaft suchen und oft von Unsicherheiten geprägt sind. Gleichzeitig erleben wir auch gesamtgesellschaftlich eine Zeit, in der Polarisierung zunimmt. Fragen nach Zugehörigkeit, Teilhabe und Perspektiven rücken stärker in den Fokus. Vor diesem Hintergrund kommt Ihrer Arbeit eine besondere Bedeutung zu.“
Auch Tom Urig betonte die unverzichtbare Rolle der Jugendmigrationsdienste für gesellschaftliche Teilhabe und Chancengerechtigkeit. Gerade angesichts wachsender Herausforderungen seien verlässliche Unterstützungsstrukturen wichtiger denn je:
„Die Jugendmigrationsdienste geben darauf seit vielen Jahren eine überzeugende Antwort. Sie stehen für Kontinuität, Fachlichkeit und Verlässlichkeit. Sie begleiten junge Menschen über längere Zeiträume hinweg, schaffen Zugänge zu Bildung und Ausbildung und unterstützen gesellschaftliche Teilhabe.“
Fachlichkeit weiterentwickeln, Wirkung sichern
Die diesjährige Tagung stand ganz im Zeichen der Frage, wie Beratungsarbeit auch künftig wirksam gestaltet werden kann. In Fachvorträgen und Diskussionen wurde deutlich, dass die Jugendmigrationsdienste auf ein breites Spektrum an Erfahrungen, Kompetenzen und erfolgreichen Ansätzen zurückgreifen können. Gleichzeitig wurde sichtbar, wie wichtig der kontinuierliche fachliche Austausch für die Weiterentwicklung der Arbeit ist.
Den ersten wissenschaftlichen Impuls setzte Dr. Reiner Becker von der Philipps-Universität Marburg mit seinem Vortrag „Professionalisierung von Beratung in polarisierenden, unsicheren Zeiten“. Ausgehend von aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen zeigte der Wissenschaftler auf, dass Fachkräfte zunehmend in Spannungsfeldern agieren: Gesellschaftliche Polarisierung, politische Verunsicherung und komplexe Lebenslagen junger Menschen stellen hohe Anforderungen an professionelle Beratungsarbeit. Gerade deshalb komme einer reflektierten professionellen Haltung besondere Bedeutung zu.
Deutlich wurde: Professionelle Beratung schafft Orientierung, stärkt Selbstwirksamkeit und fördert gesellschaftliche Teilhabe. Professionalisierung erschöpft sich dabei nicht in fachlicher Expertise, sondern verlangt eine reflektierte Haltung, Verantwortungsbewusstsein und den Mut, auch in polarisierten Zeiten demokratische Werte zu vertreten und junge Menschen zur aktiven Mitgestaltung ihrer Lebenswelt zu ermutigen.
Case Management als Fundament der JMD-Arbeit
Einen zweiten fachlichen Schwerpunkt setzte Prof. Dr. Matthias Müller von der Hochschule Neubrandenburg mit seinem Vortrag „Case Management als professionelles Gesamtkonzept der Jugendmigrationsdienste“.
Er verdeutlichte, dass die Arbeit der Jugendmigrationsdienste weit über punktuelle Beratung hinausgeht. Das Case Management bilde einen zentralen fachlichen Rahmen, um junge Menschen individuell, ressourcenorientiert und langfristig zu begleiten. Dabei stehen nicht einzelne Problemlagen im Vordergrund, sondern die Lebenssituation der jungen Menschen als Ganzes. Der Vortrag machte deutlich, dass die besondere Stärke der Jugendmigrationsdienste gerade in dieser ganzheitlichen Begleitung liegt: Sie verbinden individuelle Unterstützung mit Netzwerk- und Kooperationsarbeit und schaffen so nachhaltige Perspektiven für Bildung, Ausbildung und gesellschaftliche Teilhabe.
