Manche dürfen sich finden. Andere sollen funktionieren. – Ein Kommentar

Viele sehen die Zeit zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr als eine Zeit der Selbstfindung. Der Entwicklungspsychologe und in Amerika lehrende Professor Jeffrey Arnett beschreibt diese Phase im Gespräch mit Bertram Eisenhauer in der Frankfurter Sonntagszeitung vom 10. Mai als „emerging adulthood“; eine Phase zwischen Jugend und Erwachsensein, die von Suche, Unsicherheit und offenen Möglichkeiten geprägt ist. Die Frage, wer sich diese Zeit der Orientierung überhaupt leisten kann, bleibt leider weitgehend unbeantwortet.

Die Freiheit, erwachsen zu werden

Jeffrey Arnett beschreibt die Jahre zwischen 20 und 30 als eine eigenständige Lebensphase: „emerging adulthood“, das „aufkommende Erwachsenenalter“. Es ist eine Zeit des Suchens und der Orientierung. Junge Menschen probieren sich aus, wechseln Studiengänge oder Berufe, hinterfragen Beziehungen, ziehen um, beginnen neu. Arnett versteht diese Phase nicht als Scheitern oder Orientierungslosigkeit, sondern als notwendige Entwicklung in modernen Gesellschaften. Erwachsenwerden verlaufe heute langsamer, weniger geradlinig und individueller als früher. Darin liegt zunächst eine wichtige und entlastende Beobachtung. Denn viele junge Erwachsene erleben die 20er tatsächlich als Übergangszeit. Die Vorstellung, mit Anfang 20 bereits sicher zu wissen, wer man ist und wie das eigene Leben verlaufen soll, passt immer seltener zur Realität. Bildungswege dauern länger, Berufsbiografien werden brüchiger, gesellschaftliche Erwartungen werden widersprüchlicher. Die Freiheit, sich Zeit für Entscheidungen zu nehmen, kann wesentlich zur Persönlichkeitsentwicklung, zur Orientierung und zur psychischen Reifung beitragen.

Und doch bleibt bei Arnetts Konzept eine entscheidende Frage offen: Wer kann es sich eigentlich leisten, diese Zeit des Suchens zu haben? Denn die Möglichkeit sich der Phase des „emerging adulthood“ zu widmen, ist keineswegs gleich verteilt. Sie hängt stark davon ab, in welche sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse junge Menschen hineingeboren werden. Wer aus finanziell abgesicherten Familien stammt, erhält oft genau das, was diese Lebensphase benötigt: Zeit, Rückhalt, Fehlertoleranz und materielle Sicherheit. Umwege werden dort als Teil der Selbstfindung verstanden. Ein Studienabbruch gilt als Neuorientierung, ein Praktikum im Ausland als Erfahrung, eine längere Phase der Unsicherheit als persönlicher Entwicklungsprozess.

Wer darf sich Zeit zum Erwachsenwerden nehmen?

Für junge Menschen aus prekären Verhältnissen gelten dagegen häufig andere Maßstäbe. Wer von Armut betroffen ist oder in Familien aufwächst, die selbst um Stabilität kämpfen müssen, erlebt die Offenheit der Zwanziger oft nicht als Freiheit, sondern als Risiko. Der Druck, möglichst schnell eigenes Geld zu verdienen, Verantwortung zu übernehmen und „funktionieren“ zu müssen, beginnt früh. Zeit für Orientierung erscheint dort schnell als Luxus. Wie groß diese Gruppe ist, zeigt der Monitor „Jugendarmut in Deutschland“ der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS). Demnach war im Jahr 2023 jede vierte junge Person zwischen 18 und 24 Jahren armutsgefährdet. Der Monitor macht deutlich, dass Jugendarmut keine Randerscheinung ist, sondern eine zentrale soziale Realität in Deutschland. Armut bedeutet dabei weit mehr als fehlendes Geld. Sie beeinflusst Bildungswege, Wohnsituationen, Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe. Wer nicht weiß, wie die nächste Miete bezahlt werden soll oder ob das Geld für den Monat reicht, erlebt die Jahre des Erwachsenwerdens unter völlig anderen Bedingungen.

Hinzu kommen gesellschaftliche Vorurteile, die tief in klassistischen Denkmustern verwurzelt sind. Armut wird in Deutschland noch immer häufig individualisiert. Betroffenen Jugendlichen wird mangelnde Motivation unterstellt, fehlender Leistungswille oder eine vermeintliche „Bequemlichkeit“. Wer sich Zeit nimmt, gilt schnell als faul. Wer unsicher ist, erscheint als nicht belastbar. Während jungen Erwachsenen aus sozial besser gestellten Familien zugestanden wird, sich auszuprobieren, wird armutsbetroffenen Jugendlichen oft vermittelt, ihre Hilfsbedürftigkeit möglichst rasch überwinden zu müssen.

