Attraktivität des Systems aus Sicht von Jugendlichen

Die Ergebnisse der Studie „Attraktivität des dualen Ausbildungssystems aus der Sicht von Jugendlichen“ zusammengefasst:

“ (…) Berufsorientierung und Berufswahl
Bildungseinmündung und -verläufe hängen stark von sozialen und ökonomischen Faktoren ab, und die Bildungschancen sind in Abhängigkeit von verschiedenen sozialen Merkmalen wie Schicht- und Milieuzugehörigkeit ungleich verteilt. Insbesondere das Merkmal „Migrationshintergrund“ beeinflusst die Bildungschancen nachhaltig negativ, wie alle einschlägigen Studien belegen. Auch das Geschlecht hat großen Einfluss auf die Ausbildungs- und Berufswege der jungen Generation und wirkt bereits auf die Art und Weise der Berufsorientierung, und zwar auf allen Leistungsebenen, ein. (…) Der besuchte Schultyp und der daraus resultierende Schulabschluss beeinflussen und determinieren die berufliche Allokation und damit notwendigerweise zwangsläufig die Art und Weise der künftigen Lebensführung insgesamt in entscheidendem Ausmaß.

Attraktivität der dualen Ausbildung bei Jugendlichen verschiedener Leistungsniveaus
Was die Attraktivität der dualen Ausbildung insgesamt sowie die Attraktivität bestimmter Berufsbilder betrifft, so wird zunächst eine ungebrochen hohe Affinität der Jugendlichen zum dualen System der Berufsausbildung konstatiert. Die duale Ausbildung stellt für den Großteil der Schulabgänger/-innen eine wichtige Option dar, wobei für deren Realisierung der Schulabschluss die entscheidende erklärende Variable darstellt. Einem Großteil der Hauptschulabsolvent/-innen (darunter viele mit Migrationshintergrund) gelingt der (direkte) Übergang ins duale Ausbildungssystem nicht, weil sie an den betrieblichen Zugangsbarrieren scheitern. Der „Umweg“ über schulische und außerschulische Maßnahmen im Übergangssystem wird von den Jugendlichen genutzt,um (höhere) Schulabschlüsse zu erwerben und ihre Ausgangsbedingungen am Ausbildungsmarkt zu verbessern. Diese durchaus rationale Strategie der „Chancenoptimierung“ verbessert nachweislich für einen Teil der Jugendlichen die Möglichkeit der Aufnahme einer Ausbildung. Für einen anderen Teil der Jugendlichen bilden die Maßnahmen allerdings den Beginn eines problematischen Verlaufs, der sie vom Ausbildungssystem zunehmend entfernt. (…)

Die Forschungsergebnisse weisen auf erhebliche Defizite hinsichtlich der Attraktivität vor allem bei Ausbildungsberufen hin, die eine hohe Zahl an unbesetzten Plätzen vorweisen. Es ist daher von einem nach Branchen und Berufsfeldern differenzierten Gestaltungsbedarf auszugehen, um die Attraktivität der dualen Ausbildung zu steigern. Angeregt werden in vielen Untersuchungen weitere Forschungsaktivitäten, was die Qualität des Ausbildungsprozesses und die Qualitätskriterien der betrieblichen Ausbildung betrifft. Die Diskussion um sinnvolle Qualitätssicherungssysteme und -entwicklungsprozesse steht noch am Anfang und sollte zielgerichtet vorangetrieben werden.

Vermittlung von berufswahlrelevanten Informationen
In einer frühen Phase der Berufsorientierung sind die Eltern – über alle sozialen Milieus und Leistungsniveaus hinweg – für die Jugendlichen in Fragen, wie es für sie nach der Schule weitergeht, wichtige Ansprechpartner. Es erscheint daher angebracht, auch dieser Zielgruppe einschlägige Informationsangebote in adäquater Form zu unterbreiten. Das gilt insbesondere für Eltern mit Migrationshintergrund, da es in diesen Milieus häufig größere Informationsdefizite gibt, was das deutsche Bildungs- und Ausbildungssystem betrifft. In späteren Abschnitten des Berufswahlprozesses spielen Peers eine zunehmend bedeutsame, wenn auch diffuse, Rolle als Referenzgruppe. Bezeichnend für die berufswahlbezogene Interaktion mit Peers ist, dass die Initiative dazu vorrangig von den Jugendlichen als Ratsuchenden selbst ausgeht.

