Auszüge aus der analytischen Studie: “Das Scheitern des beruflichen Bildungsprozesses aus der Perspektive der Betroffenen.” von Sebastian Klaus(Universität Magdeburg:
” (…) Gemein ist den BiographieträgerInnen unabhängig vom Status der Herkunftsfamilie folglich eine frühe Krisenerfahrung, die durch die Vernachlässigung einzelner Lebensbereiche und die problematische Situation im zentrierten Lebensbereich von Marginalität geprägt ist. Zu Marginalitätsgefühlen, auf deren Basis Stigmaakte ausgeübt werden, kommt es im Zuge der Konzentration auf einen Lebensbereich beinahe zwangsläufig in den peripheren. „Schule war ein/ auch sehr schwer für mich weil ich bin auch gehänselt und (.) gemobbt worden (.) ganz dolle“. Hinzu kommt jedoch, dass auch im zentrierten Lebensbereich Stigma und Marginalität vorzufinden sind. Das Scheitern in den Anforderungen bezüglich der Schule oder der Stabilisierung des Fami-lienalltags bewirkt bei den BiographieträgerInnen, dass die Ausübung von Stigmaakten sogar als legitim gesehen wird, wodurch sie sich freiwillig randseitig positionieren. Die instabile Situation erzeugt dementsprechend Verlaufskurvenpotential, das wiederum zu neuen Bearbeitungsstrategien führt. (…)

Gründend auf den frühen Erfahrungen von Marginalität und Stigma, der Wirkungsmächtigkeit des Verlaufskurvenpotentials und der dadurch entstehenden Instabilität bilden die Betroffenen eine biographische Verletzungsdisposition aus, die später in der unvollendeten Berufsausbildung reaktiviert wird. „Wie jesacht das hängt (.) alles damit zusammen was alles damals passiert is“. (…)

Der Prozess der unvollendeten Berufsausbildung
Das Aufkeimen und die Zunahme der Neigung zur vorzeitigen Vertragslösung ist immer ein fließender Prozess, in dem sich mehrere Faktoren anhäufen, die, trotz aller Bemühungen, nicht bearbeitet werden (können). Er gliedert sich in vier Schlüsselsituationen: 1. Das Entdecken der fehlenden Passung, 2. Die Initiation des Abwägens, 3. Die Entscheidung zur vorzeitigen Vertragslösung und schlussendlich 4. Die Umsetzung dieser. Die ersten beiden Schlüsselsituationen können im Prozess mehrfach auftreten und sich abwechseln. (…)

Einher gehen mit dem Entdecken der fehlenden Passung die nachlassende Identifikation mit der Berufsausbildung bzw. mit dortigen Personen(-gruppen) und die abnehmende Zugehörigkeit, insofern diese überhaupt bestand, da den BiographieträgerInnen häufig die Integration aktiv verwehrt und durch Stigmaakte demonstriert wird. „Dann war das noch schlimmer also das lief dann echt schon auf Mobbing hinaus […] und die haben (.) mich nicht registriert mich nicht angeguckt mit mir überhaupt gar nicht mehr gesprochen und ich wusst halt überhaupt gar nicht was das Problem ist“. Im Zuge der ausbleibenden oder nachlassenden Identifikation und Integration bzw. Zugehörigkeit begeben sich die Betroffenen in eine randseitige und stigmafähige Position, was gleichzeitig zur Reaktivierung der biographischen Verletzungsdisposition führt. (…) Gründend darauf verringert sich in einem eigendynamischen Prozess deren Handlungssicherheit und -fähigkeit und die Fehler im Ausbildungsalltag werden vielfältiger, was wiederum neues Stigmapotential schafft. „Dann hat man natürlich Fehler gemacht&weil man&s einfach nicht besser wusste und weil man sich och nich jetraut hat irgendwie nachzufragen“. (…)

Die Entscheidung zur vorzeitigen Vertragslösung wird ausgelöst durch den Verlust der letzten positiven Assoziation bezüglich der Berufsausbildung. Die Betroffenen sehen keine Möglichkeit mehr, die eingefahrene und im Prozess so weit fortgeschrittene Situation zu bearbeiten. Dementsprechend sind sie weder dazu in der Lage noch daran interessiert, auf Unterstützungsangebote von außen zurückzugreifen. Die vorzeitige Vertragslösung stellt für sie vielmehr selbst eine Bearbeitungsstrategie des zunehmenden Verlaufskurvenpotentials, der ab-nehmenden Handlungsfähigkeit und der Ausdehnung der Problemlagen dar. (…)

