Über Wohnungslose in Deutschland wissen wir wenig. Sie kommen in der amtlichen Statistik nicht vor – fast so als existierten sie nicht. Dabei steigt ihre Zahl kontinuierlich an und Wohnungsnot verschärft sich. Nach Schätzungen der BAG Wohnungslosenhilfe ist die Zahl wohnungsloser Menschen seit 2014 um 150 Prozent angestiegen. Neben statistischen Daten zu Anzahl, Alter oder Geschlecht, mangelte es bisher auch an belastbaren Daten über die Lebenslagen Wohnungsloser, ihre Bedürfnisse, Sorgen und Nöte. Die erste systematische Untersuchung der Lebenslagen wohnungsloser Menschen in Deutschland schafft jetzt Abhilfe. Der Evangelische Bundesfachverband Existenzsicherung und Teilhabe e.V. (EBET) und die Alice Salomon Hochschule Berlin haben wohnungslose Menschen anhand von objektiven Kriterien nach ihrer materiellen Situation, ihrem Erwerbsstatus, ihrer Gesundheit, nach ihrer Wohnsituation, ihren sozialen Netzwerken und ihrer Sicherheit befragt. Außerdem wurden sie um eine subjektive Einschätzung ihrer Lebenssituation gebeten. Das Ergebnis: Viele Befragte schätzen sich subjektiv belasteter ein als die objektivierbaren Daten hergeben. Gut die Hälfte (52,2 %) der befragten 1.135 Wohnungslosen befindet sich in einer mittleren Lebenslage, 28 % in einer schlechten oder sehr schlechten. Werden nur die subjektiven Einschätzungen berücksichtigt, befinden sich allerdings mehr als 40 % in einer schlechten oder sehr schlechten Lebenslage.

Erste systematische und umfassende Untrersuchung der Situation wohnungsloser Menschen

Die Studie ist repräsentativ – zwar nicht für alle Wohnungslosen in Deutschland, aber doch für die, die Hilfe in den Einrichtungen der Diakonie erhalten. In insgesamt 70 Einrichtungen über alle Bundesländer hinweg füllten Wohnungslose den Fragebogen aus, in Städten ebenso wie auf dem Land. Künftig will die Diakonie die Befragung regelmäßig durchführen. Neben einer Bestandsaufnahme wären damit auch Entwicklungen aufzuzeigen.

Für die Erhebung entwickelten die Forscher gemeinsam mit Mitarbeitern der Diakonie und den Wohnungslosen selbst – ein Messinstrument für die Lebenslage der Wohnungslosen, den Lebenslagenindex. Dazu wurde die Situation der Wohnungslosen in verschiedenen Lebensbereichen betrachtet:

  • Wohnen
  • Gesundheit
  • Sicherheit
  • Materielle Situation
  • Erwerbsarbeit
  • Soziale Netzwerke/Teilhabe

Lebenssituation stellt sich differenziert dar

Die Befragten befinden sich zu 28 % in einer unterdurchschnittlichen (schlechten/sehr schlechten) Lebenslage, zu 19,7 % in einer überdurchschnittlichen (sehr guten/guten) und zu 52,2 % in einer mittleren Lebenslage. Bemerkenswert sind vor allem die Unterschiede der objektivierbaren und subjektiven Daten: Viele Befragte schätzen sich subjektiv als belasteter ein, als es die objektivierbaren Daten hergeben. Haupteinflussfaktor auf die Lebenslage insgesamt ist die existenzielle und ontologische Sicherheit der untersuchten wohnungslosen Menschen: Hierunter verbergen sich die tatsächliche Wohn-/Übernachtungssituation und die Wohnzufriedenheit, das Sicherheitsgefühl sowie der Zugang zu medizinischer Versorgung. Diese Aspekte sind existenziell und können nicht mit anderen Dingen kompensiert werden. Sie wirken sich nachhaltig auf das Gefühl aus, ob das eigene Leben sicher, berechenbar und geschützt ist.

Entsprechend konnten bei der statistischen Analyse der Daten als vulnerabelste Gruppe die Menschen identifiziert werden, die auf der Straße oder in ähnlich prekären Wohn- und Übernachtungssituationen leben: Knapp 2/3 von ihnen befinden sich in unterdurchschnittlichen Lebenslagen und fast 1/4 denkt sogar, ihre Lebenslage würde sich innerhalb eines Jahres noch verschlechtern. Besonders belastet sind Menschen aus sonstigen EU-Staaten: Fast 2/5 befinden sich in einer unterdurchschnittlichen Lebenslage. Ebenfalls als vulnerable Gruppe können Frauen identifiziert werden.

Bei den unterschiedlichen Altersgruppen erweisen sich die jüngeren Befragten als recht resistent angesichts ihrer objektiv teils sehr prekären Lebenslagen. Vor allem die mittleren Altersgruppen sind als besonders vulnerabel einzuschätzen.

Die besten Lebenslagen weisen allerdings Menschen auf, die erst kurz (< 1 Monat) wohnungslos sind. Dies spricht dafür, wohnungslose Menschen möglichst umgehend wieder in eigenen Wohnraum zu vermitteln, damit sich prekäre Lebenssituationen nicht verfestigen können.

Recht auf Wohnen

Die Diakonie sieht durch die Studie ihre Forderung nach einem Recht auf Wohnen bestätigt und appelliert an die Pflicht der Politik. “Wohnen ist keine Ware, sondern ein Menschenrecht”, sagt Maria Loheide, Vorstand für Sozialpolitik bei der Diakonie. “Wohnungslosigkeit verletzt die Menschenwürde jedes Einzelnen, missachtet individuelle Grundrechte und schadet unserer gesamten Gesellschaft”, ergänzt Jens Rannenberg, Chef der Wohnungslosenhilfe der Diakonie. Wohnungslose sollen so schnell wie möglich wieder in festen Wohnungen untergebracht werden. Für die Übergangszeit gilt es flexible Lösungen zu finden. „Housing First“ heißt das entsprechende Konzept. Denkbar sind sogenannte Tiny Houses, die nicht dem Baurecht unterliegen. Das Housing First Konzept umzusetzen hatte auch die 4. Bundeskonferenz der Straßenkinder (ende September) gefordert.

Quelle: Diakonie Deutschland; Alice Salomon Hochschule Berlin