Was bedeutet Wirkung in der Jugendsozialarbeit? Woran lässt sich erkennen, dass Angebote für junge Menschen tatsächlich etwas verändern? Und wie kann Wirkung sichtbar werden, ohne die Komplexität sozialpädagogischer Arbeit auf Kennzahlen zu reduzieren?
Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Gesamtkonferenz der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) vom 29. September bis 1. Oktober 2026 im Jugendhaus Düsseldorf. Unter dem Titel „Von Bedarf zu Teilhabe – Wirkung in der Jugendsozialarbeit neu denken“ kamen Referent*innen der BAG KJS und ihrer Mitgliedsorganisationen zusammen, um unterschiedliche Perspektiven auf Wirkungsorientierung, fachliche Qualität und die Weiterentwicklung der Jugendsozialarbeit zu diskutieren.
Im Mittelpunkt stand dabei nicht die Suche nach einer einfachen Messgröße für Wirkung. Vielmehr ging es um die Frage, wie Wirkung fachlich bestimmt, reflektiert und angemessen beschrieben werden kann.
Wirkung von Anfang an mitdenken
Dr. Catherine Marten, Wirkungsmanagerin und Workshopleiterin bei PHINEO, gab einen Einblick in die Grundlagen der Wirkungsorientierung. Im Zentrum steht dabei die Verbindung von Zielgruppen, Bedarfen und angestrebten Veränderungen. Ausgehend davon lassen sich Wirkungsziele formulieren, Wirkungslogiken entwickeln und geeignete Formen des Monitorings und der Evaluation bestimmen.
Die Wirkungskette schafft dabei eine Struktur, um eingesetzte Ressourcen, erbrachte Leistungen und angestrebte Veränderungen miteinander in Beziehung zu setzen. Die PHINEO-Wirkungstreppe bietet eine Orientierung, um zwischen Leistungen eines Angebots und tatsächlichen Veränderungen bei den Zielgruppen zu unterscheiden.
Für die Praxis bedeutet das: Wirkungsorientierung beginnt nicht erst mit der Evaluation am Ende eines Projekts. Sie ist bereits bei der Konzeption relevant und kann dazu beitragen, Ziele zu schärfen, Annahmen zu überprüfen und die eigene Arbeit systematisch weiterzuentwickeln.
Zur Frage der Kommunikation von Wirkung gehört auch der Blick auf qualitative Erfahrungen. Storytelling kann quantitative Ergebnisse ergänzen und sichtbar machen, was hinter Reichweiten, Teilnahmezahlen oder anderen Kennzahlen steht.
Was ist eigentlich eine gute Wirkung?
Eine andere, ergänzende Perspektive eröffnete Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl, Theologe und Sozialethiker an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin. Unter dem Titel „Messen welcher Wirkung? Professionsethische Anmerkungen in unübersichtlichem Feld“ stellte er die Frage nach den normativen Grundlagen von Wirkung.
Jugendsozialarbeit ist eine sozialprofessionelle Intervention in die Lebensführung von Menschen. Damit verbindet sich eine besondere fachliche Verantwortung. Die entscheidende Frage kann deshalb nicht allein lauten, ob eine Wirkung eintritt, sondern auch, welche Wirkung als fachlich wünschenswert und verantwortbar gelten kann.
Ausgehend von seinem Verständnis Sozialer Arbeit als Menschenrechtsprofession rückte Lob-Hüdepohl Selbstbestimmung, Teilhabe, soziale Gerechtigkeit und die Achtung der Menschenwürde in den Mittelpunkt. Für die Jugendsozialarbeit bedeutet dies, Wirkung auch daran zu messen, ob junge Menschen Zugänge zu gesellschaftlichen Ressourcen erhalten und in ihrer Fähigkeit zur selbstbestimmten Lebensführung gestärkt werden.
Dabei geraten gerade jene Veränderungen in den Blick, die sich nur schwer in standardisierten Indikatoren abbilden lassen: soziale Beziehungen, Anerkennung, Handlungsspielräume oder die Erfahrung von Zugehörigkeit. Mit dem Begriff „Lebenslust“ beschrieb Lob-Hüdepohl eine Ressource, die Menschen darin unterstützen kann, wieder Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln und ihr eigenes Leben aktiv zu gestalten.
Auch das soziale Umfeld ist Teil dieser Prozesse. Jugendsozialarbeit wirkt nicht ausschließlich auf der Ebene individueller Unterstützung, sondern kann soziale Beziehungen stärken, Ressourcen im Sozialraum mobilisieren und Netzwerke fördern. Das Konzept der „Caring Community“ verweist dabei auf die Bedeutung tragfähiger sozialer Zusammenhänge.
Damit richtet sich der Blick auch auf die Grenzen einer rein quantitativen Betrachtung: Wenn Wirkung ausschließlich über das gemessen wird, was leicht zählbar ist, besteht die Gefahr, zentrale Qualitäten sozialer Arbeit aus dem Blick zu verlieren. Die Auseinandersetzung mit Wirkung muss deshalb auch berücksichtigen, was Jugendsozialarbeit für junge Menschen ermöglicht und welche gesellschaftlichen Veränderungen sie anstößt.