Der Freisetzungsprozess
(…) Einher geht mit der Fallensituation der Entwurzelung die Zerstörung oder zumindest Infragestellung der bis dato stabilen Beziehungsgeflechte. Das Ergebnis ist wiederum eine freiwillige Marginalität, die vornehmlich auf der Angst vor der Anwendung des Stigmas in verschiedenen Lebensbereichen basiert. Die Isolation bei der Bearbeitung in der Fallensituation steht somit in direkter Abhängigkeit zur (geglaubten) Präsenz des Entzugs der Anerkennung. „Von allen Seiten des Familienkreises habe ich dann ähm also Ablehnung erfahren die die wussten/ ich hab mit denen nicht darüber reden können […] die haben mich also heftig kritisiert alle dass ich n Faulpelz sei und n Drückeberger und dass ich ähm/ dass ich leicht/ leichtsinnig alles hinschmeißen würde oder hingeschmissen hätte […] in der Familie kein Rückhalt mehr war und meinen Freunden/ meinen besten Freunden und Kumpels musste ich vorlügen ich würde das noch weiter machen ja also auch denen konnte ich nicht anvertrauen aus Scham weil ich mich geschämt hätte“.

Durch den Zerfall des Identitätskonzepts, den Entzug der Anerkennung und die Instabilität der Beziehungsgefüge offenbart sich den Betroffenen die Notwendigkeit zur Neuordnung bzw. Modifikation ihrer Identitätskonstellation. Sie sind genötigt, eine Veränderung in der Gewichtung und Relevanzsetzung der Lebenszusammenhänge bzw. Bezugsgruppen vorzunehmen. Dafür begeben sie sich auf die Suche nach neuen signifikanten Anderen in bis dato sekundären Beziehungsgeflechten. (…)

Die biographische und berufliche Neuorientierung
Der Prozess der biographischen und beruflichen Neuorientierung ist ausgerichtet auf die Restrukturierung der Biographie, die Korrektur des Scheiterns, die Erarbeitung einer beruflichen und biographischen Stringenz, die Wiedererlangung von Anerkennung, die Abwendung des Stigmas sowie den Aufbau einer selbständigen und unabhängigen Lebensführung. (…)

Die Betroffenen beginnen ein neues Identitätskonzept zu kreieren. Der vergangene Freisetzungsprozess verdeutlicht ihnen, dass ein vollständiges und tragfähiges Identitätskonzept nur möglich ist, wenn auch der Beruf als sinn- und identitätsstiftender Faktor enthalten ist. (…) In dieser Etappe der Neuorientierung kommt es erstmals zu einer relevanten Hereinnahme des Berufs in die Neuordnung des Lebens, häufig begleitet von einem biographischen Handlungsschema oder Wandlungsprozess. (…) Die BiographieträgerInnen begeben sich auf die Suche nach einem passenden Berufsbild, in dem sie die Möglichkeit der Selbstverwirklichung und der Restabilisierung ihrer Biographie sehen. Orientierungsstiftend sind dabei alle vorherigen Erfahrungen im Beruf. Während die unvollendete Berufsausbildung zur negativen Abgleichsfolie wird, haben die nebenberuflichen Tätigkeiten vornehmlich positive Auswirkungen. Auch wenn sie zusätzlich auf Beratungsangebote zurückgreifen, achten sie im Kontrast zum ersten Berufsfindungsprozess stets auf ihre Selbstbestimmung. (…)

Im Zuge der Etablierung des neuen Identitätskonzepts entwickeln die BiographieträgerInnen Ideale und pragmatische Pläne der Lebensführung. Die Ideale gelten als Leitlinien und Orientierungs- bzw. Abgleichsfolien der Umsetzung des Identitätskonzepts. (…) Die pragmatischen Pläne fokussieren hingegen einzelne Etappen des angestrebten Entwicklungsprozesses und orientieren sich an den Möglichkeitsstrukturen und Rahmenbedingungen. Sie müssen nach dem Erreichen der einzelnen (Zwischen-)Qualifikationen stets neu formuliert werden. (…)

