Der DIW-Arbeitsmarktexperte Karl Brenke hat die aktuelle Lage auf dem Arbeitsmarkt in der EU für junge Menschen anaylsiert. Ein im DIW-Wochenbericht veröffentlichten Aufsatz zeigt, wie sich die Arbeitsmarktsituation der Jugendlichen in den letzten Jahren entwickelt hat.

Auszüge aus dem Beitrag von Karl Brenke:
Jugendliche in Europa: rückläufige Arbeitslosigkeit, aber weiterhin große Probleme auf dem Arbeitsmarkt
(…) Die Arbeitslosenzahlen beleuchten nur eine Seite des Arbeitsmarktes: das Angebot an Arbeitskräften – und auch das nur zum Teil. Die Programme der Jugendgarantie zielten indes nicht zuletzt darauf ab, Jugendliche in eine Beschäftigung zu bringen. Daher muss bei der Arbeitsmarktentwicklung der Jugendlichen auch der Verlauf der Erwerbstätigkeit betrachtet werden.

(…) Von der weltweiten Finanzkrise und der schwachen Konjunktur danach waren in der EU vor allem die Jugendlichen betroffen. Die Zahl der jungen Erwerbstätigen ging gleich mit dem Ausbruch der Krise stark zurück. Im Laufe der Zeit verlor der Rückgang zwar mehr und mehr an Tempo, hielt aber bis weit ins Jahr 2013 an. Danach nahm die Beschäftigung der Jugendlichen wieder zu; die Zahl der Erwerbstätigen ist aber immer noch fast 20 Prozent geringer als vor der Krise. Viel weniger dramatisch war dagegen die Entwicklung bei den Personen ab 25 Jahren. (…)

Vom 2. Quartal 2013 bis zum 2. Quartal 2017 stieg die Zahl der Erwerbstätigen um 5,4 Prozent. Bei den Jugendlichen waren es nur vier Prozent, ein Zuwachs von 700.000 Personen. Das Plus bei der Beschäftigung der Jugendlichen fiel also weit geringer aus – um eine Million – als der Rückgang bei der Arbeitslosigkeit. Folglich muss bei den Jugendlichen die Zahl der Erwerbspersonen, also Arbeitslose und Beschäftigte zusammengenommen, geschrumpft sein. Zum einen machte sich die Bevölkerungsentwicklung bemerkbar, denn die nachwachsenden Alterskohorten werden kleiner. (…) Zum zweiten hat sich das Erwerbsverhalten verändert. Bezieht man die Erwerbspersonen auf die gesamte Bevölkerung im jeweiligen Alter, ergibt sich die Erwerbsquote. Im zweiten Quartal 2013 belief sie sich bei den Jugendlichen auf 41,6 Prozent, vier Jahre später waren es 41,2 Prozent. Der Rückgang mag nicht groß erscheinen, in absoluten Zahlen ist er es aber schon. Hätte sich das Erwerbsverhalten nicht verändert, wären im Frühjahr dieses Jahres gut 200.000 Jugendliche mehr auf dem Arbeitsmarkt gewesen als es tatsächlich der Fall war. (…)

Allerdings zeigt die Erwerbsquote von lediglich 41,2 Prozent, dass nur eine Minderheit der Jugendlichen überhaupt auf dem Arbeitsmarkt aktiv ist. Unklar ist, ob die Erwerbsbeteiligung noch weiter abnimmt. (…)

Wenngleich die Arbeitslosenquote der Jugendlichen überdurchschnittlichen Schwankungen unterworfen ist, so ist doch die Jugendarbeitslosigkeit kein isoliertes Phänomen. Ihr Ausmaß hängt von der allgemeinen Arbeitsmarktlage ab: Je höher in den einzelnen Mitgliedsstaaten der EU die Arbeitslosenquote der Erwachsenen ist, desto höher ist dort auch die der Jugendlichen. Dieser Zusammenhang ist sehr stark.