Praxiswissen trifft Zukunftsperspektiven
Neben den wissenschaftlichen Vorträgen standen insbesondere die Erfahrungen und Kompetenzen der Fachkräfte im Mittelpunkt der Tagung. In zahlreichen Workshops, die überwiegend von Mitarbeitenden der Jugendmigrationsdienste gestaltet wurden, diskutierten die Teilnehmenden aktuelle Herausforderungen und erfolgreiche Ansätze aus der Praxis. Die Themen reichten von diskriminierungskritischer Beratung über Demokratiebildung, geschlechtersensible Arbeit im JMD und digitale Kompetenzen bis hin zu Öffentlichkeitsarbeit, Kooperationen und Fragen der Programmgestaltung. Die Workshops boten nicht nur Raum für kollegialen Erfahrungsaustausch, sondern auch für die Entwicklung neuer Ideen, praxisnaher Lösungsansätze und gemeinsamer Perspektiven für die zukünftige Ausgestaltung der Arbeit.
Mit Haltung und Fachlichkeit Zukunft gestalten
Einen zukunftsgerichteten Schlusspunkt setzte Prof.in Dr.in Gesa Köbberling von der Evangelischen Hochschule Freiburg mit ihrem Impuls „JMD-Beratungsarbeit als Demokratiearbeit: Der Beitrag von Sozialer Arbeit zur Bildung (in) der Migrationsgesellschaft“. Ausgehend von der Frage, wie Demokratie und Demokratiebildung in einer vielfältigen Migrationsgesellschaft gelingen können, rückte sie die Rolle der Sozialen Arbeit als demokratische Akteurin in den Mittelpunkt. Soziale Arbeit, so Dr. in Gesa Köbberling, schafft Räume für Teilhabe, Anerkennung und Mitbestimmung und trägt dazu bei, demokratische Erfahrungen im Alltag junger Menschen erfahrbar zu machen. Die Beratungsarbeit der JMD wurde dabei als gelebte Demokratiearbeit verstanden: Sie stärkt Selbstwirksamkeit, eröffnet Zugänge zu gesellschaftlicher Teilhabe und unterstützt junge Menschen darin, ihre Interessen zu vertreten und ihre Rolle in einer pluralen Gesellschaft aktiv zu gestalten.
Zum Abschluss der Tagung richtete sich der Blick bewusst nach vorn. Im Namen des JMD-Kompetenzteams stellte Christine Müller Zukunftsperspektiven für die Weiterentwicklung der Jugendmigrationsdienste vor und eröffnete damit einen gemeinsamen Diskussionsraum über die Rolle der JMD in den kommenden Jahren.
Deutlich wurde: Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändern sich weiter. Junge Menschen wachsen in zunehmend vielfältigen und komplexen Lebenswelten auf. Migrationserfahrungen, unterschiedliche Bildungsbiografien, digitale Lebenswelten sowie vielfältige Zugehörigkeiten prägen die Realität einer von Superdiversität gekennzeichneten Gesellschaft. Standardisierte Unterstützungsangebote stoßen dabei immer häufiger an ihre Grenzen.
Vor diesem Hintergrund gewinnen individuelle und passgenaue Unterstützungsangebote weiter an Bedeutung. Die Jugendmigrationsdienste sehen ihre Zukunft daher verstärkt in einer maßgeschneiderten Begleitung komplexer Lebenslagen, die die unterschiedlichen Ressourcen, Bedarfe und Perspektiven junger Menschen in den Mittelpunkt stellt.
Als mögliche Entwicklungslinien wurden unter anderem hybride Beratungszentren diskutiert, die digitale und persönliche Unterstützung intelligent miteinander verbinden, sowie Demokratie-Labore, in denen junge Menschen Beteiligung, gesellschaftliche Mitgestaltung und demokratische Selbstwirksamkeit erfahren können. Darüber hinaus wurde die Bedeutung von Policy Work hervorgehoben, um die Erfahrungen aus der Praxis stärker in politische und gesellschaftliche Diskurse einzubringen und die Interessen junger Menschen sichtbarer zu machen.
Die vorgestellten Zukunftsbilder machten deutlich: Die Jugendmigrationsdienste verstehen sich nicht nur als verlässliche Beratungsangebote, sondern als aktive Mitgestalter einer vielfältigen und demokratischen Gesellschaft. Ihr Auftrag bleibt es, jungen Menschen Orientierung, Teilhabe und Perspektiven zu ermöglichen – heute und in Zukunft. Die JMD-Jahrestagung 2026 hat damit eindrucksvoll gezeigt, dass Profession, Haltung und Wirkung nicht nur das Motto der Veranstaltung waren, sondern die Grundlage einer zukunftsorientierten Jugendmigrationsarbeit bilden.
Text: Özlem Tokyay und Peter Müller