Der Schule kommt zwar prinzipiell eine zentrale Rolle bei der Berufsorientierung und bei der Förderung der Berufswahlreife von Schülerinnen und Schülern zu. Es gibt allerdings eine beträchtliche Varianz, was Qualität und Quantität der Berufsorientierung und Übergangsplanung an einzelnen Schulen und Klassen betrifft. Es gibt auch kein einheitliches Konzept für die Einbettung berufsorientierender Inhalte in den Lehrplan. (…)

Was die Medien betrifft, so gilt als gesicherte Erkenntnis, dass die Bedeutung des Internet als Informationsquelle bei der Berufswahlinformation mit zunehmendem Alter und Leistungsniveau steigt. Elektronische Medien werden zur Vorbereitung auf die Studien- und Berufswahl vor allem von zukünftigen Studienberechtigten genutzt. Aus Sicht der Jugendlichen ist das Internet insgesamt vor allem eine Kommunikationsplattform und Unterhaltungsmedium. Die sozialen Netzwerke, deren Nutzung durch die zunehmende Verbreitung von internetfähigen Smartphones/ Handys stetig zunimmt, dienen vornehmlich der Beziehungspflege, die Rezeption und Diskussion von berufswahlrelevanten Informationen ist nachrangig. Die primäre Funktion des Internet und speziell der sozialen Netzwerke als Kommunikationsplattformen bietet jedoch grundsätzlich auch die Chance, mit Jugendlichen in kommunikative Prozesse zur Berufsorientierung einzutreten. Defizite werden konstatiert in Bezug auf medienpädagogische Internetseiten mit berufswahlrelevanten Inhalten, die (auch) niedrigschwellige Zugangswege bereitstellen und insofern dazu beitragen, einer „digitalen Spaltung“ entgegenzutreten. Sinnvoll scheint es zu sein, dass diese Portale medienpädagogisch betreut werden und Expertinnen und Experten zur Absicherung der Informationen herangezogen werden. (…)

Damit der Weg in die Ausbildung gelingt: Hinweise für eine zielgruppenspezifische Ansprache ## Zeitpunkt
Die Auseinandersetzung mit beruflichen Fragen erfolgt in hohem Maße in Abhängigkeit von der biografischen Situation der Jugendlichen und weniger in bestimmten Altersgruppen. Die Jugendlichen mit Hauptschul- oder vergleichbaren Abschlüssen sind vor allem im letzten Schuljahr offen für eine berufsbezogene Adressierung, da zu diesem Zeitpunkt die Entscheidungsfindung noch in vollem Gange ist. Ein geeignetes Zeitfenster für die Adressierung berufsbezogener Botschaften besteht im letzten Halbjahr vor Beendigung der Schule. Bei angehenden Absolvent/-innen mit Mittlerer Reife beginnt die Planungsphase dagegen bereits einige Monate früher, meistens bereits im vorletzten Schuljahr. Auch die Phase von drei Jahren nach dem Schulabschluss, in der insbesondere benachteiligte Jugendliche keinen Zugang zu einer Ausbildung finden, könnte verstärkt zur Ansprache im Hinblick auf ggf. sozialpädagogisch unterstützte duale Ausbildungsformate genutzt werden. (…)