Fazit
Eine vorzeitige Vertragslösung in der Berufsausbildung ist weit mehr als eine Störung der Berufslaufbahn. Durch den kulturinhärenten Stellenwert des Berufs für die Selbstdarstellung und das Identitätskonstrukt hat sie Einfluss auf die gesamte Biographie, wird von anderen relevanten Lebensbereichen und deren RepräsentantInnen determiniert und wirkt sich auf diese aus. (…)

Es steht noch zur Diskussion, ob der berufliche Bildungsprozess in einem unvollendeten Ausbildungsverhältnis als gescheitert zu bewerten ist. Die Berufsausbildung selbst beurteilen die Betroffenen negativ. Der Prozess ist unvollendet und führt nicht zum avisierten Facharbeiterstatus. Verstärkt wird die Wirkung des Scheiterns über das nach der vorzeitigen Vertragslösung zum Tragen kommende Stigma und den Entzug der Anerkennung von relevanten Bezugspersonen. Das Scheitern wird darüber zum kanonischen, kulturinhärenten und legitimen Deutungsmuster bezüglich der vorzeitigen Vertragslösung.

Vor allem in puncto Qualifikation wirkt das Scheitern durch das Ausbleiben von Titeln und Zertifikaten begründet, da die vorzeitige Vertragslösung die Einnahme der angestrebten und erwarteten Position in der Gesellschaft verhindert. Wenn Qualifikation als Positionsbegriff definiert und nur im Hinblick auf ihre Verwertbarkeit oder die Outputsteuerung von Bildungsprozessen bewertet wird, dann ist die Qualifizierung in der Berufsausbildung im Zuge der vorzeitigen Vertragslösung als gescheitert zu bewerten.

Im Kontext Kompetenz- und Persönlichkeitsentwicklung gestaltet sich die Einordnung etwas schwieriger. Zwar können die Betroffenen zu Beginn der Berufsausbildung einen deutlichen Zuwachs an (beruflicher) Handlungsfähigkeit verbuchen, doch im weiteren Prozess verringert sich der Stellenwert der Berufsausbildung und die Handlungsfähigkeit nimmt sowohl in der Ausbildung als auch in der Alltagsorganisation fortwährend ab. Insbesondere in Bezug zur intendierten Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung der BiographieträgerInnen muss der berufliche Bildungsprozess als gescheitert eingeordnet werden. Deutlich wird dies anhand der Auswirkungen einer vorzeitigen Vertragslösung, symbolisiert in dem Zerfall des Identitätskonzepts und dem darauf folgenden Freisetzungsprozess. Der Zerfall des Identitätskonzepts führt jedoch selbst zu einem Kompetenzzuwachs in der Fallensituation und treibt die Persönlichkeitsentwicklung voran. Vor allem die Kompetenzen der Berufsorientierung und Biogra-phisierung sowie die Veränderungskompetenz erfahren einen deutlichen Schub. Es handelt sich hierbei aber keineswegs um eine Kompetenzentwicklung, die durch den beruflichen Bildungsprozess intendiert wurde. Stattdessen ist der Aufbau eines neuen Identitätskonzepts im Prozess der biographischen und beruflichen Neuorientierung eher den außerberuflichen Bildungsprozessen zuzuordnen.

Am Ende bleibt es ein Problem der Bewertung, Anerkennung und Zertifizierung von Kompetenzen und Qualifikationen, die außerhalb institutionalisierter Bildungsprozesse erworben bzw. nicht zum Abschluss gebracht werden. Eine vorzeitige Vertragslösung markiert zwar einen unvollendeten und auch gescheiterten Bildungsprozess, doch eröffnet sie den betroffenen Personen ebenso einen (ungewollten) Erfahrungshorizont, der ungeahnte Handlungspotentiale und Identitätsentwicklungen bereitstellt. Diese zu nutzen, fällt ihnen jedoch schwer, da die erworbenen Kompetenzen und Qualifikationen kaum verwertbar sind. Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass sich das Streben in der Neuorientierungsphase auf den Titelerwerb konzentriert, der zudem in unmittelbare Verbindung mit Anerkennung der Persönlichkeitsentwicklung durch relevante Bezugspersonen gebracht wird. ”

www.bwpat.de/ausgabe26/klaus_bwpat26.pdf

Quelle: bwp@Berufs- und Wirtschaftspädagogik-online Nr. 26