Gerade darin liegt jedoch ein gesellschaftlicher Widerspruch. Denn die psychologischen Entwicklungsaufgaben, die Arnett beschreibt (Identitätsfindung, emotionale Reifung, Zukunftsplanung), betreffen alle jungen Menschen gleichermaßen. Auch junge Menschen in prekären Lebenslagen brauchen Zeit, Stabilität und Unterstützung, um ihren Platz im Leben zu finden. Vielleicht sogar mehr als andere. Doch ausgerechnet ihnen wird diese Zeit häufig nicht zugestanden.

Deutlich wird diese Ungleichheit auch beim Blick auf junge Geflüchtete. Während Jeffrey Arnett beschreibt, wie wichtig Zeit zur Orientierung, zur Bildung und zur Entwicklung einer eigenen Identität ist, erleben viele geflüchtete junge Erwachsene vor allem den Druck, möglichst schnell wirtschaftlich verwertbar zu werden. Der sogenannte „Job-Turbo“ der Bundesregierung steht exemplarisch für diese Entwicklung. Seit 2023 verfolgt das Programm das Prinzip „Arbeit vor Qualifizierung“. Geflüchtete sollen möglichst früh in Beschäftigung vermittelt werden – teilweise bereits während oder unmittelbar nach Integrationskursen. Berufliche Weiterqualifizierung oder akademische Perspektiven geraten dabei schnell in den Hintergrund. Integration wird vor allem über schnelle Arbeitsaufnahme definiert.

Natürlich ist Arbeit ein wichtiger Bestandteil gesellschaftlicher Teilhabe. Problematisch wird es jedoch dort, wo jungen Menschen kaum noch Zeit bleibt, eigene Bildungswege zu entwickeln. Aus der Praxis der Bildungsberatung des Garantiefonds Hochschule ist bekannt, dass Geflüchteten teilweise sogar von einem Studium abgeraten wird, weil zunächst Sprachkurse oder längere Bildungswege erforderlich wären. Wenn Menschen aber ausschließlich unter dem Gesichtspunkt schneller Arbeitsmarktintegration betrachtet werden, werden ihre persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten eingeengt. Dabei bringen viele junge Geflüchtete hohe Bildungsaspirationen, hohe Motivation und vielfältige Erfahrungen mit. Doch anstatt ihnen Räume zur langfristigen Entwicklung zu eröffnen, erleben sie häufig eine Politik der Beschleunigung.

Erwachsenwerden – ein neues Privileg?

Während viele junge Erwachsene sich orientieren dürfen, wird jungen Menschen, die von Benachteiligung und Armut betroffen sind oder mit besonderen Herausforderungen, wie beispielsweise Fluchterfahrungen, zu kämpfen haben,  signalisiert, möglichst schnell ökonomisch funktionieren zu müssen.

Auf Grundlage des Jugendarmutsmonitor formuliert die BAG KJS konkrete gesellschaftliche Forderungen: bessere Bildungschancen, bezahlbaren Wohnraum, verlässliche soziale Unterstützung und einen niedrigschwelligen Zugang zu Hilfesystemen. Letztlich geht es dabei um weit mehr als Sozialpolitik. Es geht um die Frage, ob junge Menschen die Möglichkeit erhalten, ihre Zukunft selbstbestimmt zu gestalten.

Die Freiheit, erwachsen zu werden, ist damit selbst zu einer sozialen Frage geworden.

Wenn unsere Gesellschaft anerkennt, dass junge Menschen Entwicklungsräume benötigen, dann darf deren Zugang nicht vom Einkommen, Aufenthaltsstatus oder Bildungsstand der Eltern abhängen. „Emerging adulthood“ darf kein Privileg der Ober- und Mittelschicht sein. Es braucht politische und gesellschaftliche Bedingungen, die allen jungen Menschen ermöglichen, sich zu entwickeln, ohne permanent von Existenzsorgen, sozialem Druck oder Abstiegsängsten bestimmt zu werden. Denn gelingendes Erwachsenwerden entsteht nicht dort, wo junge Menschen möglichst früh funktionieren und einen Zweck erfüllen müssen. Es entsteht dort, wo sie die Chance erhalten, ihren eigenen Weg zu finden.

Autorin: Silke Starke-Uekermann – Referentin für Fachliches Controlling und Projektmanangement bei der BAG KJS, Projektleitung Monitor „Jugendarmut in Deutschland“

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