Dennoch ist die Arbeitslosenquote bei den Jugendlichen viel höher als die der Erwachsenen: In der gesamten EU beträgt sie das 2,5-fache der Arbeitslosenquote der Erwachsenen. Daran hat sich in den letzten Jahren auch nichts geändert. Ein für die Jugendlichen weit überdurchschnittliches Arbeitslosigkeitsrisiko gibt es in allen europäischen Ländern. (…)

Die Arbeitslosenquote ist umso höher, je geringer die Qualifikation ist (…). Es könnte daher sein, dass die Jugendarbeitslosigkeit in der EU deshalb weit überdurchschnittlich ist, weil die jungen Arbeitslosen vergleichsweise schlecht qualifiziert sind. Dafür spricht aber wenig. Naturgemäß findet sich unter den jungen Arbeitslosen zwar ein geringerer Anteil an solchen mit einem Hochschulabschluss, dafür gibt es aber relativ mehr als unter den Erwachsenen mit einer mittleren Qualifikation (Abschluss einer Lehre oder Fachschule sowie Abitur). Keine großen Unterschiede zeigen sich indes hinsichtlich des Anteils jener Personen ohne Ausbildung (etwa 40 Prozent). (…)

Gegen die Hypothese, dass die hohe Jugendarbeitslosigkeit in der EU auf eine besonders ungünstige Qualifikationsstruktur der Jugendlichen zurückzuführen ist, spricht aber vor allem folgendes Phänomen: Je höher die formale Stufe der Qualifikation ist, desto größer sind die Untertenschiede in der Höhe zwischen den Arbeitslosenquoten von Jugendlichen und Erwachsenen. Gerade gut ausgebildete Jugendliche sind mithin im Vergleich zu den Älteren mit formal gleicher Qualifikation besonders im Nachteil. (…)

So haben sogar Jugendliche mit einer mittleren Ausbildung eine höhere Arbeitslosenquote als Erwachsene ohne Ausbildung. (…)

Fazit
Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Europa in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Die EU-Kommission sieht das als eine Folge der von ihr initiierten und im April 2013 vom Ministerrat beschlossenen „Jugendgarantie“ an. Tatsächlich begann der Abbau der Jugendarbeitslosigkeit just nach diesem Beschluss. Dies hing aber vor allem damit zusammen, dass die Beschäftigung im Zuge einer sich bessernden Konjunktur generell anzog und damit die Arbeitslosigkeit abnahm. Zwar ging sie unter den Jugendlichen stärker als unter den Erwachsenen zurück, das lag aber daran, dass sich entgegen dem allgemeinen Trend bei den Jugendlichen das Erwerbspersonenpotential verringerte – demografisch bedingt sowie infolge einer abnehmenden Erwerbsbeteiligung.

Hätte die „Jugendgarantie“ die ihr von der EU-Kommission zugeschriebene Wirkung gehabt, hätte sie sich bei der Beschäftigungsentwicklung zeigen müssen. Die Beschäftigung hat aber in den vergangenen vier Jahren unter den Jugendlichen in geringerem Maße als unter den Erwachsenen zugelegt. Was per Saldo an Jobs für Jugendliche in den letzten Jahren hinzukam, waren fast ausschließlich befristete Stellen. Überdies setzte sich ein großer Teil der zusätzlichen Arbeitsverhältnisse aus Teilzeittätigkeiten zusammen. (…)

Die „Jugendgarantie“ wurde auch nicht dem Anspruch gerecht, alle arbeitslos gewordenen Jugendlichen innerhalb von vier Monaten in einer Beschäftigungs- oder Qualifizierungsmaßnahme unterzubringen. So war im 2. Quartal dieses Jahres knapp die Hälfte der erwerbslosen Jugendlichen mindestens ein halbes Jahr arbeitslos. (…)

Die Arbeitsmarktsituation der Jugend zeigt zwar besondere Eigenheiten, es darf aber nicht verkannt werden, dass sie Teil der allgemeinen Entwicklungen des Arbeitsmarktes ist. Um auf sie Einfluss zu nehmen, sind andere Politiken gefragt: insbesondere die Finanz-, die Geld- und die Lohnpolitik.”

Die Analysen von Karl Brenke in vollem Textumfang entnehmen Sie dem DIW Wochenbericht über aufgeführtem Link.

Link: www.diw.de

Link: http://www.diw.de/sixcms/detail.php/568069

Quelle: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung