einmal arm - immer arm

Jedes dritte Kind, das in einer einkommensarmen Familie aufwächst, lebt auch 20 Jahre später als junger Erwachsener noch in materieller Armut; konnte also der Armutsspirale nicht entkommen. So das Ergebnis der aktuellen Auswertung der AWO-ISS-Langzeitstudie zu Armut von Kindern und Jugendlichen. Armut in der Kindheit bedeutet nicht zwangsweise für das gesamte Leben arm zu sein. Es gibt keinen Automatismus, der aus armen Kindern zwingend arme Erwachsene werden lässt. Aber die Studie belegt: Viele junge Erwachsene mit Armutserfahrung entkommen der Armut nicht. Laut Studienleiterin Dr. Irina Volf vom ISS Frankfurt bleibt ein Drittel der armen Kinder auch im jungen Erwachsenenalter arm. Der Übergang ins junge Erwachsenenalter sei dabei ein Scheideweg im Leben dieser Menschen. AWO Bundesvorsitzende, Wolfgang Stadler, fordert daher einen Paradigmenwechsel in der Armutsbekämpfung. Er verlangt an den Übergangsphasen passende soziale Dienstleistungen und ein funktionierendes soziales Netz. Dann hätten Betroffene Chancen, der Armut zu entkommen. Die AWO formuiert ihre gesellschaftsolitischen Forderungen in einem Positionspapier.

Die Langzeitstudie im Auftrag der AWO verfolgt seit 20 Jahren die Lebensläufe von mehreren hundert Kindern, die Kindertagesstätten der AWO besucht haben. Die Panelstudie ist die fünfte Phase einer seit 1997 laufenden Langzeitstudie zur Kinder- und Jugendarmut. In ihr wurde Armut im jungen Erwachsenenalter quantitativ und qualitativ untersucht. Sie sind inzwischen 25 bis 26 Jahre alt. Sie und ihre Eltern wurden in regelmäßigen Abständen befragt.

Einmal arm – immer arm? Unterstützungsstrukturen machen den Unterschied

Die aktuelle Auswertung der Langzeitstudie belegt, dass inner- und außerfamiliäre Unterstützungsstrukturen und -ressourcen, die entlang des Lebensverlaufs in Kindheit und Jugend bereitgestellt werden, entscheidend sind, wenn die Armutsspiral unterbrochen werden soll. Demnach übersetzt sich Kinderarmut nicht automatisch in Armut im jungen Erwachsenenalter.

Eine positive Unterstützungsressource ist für viele Personen mit Armutserfahrung die Familie und gute Beziehungen zu innerfamiliären Bezugspersonen. Dabei handelt es sich in armen Familien meist um die Mütter, wie die Untersuchung offenbart. Väter sind häufig abwesend. Demzufolge tragen arme Mütter die doppelte Last der alleinigen Zuständigkeit der Versorgung und Fürsorge. In Familien kann es jedoch auch zur Reproduktion von Armut kommen. Diejenigen Befragten, die im jungen Erwachsenenalter bereits eine Familie gegründet haben, sind überdurchschnittlich häufig arm.

Mit Bildung gegen Armut kämpfen

Das Bildungsniveau im jungen Erwachsenenalter alleine ist kein Schutzfaktor für ein Leben ohne Armut. Die Studie deckt auf, dass bei gleicher Bildung das Armutsrisiko der befragten jungen Frauen doppelt so hoch ist, wie das von jungen Männern. Viele von Armut betroffene Kinder und Jugendliche haben alternativer Bildungswege genutzt, um der Armutsspiral zu entkommen, etwa über Berufskollegs. Auf diesem Weg wollten sie höhere Bildungsabschlüsse erzielen. Sie bemängeln eine fehlende gesellschaftliche Wertschätzung dieser „Umwege“.

Quelle: AWO