Zu wenig Jobs für Geringqualifzierte

Auszüge aus der IAB-Analyse Arbeitsmarktchancen von Geringqualifzierten von Dieter Bogai, Tanja Buch und Holger Seibert:
“ (…) Einerseits finden gering qualifizierte Arbeitslose schwer eine Beschäftigung, andererseits klagen viele Arbeitgeber über Schwierigkeiten, geeignete Bewerber für ihre vakanten Stellen rekrutieren zu können. Eine solche Situation wird als Mismatch bezeichnet: Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage passen aufgrund von qualifikatorischen, beruflichen oder regionalen Differenzen nicht zueinander. (…) Bis zu 45 Prozent der Arbeitslosigkeit können mit einem solchen Mismatch erklärt werden.
Mit dem Wandel zur Informations- und Wissensgesellschaft sind Arbeitsplätze mit niedrigen Qualifikationsanforderungen in den vergangenen Jahrzehnten hierzulande massiv abgebaut worden. Verlierer dieses Prozesses sind gering qualifizierte Erwerbspersonen, die den gestiegenen Anforderungen der Betriebe nicht mehr gerecht werden und die deshalb in besonderem Maße von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Zudem verläuft die Erwerbsintegration in Deutschland über berufsfachliche Arbeitsmärkte und selbst bei der Besetzung von Einfacharbeitsplätzen wird häufig ein Berufsabschluss als Zeichen für eine hohe Leistungsfähigkeit erwartet. (…)

Arbeitslose – viele Helfer, weniger Fachkräfte
(…) Von den 25- bis 64-jährigen Arbeitslosen sind bundesweit 45 Prozent aufgrund ihrer geringen Qualifikation auf die Suche nach Helfertätigkeiten beschränkt. Weitere 43 Prozent suchen nach einer Arbeit als Fachkraft und lediglich 5 bzw. 6 Prozent nach einer Spezialisten- bzw. Expertentätigkeit.

Arbeitslose Frauen sind sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland mit 50 und 52 Prozent deutlich häufiger auf der Suche nach Helfertätigkeiten als Männer mit 38 und 40 Prozent. Ursache könnte unter anderem eine Entwertung einstmals erworbener Qualifikationen aufgrund von Erwerbsunterbrechungen in der Familienphase sein.

Auch Arbeitslose ohne deutsche Staatsangehörigkeit suchen überdurchschnittlich häufig nach Tätigkeiten mit niedrigen Qualifikationsanforderungen. Hier sind sogar 60 Prozent in Ost- und 63 Prozent in Westdeutschland auf der Suche nach einer Arbeit als Helfer. Neben einem tatsächlich niedrigen Bildungsstand kann in dieser Gruppe auch die
Nichtanerkennung der im Ausland erworbenen Bildungsabschlüsse zu einer Beschränkung der Jobsuche auf Helfertätigkeiten führen. (…)

Betrachtet man die Arbeitslosen nach Alter, sind deren Qualifikationsprofile in den Gruppen zwischen 25 und 54 Jahren relativ gleich verteilt. (…)

Wo es die Geringqualifizierten besonders schwer haben
Vergleicht man die spezifischen Arbeitslosenquoten für die vier Anforderungsniveaus, zeigt sich, dass Arbeitslosigkeitsrisiken im Bereich der Helfer durchweg häufiger sind als im Bereich der (hoch) Qualifizierten. In Ostdeutschland, wo der Arbeitsmarkt noch immer wesentlich angespannter ist, liegt die Arbeitslosenquote im Helferbereich bei fast 35 Prozent. Im Westen fällt sie mit knapp 22 Prozent zwar deutlich geringer aus, der relative Abstand zu den Quoten für die Berufe mit höherem Anforderungsniveau ist aber
vergleichbar mit dem im Osten. (…)

