Armut von Jugendlichen und jungen Erwachsenen

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing
Share on whatsapp
Share on email
Share on print
Share on pocket
Share on telegram

Auszüge aus dem Beitrag Den Blick schärfen. – Armut von Jugendlichen und jungen Erwachsenen von Marion von zur Gathen und Jana Liebert:

“(…)Selbst wenn bei der Gruppe der jungen Erwachsenen berücksichtigt werden muss, dass sich hierunter auch Studenten befinden, die zwar selbst über wenig Einkommen verfügen, aber aus wohlhabenden Haushalten stammen, (…) erklärt das noch nicht den grundsätzlichen Anstieg in der Armutsbetroffenheit bei jungen Erwachsenen. (…) Lediglich ein Viertel der von Armut betroffenen jungen Menschen sind (…) Studierende oder Auszubildende, die aus Haushalten mit wohlhabenden Eltern kommen. Für diese jungen Menschen ist die Zeit, in der sie als arm angesehen werden müssen, oft nur eine vorübergehende Episode in ihrem Leben. (…)

Die Ursachen für den grundsätzlichen Anstieg in der Armutsbetroffenheit bei jungen Erwachsenen dürften u. a. in einer geringen Qualifikation, Arbeitslosigkeit und prekärer Beschäftigung zu finden sein. Daher sollte die Aufmerksamkeit auf die jungen Menschen gelenkt werden, die die Schule ohne Abschluss verlassen, wo der Übergang in Ausbildung und Beruf nicht gelingt und kein beruflicher Bildungsabschluss erreicht werden kann. Diese jungen Menschen verfügen über ein erhöhtes Risiko, in Einkommensarmut zu geraten. Auch der Anteil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die auf Grundsicherungsleistungen nach dem Sozialgesetzbuch II angewiesen sind, lässt Rückschlüsse auf ein Leben in Einkommensarmut zu. Laut amtlicher Statistik waren das zum Stichtag 1. August 2016 rund 2 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, erweitert man die Bezugsgruppe um die jungen Erwachsenen unter 25 Jahren, sind hier weitere 500.000 Betroffene hinzuzurechnen. (…)

Bildung als zentrale Determinante für Verwirklichungschancen und Teilhabe
Bildung ist eine wichtige Determinante für die Verwirklichung individueller Lebenschancen sowie von sozialer und kultureller Teilhabe. In Deutschland besteht trotz beträchtlicher Bemühungen in Bildungspraxis und Bildungspolitik auch bei erkennbaren Fortschritten weiterhin eine starke Abhängigkeit zwischen der sozialen Herkunft und der Verwirklichung von Bildungschancen. Noch immer verlassen jedes Jahr rund 50.000 junge Menschen die Schule, ohne zumindest über einen Hauptschulabschluss zu verfügen, jeder zweite hat davon eine Förderschule besucht. In Deutschland verfügten 2015 rund 3,7 Prozent der Bevölkerung über 15 Jahren über keinen entsprechenden Schulabschuss, 16,8 Prozent waren ohne beruflichen Bildungsabschluss oder befanden sich in einer schulischen oder beruflichen Bildungsmaßnahme.

Auch wenn Schul- und Berufsabschlüsse in beinahe jeder Lebensphase nachgeholt werden können, darf die für Deutschland mehrfach attestierte starke Abhängigkeit zwischen der sozialen Herkunft und der Verwirklichung von Bildungschancen und dem damit zusammenhängenden später zu erzielendem Einkommen nicht vernachlässigt werden. Dies zeigt eine starke Pfadabhängigkeit, die den individuellen sozialen Aufstieg enorm erschweren kann. (…)

Dieser Befund ist nunmehr seit Jahrzehnten unbestritten, hinreichend belegt und bleibt als eine der drängendsten strukturellen Herausforderungen bestehen. Er verweist erneut auf den besonderen Handlungsbedarf, der es erforderlich macht, Lösungsansätze über die verschiedenen Bildungsbereiche und der Übergänge von Schule in das Berufsleben hinweg zu konzipieren. (…)

Jugendliche und junge Erwachsene – gering Qualifizierte in prekärer Beschäftigung
Selbst ein Schulabschluss, eine Ausbildung und ein Studium sind keine verlässlichen Garanten mehr für die Sicherung des eigenen Lebensunterhaltes. Angesichts der Tatsache, dass nahezu ein Viertel aller Beschäftigten im Niedriglohnbereich, d. h. für einen Stundenlohn knapp unter zehn Euro, in Teilzeit arbeiten oder lediglich über befristete Arbeitsverträge verfügen, geht die Unsicherheit von prekärer Beschäftigung auch an hoch Qualifizierten nicht vorbei. Dazu kommen Minijobs und Arbeitsverhältnisse in der Leiharbeit.

