Die kürzlich veröffentlichten PISA-Ergebnisse zeigen deutlicher denn je, wie eng Bildungserfolg in Deutschland mit sozialer Herkunft verbunden ist. Besonders anschaulich wird dies bei den Naturwissenschaften: Zwischen den sozioökonomisch begünstigten und benachteiligten 25 Prozent der Jugendlichen liegen 125 PISA-Punkte – im OECD-Durchschnitt sind es 85 Punkte. Der sozioökonomische Status erklärt in Deutschland 19 Prozent der Leistungsunterschiede, gegenüber 12 Prozent im OECD-Durchschnitt.
PISA nennt keine Ursachen für die insgesamt rückläufige Leistungsentwicklung junger Menschen. Die Ergebnisse machen aber deutlich: Lernen findet nicht unabhängig von Lebensbedingungen statt. Genau deshalb sind die Befunde auch für Schulsozialarbeit und schulbezogene Jugendsozialarbeit relevant.
Nicht nur Leistungen messen, sondern Lebensbedingungen in den Blick nehmen
PISA erfasst neben Kompetenzen von jungen Menschen auch ihre schulbezogenen Einstellungen, Erfahrungen und Lernbedingungen. Gemäß PISA 2025 geben 77 Prozent der Jugendlichen an, neugierig auf viele verschiedene Dinge zu sein. Jedoch sehen 33 Prozent Schule als Zeitverschwendung. 31 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland berichten, einige Male im Monat von mindestens einer Form von Mobbing betroffen zu sein. Im OECD-Durchschnitt sind es 20 Prozent.
Diese ausgewählten Ergebnisse verdeutlichen: Bildungsgerechtigkeit ist mehr als die Frage, was Jugendliche in Tests abrufen können. Entscheidend ist auch, wie sie Schule erleben, ob sie sich dort sicher und zugehörig fühlen, ob sie Motivation entwickeln können und ob sie bei Schwierigkeiten Unterstützung erhalten. Dafür braucht es sozialpädagogische Angebote, die die Lebenssituation junger Menschen in den Blick nehmen und bedarfsgerecht handeln können. Insbesondere Schulsozialarbeit schafft niedrigschwellige Zugänge zu Beratung und Unterstützung, fördert Beteiligung, bearbeitet Konflikte und kann frühzeitig ansetzen, bevor Schwierigkeiten größer werden. Schulsozialarbeit braucht dafür aber verlässliche Rahmenbedingungen, ausreichend Ressourcen und fachliche Eigenständigkeit.
Jugendsozialarbeit reicht über Schule hinaus
Für junge Menschen in besonders schwierigen Lebenslagen reicht der Blick auf Schule allein nicht aus. Schulbezogene Jugendsozialarbeit baut Brücken zwischen Schule, Jugendhilfe und Sozialraum – insbesondere bei sozialer Benachteiligung, schwierigen Übergängen und Schulabsentismus.
PISA untersucht weder Schulabsentismus noch seine Ursachen. Die Studie zeigt aber, dass 14 Prozent der Jugendlichen in Deutschland in den zwei Wochen vor der Befragung mindestens einen ganzen Schultag unentschuldigt gefehlt hatten. Im OECD-Durchschnitt waren es 22 Prozent. Gerade hier braucht es einen Blick auf die gesamte Lebenssituation junger Menschen. Schulabsentismus lässt sich nicht allein mit schulischen Maßnahmen bearbeiten. Angebote und Projekte der Jugendsozialarbeit können dazu beitragen, Zugänge wiederherzustellen, Vertrauen aufzubauen und gemeinsam mit jungen Menschen Perspektiven zu entwickeln.
Jetzt ins Handeln kommen
Aus den PISA-Ergebnissen und den Erfahrungen der Praxis lassen sich vier Handlungsfelder ableiten:
Schulsozialarbeit und Jugendsozialarbeit verlässlich ausbauen
Junge Menschen sollten an jeder Schule eine verlässliche sozialpädagogische Ansprechperson finden können. Dafür braucht es dauerhaft finanzierte und fachlich abgesicherte Angebote der Schulsozialarbeit und der schulbezogenen Jugendsozialarbeit nach § 13a bzw. §13 SGB VIII.
Schule und Jugendhilfe systematisch verbinden
Bildung profitiert von multiprofessionellen Teams. Lehrkräfte, Sozialpädagog*innen und weitere Fachkräfte bringen unterschiedliche Perspektiven zusammen und können junge Menschen umfassend begleiten. Dafür braucht es verlässliche Kooperationsstrukturen und ausreichend zeitliche Ressourcen.
Frühe Unterstützung und Übergangsbegleitung stärken
Junge Menschen sollten Unterstützung erhalten, bevor sich Schulabsentismus, Schulabbrüche oder Schwierigkeiten beim Übergang in Ausbildung verfestigen. Dafür brauchen Jugendsozialarbeit und Schulsozialarbeit Kapazitäten für individuelle Begleitung und verlässliche Beziehungen.
Bildungsgerechtigkeit braucht soziale Infrastruktur
PISA 2025 zeigt überdeutlich, wie stark Bildungschancen mit sozialer Herkunft verbunden sind. Junge Menschen sind auf gute Lernbedingungen angewiesen – aber auch auf verlässliche Beziehungen, Begleitung und präventive Angebote. Dafür braucht es ein Zusammenspiel von Schule, Kinder- und Jugendhilfe und Angeboten im Sozialraum. Eine stabile soziale Infrastruktur ist notwendig, um Bildungsgerechtigkeit zu stärken.
Autorin: Julia Schad-Heim, Referentin für Bildung und Jugendsozialarbeit bei IN VIA Deutschland im Netzwerk der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) e. V.