## Zielgruppe Jugendliche
Die Zielgruppen für eine themenbezogene Ansprache sind sehr heterogen. Es sind vor allem drei Merkmale, die dabei zu beachten sind:
* das Bildungsniveau (indiziert durch den Schulabschluss),
* das Geschlecht,
* der Migrationshintergrund.
Grundsätzlich haben vor allem männliche Jugendliche mit niedrigeren Bildungsabschlüssen eine hohe Affinität zur dualen Ausbildung. Zudem sind Potenziale von Jugendlichen, die verstärkt für eine duale Ausbildung interessiert werden könnten, auch in den Zielgruppen mit höheren Schulabschlüssen sowie bei jungen Frauen zu finden.Für Jugendliche des Hauptschulbildungsganges haben bei der Wahl des Ausbildungsberufs die Aussichten, überhaupt einen Ausbildungsplatz zu bekommen sowie ein positives Arbeitsklima im künftigen Kollegenkreis eine deutlich größere Bedeutung als bei Jugendlichen in höheren Bildungsgängen.
Jungen haben eher eine extrinsische Arbeitsorientierung, d.h. sie legen eher Wert auf einen hohen Verdienst, Arbeitsplatzsicherheit und Karrieremöglichkeiten. Mädchen sind eher intrinsisch orientiert und legen mehr Wert auf inhaltliche Interessen und Spaß am Beruf. Differenzen in der Zustimmung zu einzelnen Berufswahlmotiven in Abhängigkeit vom Migrationshintergrund sind insbesondere durch Unterschiede zwischen den Geschlechtern bedingt. Danach spielt für Schüler mit Migrationshintergrund der Verdienst eine vergleichsweise große Rolle bei der Auswahl des Berufs, die Respektierung durch den Beruf und Karrieremöglichkeit sind für Schülerinnen mit Migrationshintergrund besonders wichtig. (…)

## Zielgruppe Eltern
Alle einschlägigen Studien zeigen, dass vor allem in einer frühen Phase der Berufsorientierung die Primärkommunikation die am häufigsten genutzte, aber auch wichtigste und nützlichste Form der Informationsgewinnung darstellt, wenn es um Informationen über berufliche Möglichkeiten geht. (…) Es ist empfehlenswert, nicht nur die Jugendlichen selbst, sondern auch ihre direkten Bezugspersonen (insbesondere die Eltern) mit berufs(wahl)relevanten Informationen zu versorgen. Das gilt insbesondere für die Milieus der Migtrantinnen und Migranten und/oder die so genannten „bildungsfernen“ Milieus, in denen es nachgewiesenermaßen große Informationsdefizite gibt, was das Bildungs- und Ausbildungssystem in Deutschland und mithin die individuellen Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten und deren Optimierung betrifft. Die Reanalyse ausgewählter Datensätze hat gezeigt, dass Jugendliche durch Akteure des sozialen Nahraums (insbesondere die Eltern) möglicherweise sogar besser angesprochen werden können, weil die Glaubwürdigkeit dieser „Informationsquellen“ sehr hoch ist und hier in der Regel ein großes Vertrauensverhältnis besteht. (…)

## Informationsquellen
Mit fortschreitendem Prozess der beruflichen Orientierung verändert sich die Relevanz der für die Berufswahl wichtigen Informationsquellen. Mit zunehmender Konkretisierung verliert das soziale Umfeld zugunsten institutioneller Informationsquellen an Bedeutung. Hierzu zählen Praktika, Berufsberatung, Berufsinformationszentren (BIZ), Informationstage an Hochschulen sowie Medien. In Abhängigkeit von den Merkmalen Geschlecht, Migrationsstatus sowie Bildungsniveau zeigen sich unterschiedliche Prioritätensetzungen in Bezug auf die Wichtigkeit einzelner Informationsquellen für die Berufswahl. (…)

## Die Rolle des Internets
(…) Das Internet spielt eine herausragende Rolle, weil es als eine Art „mediale Allzweckwaffe“ gilt, die alle wichtigen Kommunikations-, Unterhaltungs- und Informationsaufgaben erfüllt. Mit zunehmendem Alter und Bildungsniveau nimmt die Bedeutung der Eltern und der Peers als Informationsquellen für ausbildungsrelevante Fragen ab und die Bedeutung medial vermittelter Informationen (insbesondere via Internet) zu. Hauptschüler/-innen und/oder Jugendliche auf geringerem Leistungsniveau bevorzugen vor allem in einer frühen Phase der Berufsorientierung dialogische Informationsangebote mit individuellem Bezug zur eigenen Lebenswelt im privaten Bereich (Eltern, Familie, Peers) und den Nahbereich (Schule). (…) Es sind insbesondere die älteren und höher Gebildeten, die das Internet zur beruflichen Orientierung nutzen, was auch daran liegt, dass die relevanten Seiten eine hohe Abstraktionsfähigkeit und Medienkompetenz voraussetzen. (…)“

Quelle: BMBF

Dokumente: Berufsbildungsforschung_Band_17.pdf

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