Die IAB-Studie analysierte die Lebensläufe von 23.160 Personen über einen Zeitraum von sieben Jahren bis ins Jahr 2014 hinein. Von besonderem Interesse sei dabei gewesen, ob und wie rasch die Leistungsbezieher eine ungeförderte Beschäftigung finden. Insgesamt waren zwischen 2005 und 2014 rund 16,7 Millionen Menschen zumindest zeitweise auf Hartz IV angewiesen.

Auszüge aus dem IAB-Kurzbericht für einige Dauerzustand, für andere nur eine Episode von Holger Seibert, Anja Wurdack, Kerstin Bruckmeier, Tobias Graf und Torsten Lietzmann:
” (…) von Anfang an prägen lange Bezugszeiten das Bild der Grundsicherung. Von den 6,2 Mio. Leistungsbeziehenden im Januar 2005 konnten 1,5 Mio. Personen den Bezug innerhalb eines Jahres verlassen oder zumindest unterbrechen. Nach fünf Jahren ist dies etwa 4 Mio. Personen gelungen. Rund eine Million Leistungsbeziehende befand sich von Januar 2005 bis Dezember 2014 durchgehend in der Grundsicherung. Bezogen auf den Anfangsbestand im Januar 2005 verbleiben damit gut 16 Prozent zehn Jahre durchgehend im Leistungsbezug.

Auch der Blick auf die bisherigen Bezugsdauern der hochgerechnet etwa 6 Mio. Leistungsbeziehenden im Dezember 2014 zeigt, dass lange Bezugsdauern überwiegen. Knapp die Hälfte (44 %) weist zu diesem Zeitpunkt eine ununterbrochene Bezugsdauer von vier Jahren und mehr auf. 23 Prozent befinden sich seit weniger als einem Jahr ununterbrochen in der Grundsicherung. Werden alle Bezugszeiten seit Januar 2005 berücksichtigt, summieren sich diese auf für 69 Prozent der Personen auf vier Jahre und mehr. (…) Bei der Interpretation der Bezugsdauern im Leistungsbezug sind mehrere Aspekte zu beachten. Einerseits bedeutet langer Leistungsbezug nicht automatisch auch lange Erwerbslosigkeit. So sind etwa 30 Prozent der erwerbsfähigen Leistungsbezieher gleichzeitig erwerbstätig. Andererseits täuschen die hohen durchschnittlichen Bezugsdauern aller Leistungsempfänger über die Tatsache hinweg, dass etwa die Hälfte der neu zugehenden Leistungsbezieher nach einem Jahr den Bezug wieder verlassen kann – wenn auch nicht immer nachhaltig. (…)

In den Biografien erwerbsfähiger Personen, die 2007 erstmals SGB-II-Leistungen bezogen haben, können neun typische Verlaufsmuster gebündelt werden. (…) ## Vollzeitbeschäftigung ungefördert, früh
## Vollzeitbschäftigung, Aufstocker
## Teilzeitbeschäftigung, Aufstocker
## Ohne Meldung
## SGB-II-Dauerbezug
## Vollzeitbeschäftigung ungefördert, spät
## Teilzeitbeschäftigung ungefördert
## Betriebliche Ausbildung
## Maßnahmen und SGB-II-Bezug

(…) Die Personen im Verlaufsmuster „Vollzeitbeschäftigung ungefördert, früh“ beziehen durchschnittlich 12,5 Monate lang SGB-II-Leistungen und sind damit die kürzeste Zeit von Sozialleistungen abhängig. Verlaufsmuster „Teilzeitbeschäftigung ungefördert“, verbleiben die Personen durchschnittlich 17,1 Monate im Leistungsbezug. Beide Cluster weisen relativ kurze Bezugsdauern auf, die sich vor allem auf das erste Jahr konzentrieren, nachdem die Personen erstmals SGB-II-Leistungen erhalten haben. (…) Verlaufsmuster „Vollzeitbeschäftigung ungefördert, spät“ und Cluster 6 „Betriebliche Ausbildung“ weisen mittlere Bezugsdauern auf (26,8 bzw. 36,4 Monate).Erwartungsgemäß fällt die Beschäftigungsdauer im Verlaufsmuster kürzer aus (18,6 gegenüber 34,9 Monaten), da hier zunächst Ausbildungszeiten anfallen.

Mit den Verlaufsmustern „Vollzeitbeschäftigung, Aufstocker“ und 5 „Teilzeitbeschäftigung, Aufstocker“ wurden zwei Sequenzmuster identifiziert, deren Personen zwar in Beschäftigung integriert sind, ihre Entlohnung aber im Haushaltskontext offensichtlich nicht ausreicht, um ohne Sozialleistungen leben zu können. Mit durchschnittlich 71,7 und 65,1 Monaten im Leistungsbezug sind diese Personen überdurchschnittlich lange darauf angewiesen. (…)

Die Verlaufsmuster „Maßnahmen und SGB-II-Bezug“ sowie 9 „SGB-II-Dauerbezug“ zählen mit 58,8 und 78,4 von 84 beobachteten Monaten ebenfalls zu den Verlaufsmustern mit den längsten Leitungsbezugsdauern. Ungeförderte Beschäftigung ist hier kaum zu beobachten. Beide zusammen umfassen 31 Prozent der untersuchten Personen. (…)

Fazit
SGB-II-Leistungsbezug ist für die Betroffenen häufig von langer Dauer. Etwa eine Million Menschen war in den ersten zehn Jahren seit Einführung der Grundsicherung für Arbeitsuchende sogar ununterbrochen auf Leistungen angewiesen. (…) Es gibt eine Reihe von ganz unterschiedlichen aber typischen Muster im Leistungsbezug, wobei eine deutliche Polarisierung zu erkennen ist: Einerseits finden sich Verlaufsmuster, bei denen es den Personen bereits während der ersten Beobachtungsjahre gelingt, den Leistungsbezug meist nachhaltig zu verlassen. Andererseits gibt es Personen, die beständig auf Leistungen angewiesen sind und nur in äußerst geringem Umfang in Beschäftigung zurückfinden. Bei einem Teil dieser Gruppe scheinen auch die eingesetzten arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen in dieser längerfristigen Betrachtung von insgesamt sieben Jahren nicht zu einer nachhaltigen Integration zu führen.

Allerdings fällt die Bildungsausstattung bei den Dauerbeziehern besonders niedrig aus: Hier dominieren fehlende Schulabschlüsse oder Hauptschulabschlüsse und nur eine Minderheit besitzt berufliche Bildungsabschlüsse. Aufgrund der Arbeitsmarktferne steht hier wohl eher ein langfristiges Heranführen an den Arbeitsmarkt im Vordergrund. (…)

Insgesamt verweisen die Ergebnisse auf sehr verschiedenartige Verlaufsmuster im Leistungsbezug. Entsprechend unterschiedlich fällt der Unterstützungsbedarf für die einzelnen Gruppen aus, die sich bezüglich ihrer arbeitsmarktrelevanten Merkmale gut voneinander unterscheiden lassen. Die Ergebnisse bestätigen, dass vor allem Bildungsunterschiede am auffälligsten hervortreten. Die bereits zum Eintritt in den Leistungsbezug bestehenden Disparitäten sind für den weiteren Arbeitsmarkterfolg prägend und sollten deshalb noch stärker in den Fokus bildungs- und arbeitsmarktpolitischer Bemühungen gerückt werden.”

Link: www.iab.de

Quelle: epd; IAB