Die Gesamtkonferenz versteht Wirkungsorientierung damit nicht als reine Messaufgabe. Vielmehr geht es um eine fachliche Verständigung darüber, was als Wirkung von Jugendsozialarbeit gelten kann, wie unterschiedliche Wirkungsdimensionen sichtbar werden und welche Formen der Darstellung den komplexen Arbeitsfeldern gerecht werden.
Praxis erleben und Wirkung diskutieren
Wie sich solche Überlegungen in der Praxis zeigen, wurde bei einer Exkursion zur Diakonie Düsseldorf deutlich. Anhand konkreter Praxisbeispiele erhielten die Teilnehmenden Einblicke in unterschiedliche Arbeitsansätze Sozialer Arbeit und die Bedeutung des sozialen Umfelds für die Entwicklung junger Menschen.
Die Beispiele machten deutlich, dass Veränderungen häufig über längere Zeiträume entstehen und von verschiedenen Akteur*innen beeinflusst werden. Wirkung lässt sich deshalb nicht immer eindeutig einem einzelnen Angebot oder einer Organisation zuordnen.
Gerade darin liegt eine zentrale Herausforderung für die Jugendsozialarbeit: Wie lässt sich komplexe soziale Arbeit so beschreiben, dass ihre Qualität und ihr Beitrag zur Teilhabe sichtbar werden, ohne die Prozesse zu vereinfachen?
Vorhandenes Wissen stärker nutzen
Mit den „Wissensduschen“ wurde dieser Blick auf die Praxis erweitert. In kurzen Gesprächsrunden tauschten sich die Teilnehmenden darüber aus, welche Erkenntnisse aus den unterschiedlichen Arbeitsfeldern bereits vorliegen, welche Veränderungen beobachtet werden und welche Erfahrungen junger Menschen in die fachliche Reflexion einfließen.
Dabei wurde deutlich, dass in der Jugendsozialarbeit bereits vielfältiges Wissen vorhanden ist – in Dokumentationen und Auswertungen ebenso wie in der Erfahrung der Fachkräfte und in den Rückmeldungen der jungen Menschen. Die Herausforderung besteht eher darin, vorhandenes Wissen systematischer zu nutzen, miteinander zu verbinden und für die Weiterentwicklung der fachlichen Arbeit fruchtbar zu machen.
Wirkung braucht unterschiedliche Perspektiven
Die Diskussionen der Gesamtkonferenz machten zugleich deutlich, dass Wirkung aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden muss. Die Perspektive junger Menschen ist dabei ebenso relevant wie die der Fachkräfte, Kooperationspartner*innen und des sozialen Umfelds.
Quantitative Daten können Entwicklungen sichtbar machen und Hinweise auf Reichweite und Leistungen geben. Qualitative Erfahrungen können ergänzen, wie Veränderungen erlebt werden und was hinter den Zahlen steht. Beide Zugänge können sich sinnvoll ergänzen.
Für die Jugendsozialarbeit bedeutet dies, Wirkung nicht auf einen einzelnen Indikator zu reduzieren. Vielmehr braucht es einen differenzierten Blick auf unterschiedliche Wirkungsdimensionen – von unmittelbaren Veränderungen bei jungen Menschen bis hin zu längerfristigen Entwicklungen im sozialen Umfeld und in der Gesellschaft.
Wirkung als fachpolitische Frage
Die Auseinandersetzung mit Wirkung hat schließlich auch eine fachpolitische Bedeutung. Jugendsozialarbeit muss gegenüber Politik, Fördermittelgebern und Öffentlichkeit darstellen können, welchen Beitrag sie zur sozialen und beruflichen Teilhabe junger Menschen leistet.
Dabei geht es nicht nur um die Zahl der erreichten jungen Menschen oder erfolgreich abgeschlossenen Maßnahmen. Ebenso wichtig ist die Frage, welche Handlungsmöglichkeiten eröffnet, welche Teilhabe ermöglicht und welche Veränderungen angestoßen werden.
Wirkungsorientierung kann dabei ein wichtiges Instrument sein. Sie kann helfen, Ziele zu klären, die eigene Arbeit zu reflektieren, Qualität weiterzuentwickeln und den gesellschaftlichen Beitrag der Jugendsozialarbeit sichtbar zu machen.
Die Gesamtkonferenz hat damit vor allem eines gezeigt: Wirkung lässt sich nicht auf eine Kennzahl reduzieren. Sie beginnt beim konkreten Bedarf junger Menschen, entsteht in professionellen Beziehungen und Strukturen und kann sich auf unterschiedlichen Ebenen zeigen. Sie sichtbar zu machen, ohne ihre Komplexität zu verlieren, bleibt eine gemeinsame fachliche Aufgabe.
Text: Özlem Tokyay, Referentin Öffentlichkeitsarbeit und Jugendsozialarbeit



