Eine kleine Gruppe Menschen in Deutschland wird reicher – aber die Gesellschaft profitiert nicht dadurch. Nach dem aktuellen Global Wealth Report der Boston Consulting Group (BCG) besitzen rund 5.000 Superreiche inzwischen mehr als ein Viertel des deutschen Finanzvermögens. Zusammen mit etwa 700.000 Multimillionär*innen verfügen sie über mehr als die Hälfte des gesamten Finanzvermögens in Deutschland.
Gleichzeitig zeigt der aktuelle Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes : Mit 13,3 Millionen armutsbetroffenen Menschen und einer Armutsquote von 16,1 Prozent erreicht die Armut in Deutschland einen Höchststand der vergangenen fünf Jahre. Dabei sind junge Erwachsene zwischen 18 und unter 25 Jahren überdurchschnittlich häufig von Armut betroffen. Mit einer Armutsquote von 24,8 Prozent lebt nahezu jede* vierte junge Erwachsene in Armut. Beide Entwicklungen lassen sich nicht isoliert voneinander betrachten. Sie verweisen auf eine zunehmende soziale Polarisierung.
Jugendarmut ist eine strukturelle Herausforderung
Der Befund des Armutsberichts bestätigt, was der Monitor „Jugendarmut in Deutschland“ der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) seit Jahren dokumentiert: Jugendarmut ist kein vorübergehendes Phänomen einzelner Krisenjahre, sondern eine strukturelle Herausforderung mit weitreichenden Folgen für Bildungs- und Teilhabechancen junger Menschen.
Die Lebensphase zwischen Schule, Ausbildung, Studium und Berufseinstieg ist entscheidend für die weitere Lebensgestaltung. Hier werden wichtige Weichen für gesellschaftliche Teilhabe, wirtschaftliche Eigenständigkeit und soziale Integration gestellt. Wer in dieser Phase von Armut betroffen ist, verfügt häufig über deutlich geringere Spielräume. Armut erschwert die Verselbstständigung, begrenzt Teilhabemöglichkeiten und beeinflusst Bildungs- und Berufswege.
Besonders betroffen sind viele junge Menschen in Ausbildung und Studium, die zugleich mit hohen Wohnkosten und knappen finanziellen Ressourcen konfrontiert sind. Hinzu kommen unsichere Beschäftigungsverhältnisse, steigende Lebenshaltungskosten und ein angespannter Wohnungsmarkt. Für viele junge Menschen wird die Gestaltung eines eigenständigen Lebens damit zunehmend zur Herausforderung.
Die Frage nach Armut und Reichtum ist keine abstrakte verteilungspolitische Debatte
Die Frage nach Armut und Reichtum ist keine abstrakte verteilungspolitische Debatte. Sie berührt unmittelbar die Lebenslagen junger Menschen und damit den Kernauftrag der Jugendsozialarbeit. Wachsende soziale Ungleichheit beeinflusst die Voraussetzungen, unter denen junge Menschen aufwachsen, ihre Zukunft planen und an der Gesellschaft teilhaben können.
Der Global Wealth Report macht deutlich, dass sich finanzielle Ressourcen und Sicherheiten zunehmend an der Spitze der Gesellschaft konzentrieren. Gleichzeitig dokumentieren der Armutsbericht des Paritätischen und der Jugendarmutsmonitor, dass viele junge Menschen mit materiellen Unsicherheiten und eingeschränkten Teilhabechancen leben. Die Gegenüberstellung dieser Entwicklungen, zeigt, dass die Jugendsozialarbeit der Frage nicht ausweichen kann, unter welchen Bedingungen junge Menschen darauf vertrauen können, durch eigene Anstrengungen gesellschaftliche Teilhabe und soziale Sicherheit erreichen zu können.
Wenn Zukunft unsicher wird
Armut erhält eine zusätzliche Belastungsdimension, wenn Zukunftsperspektiven unsicher werden. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani beschreibt die Gegenwart als eine Zeit, die gleichzeitig von Fortschritt und Verunsicherung geprägt ist. Für junge Menschen in Armut verdichten sich multiple Krisen – steigende Lebenshaltungskosten, Wohnungsnot, Klimawandel oder internationale Konflikte – besonders stark.
Wenn Wohnen, finanzielle Stabilität oder gesellschaftlicher Aufstieg unerreichbar erscheinen, wird Zukunft zunehmend als unsicher statt als gestaltbar wahrgenommen. Zusätzlich erleben junge Menschen, dass Vermögen und Ressourcen immer ungleicher verteilt sind. Dies kann wie ein Verstärker wirken, die eigenen Chancen und soziale Aufstiegsmöglichkeiten als schwindend oder nicht vorhanden zu bewerten.
Die Folgen sozialer Ungleichheit zeigen sich nicht allein in (nicht zu erzielendem) Einkommen und (nicht vorhandenem) Vermögen. Sie prägen auch Erwartungen, Zukunftsbilder, Hoffnung oder Resignation junger Menschen. Jugendarmut ist nicht nur eine materielle Frage. Sie ist ebenso eine Frage der gesellschaftlichen Teilhabe, der Zukunftsperspektiven und auch der mentalen Gesundheit und damit eine zentrale politisch und strukturell zu lösende Herausforderung unserer Zeit.
Autorin: Silke Starke-Uekermann – Projektleitung Monitor „Jugendarmut in Deutschland“