Große regionale Unterschiede in der Arbeitslosenquote der Helfer zeigen sich nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch zwischen Großstädten und den übrigen Regionen in Deutschland. Liegt ihre Arbeitslosigkeit in den Großstädten bei fast 29 Prozent, so fällt sie in den übrigen Regionen um gut 6 Prozentpunkte geringer aus.
Auch zwischen den Bundesländern – und mehr noch zwischen den einzelnen Kreisen – sind große Unterschiede zu beobachten. In 37 der 77 Kreise bzw. kreisfreien Städte Ostdeutschlands liegt die Arbeitslosenquote im Helfersegment bei mindestens 34 Prozent. In weiteren 23 ostdeutschen Kreisen erreicht sie mindestens 25 Prozent. In Westdeutschland findet sich insbesondere in den altindustriellen Räumen im und um das Ruhrgebiet eine Reihe von Kreisen mit sehr ungünstiger Arbeitsmarktlage für arbeitslose Helfer. In Gelsenkirchen, Herne, Duisburg, Recklinghausen, Dortmund und Oberhausen liegt die Arbeitslosenquote der Helfer bei über 40 Prozent. Die insgesamt ungünstigere Situation in den Städten ist in dieser kleinräumigen Betrachtung ebenfalls zu erkennen:
Unter den bundesweit 54 Kreisen bzw. kreisfreien Städten mit einer Helferarbeitslosenquote von mindestens 34 Prozent befinden sich 26 Städte. (…)

Fazit
Ein großer Teil der Arbeitslosigkeit in Deutschland steht mit einer unzureichenden Qualifikation der Betroffenen im Zusammenhang. Fast die Hälfte der Arbeitslosen ist aufgrund zu geringer Bildungsabschlüsse bei der Arbeitsuche auf einfache Tätigkeiten beschränkt, die auf den jeweiligen regionalen Arbeitsmärkten zumeist nur in geringem Umfang nachgefragt werden.

In Ostdeutschland ist die Lage besonders prekär. In vielen Kreisen ist dort über ein Drittel der Menschen im Helferbereich arbeitslos. Gleichzeitig bietet der Arbeitsmarkt für Helfer an Standorten mit industriellen Betrieben und unternehmensnahen Dienstleistungen in einigen süddeutschen Regionen mit geringer Bevölkerungsdichte durchaus gute Bedingungen.

In den kommenden eineinhalb Dekaden ist zumindest kein weiterer massiver Abbau an Stellen für Ungelernte zu erwarten. Zwar geht der Bedarf an Arbeitskräften ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung bis 2030 noch zurück, bleibt aber auf substanziellem Niveau. Derzeit existiert ein Kern von rund 4 Millionen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen mit Helferanforderungen. (…)

Gleichwohl bleibt das Ungleichgewicht im Helfersegment aber zentrale arbeitsmarkt- und bildungspolitische Herausforderung. Regionale Mobilität von Arbeitslosen kann angesichts des insgesamt deutlichen Angebotsüberhangs nur relativ wenig zum Arbeitsmarktausgleich beitragen. Die gravierenden Beschäftigungsprobleme der Geringqualifizierten lassen sich nur langfristig lösen. Dabei ist die Anhebung des Bildungsniveaus zentral für die künftige Beschäftigungsfähigkeit von Personen mit geringer Qualifikation. Hierzu gehören auch und vor allem präventive Maßnahmen, wie die Vermeidung von Schul- und Ausbildungsabbrüchen, eine bessere Berufsorientierung sowie die gezielte Fort- und Weiterbildung. (…)

Zudem gilt es, im Vermittlungsprozess zu prüfen, ob die individuelle Leistungsfähigkeit eines Arbeitslosen trotz formal fehlender Übereinstimmung mit dem Anforderungsniveau eines Arbeitsplatzes einen Vermittlungsvorschlag im Einzelfall nicht doch rechtfertigt. (…) “

www.iab.de

Quelle: IAB Kurzbericht 11/2014

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