Dennoch ist das Risiko gerade für junge Erwachsene unter 25 Jahren und gering Qualifizierte ohne einen Schulabschluss besonders hoch. Somit spielen hier das Alter und der Bildungsgrad eine entscheidende Rolle. (…)

Die Zahl sozialversicherungspflichtige Beschäftigter stieg von 2005 bis 2015 insgesamt um mehr als vier Millionen Menschen an. Von dieser Entwicklung profitierten jedoch überwiegend Menschen mit einem Hochschulabschluss. Der Anteil von gering Qualifizierten in abhängiger Beschäftigung liegt dagegen auf niedrigem Niveau bei ca. 12 Prozent und das obwohl die Zahl der gering Qualifizierten in den letzten Jahren sogar leicht zurückgegangen ist.

Dem gegenüber ist der Anteil von gering Qualifizierten in prekärer Beschäftigung besonders hoch. So verfügten gering Qualifizierte mit gut 43 Prozent in 2014 über ein deutlich höheres Niedriglohnrisiko als alle Beschäftigten mit knapp 23 Prozent. Ebenso sind sie häufiger von Löhnen unterhalb des Mindestlohns betroffen als andere Beschäftigte. Für Deutschland weist der Bericht der Mindestlohnkommission (2016) einen Anteil von 24,3 Prozent der gering Qualifizierten mit Löhnen unterhalb von 8,50 Euro aus, gegenüber 11,3 Prozent in der Gesamtwirtschaft. Gering Qualifizierte arbeiten mit fast 21 Prozent deutlich häufiger in Minijobs als Personen mit Berufsabschluss mit nur gut 10 Prozent. Mit 15,6 Prozent ist der Befristungsanteil unter gering Qualifizierten höher als in der Gesamtwirtschaft mit knapp 12 Prozent. Während der Anteil der Leiharbeit in der Gesamtwirtschaft bei knapp 3 Prozent liegt, sind über 6 Prozent der gering Qualifizierten in Leiharbeitsunternehmen tätig. (…)

Multidimensionale Handlungsansätze im Kampf gegen Armut
(…) Um Armutslagen wirksam zu bekämpfen, reicht es nicht aus, nur punktuell Verbesserungen über einzelne Maßnahmen zu erreichen oder sich lediglich auf die seit den 1960er Jahren geltende bildungspolitische Programmatik „Ausbildung für alle“ zu berufen. Vielmehr braucht es eine Gesamtstrategie, die sich mit den strukturellen Bedingungen gesellschaftlich reproduzierter Ungleichheit genauso auseinandersetzt wie mit milieuspezifischen Denk- und Handlungsmustern und offenen und versteckten Formen der Distinktion. (…)

Benötigt werden bildungs-, sozial- und arbeitsmarktpolitische Handlungsansätze, die ihre Strategien entlang der Bedarfe der in Armut lebenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen und deren Familien konzipieren und umsetzen. Gefordert sind hier alle Ebenen – Bund, Länder und Kommunen. Nur so kann das Recht jedes Kindes, Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf Bildung und Chancengerechtigkeit auch tatsächlich umgesetzt werden. Dazu gehört auch, dass Jugendliche und junge Erwachsene mit ihren Bedürfnissen ernst genommen und beteiligt werden. (…)

Es ist ganz entscheidend, das gesellschaftliche Bewusstsein für die Rechte von Kindern und Jugendlichen auf ein Leben ohne Armut weiter zu schärfen. Mit der Implementierung der Kinderrechte ins Grundgesetz kann die Rechtsposition von Kindern und Jugendlichen als Träger eigener Grundrechte weiter gestärkt werden. (…)”

Den Beitrag von Marion von zur Gathen und Jana Liebert in vollem Umfang lesen Sie im Armutsbericht über aufgeführten Link.

Link: www.der-paritaetische.de/armutsbericht/download-armutsbericht

Quelle: Paritätischer

Ähnliche Artikel

Skip to content