Resilienzförderung in Krisenzeiten: Was junge Menschen und Fachkräfte jetzt brauchen

Klimakrise, Kriege, gesellschaftliche Verunsicherung, soziale Medien und Künstliche Intelligenz prägen die Lebenswelt junger Menschen. Wie kann Jugendsozialarbeit dazu beitragen, dass sie unter diesen Bedingungen orientierungs- und handlungsfähig bleiben? Damit beschäftigten sich 65 Fachkräfte bei der digitalen Fachveranstaltung „Resilienzförderung in Krisenzeiten – junge Menschen stärken in einer verunsicherten Welt“ am 17. September 2026. Ausgerichtet wurde die Veranstaltung von der IN VIA Akademie und IN VIA Deutschland im Netzwerk der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS).

Zwei fachliche Perspektiven standen im Mittelpunkt: Dr. Stephan Weichert vom VOCER-Institut für Digitale Resilienz beleuchtete die Herausforderungen einer zunehmend digital und durch KI geprägten Krisenöffentlichkeit. Die Psychologische Psychotherapeutin Katharina van Bronswijk von Psychologists and Psychotherapists for Future nahm die Auswirkungen der Klimakrise auf die psychische Gesundheit und Möglichkeiten der Klimaresilienz in den Blick.

Eine zentrale Erkenntnis verband beide Beiträge: Resilienz bedeutet nicht, junge Menschen gegen Krisen „abzuhärten“. Resilienzförderung heißt, Belastungen ernst zu nehmen, Orientierung und verlässliche Beziehungen anzubieten und Handlungsfähigkeit zu stärken – ohne die Verantwortung für gesellschaftliche Krisen auf den Einzelnen zu verlagern.

Orientierung in einer digitalen Krisenwelt

Krisen erreichen junge Menschen heute in hohem Maße über soziale Medien: permanent verfügbar, algorithmisch vorsortiert, emotional aufgeladen und zunehmend ergänzt durch KI-generierte Inhalte. Dadurch wird es schwieriger zu unterscheiden, welche Informationen glaubwürdig sind, was Meinung oder Werbung ist und welche Inhalte tatsächlich gesellschaftlich relevant sind.

Für Weichert bedeutet digitale Resilienz deshalb, trotz dieser Unsicherheiten orientierungs-, entscheidungs- und handlungsfähig zu bleiben. Medienkompetenz müsse über die Regulierung von Bildschirmzeiten hinausgehen. Junge Menschen brauchen Möglichkeiten, Inhalte gemeinsam einzuordnen, Quellen zu prüfen, die Funktionsweise von Algorithmen zu verstehen und Unsicherheit auszuhalten.

Die Fragen der Teilnehmenden zeigten, wie unmittelbar dies die Praxis betrifft. Diskutiert wurden unter anderem die Erkennung KI-generierter Inhalte und die zunehmende Nutzung von KI als Gesprächs- oder sogar Beziehungspartner. Gerade weil KI-Systeme verständnisvoll und bestätigend reagieren können, sind sie für junge Menschen attraktiv. Umso wichtiger bleiben reale Beziehungen und verlässliche Bezugspersonen. Menschliche Beziehungsarbeit kann durch KI nicht ersetzt werden.

Klimaresilienz: Gefühle ernst nehmen und Handlungsfähigkeit stärken

Katharina van Bronswijk verdeutlichte, dass die Klimakrise auch Auswirkungen auf die psychische Gesundheit junger Menschen hat. Extremwetterereignisse können traumatisieren; Zukunftssorgen, Klimaangst, Wut oder Trauer können zusätzlich belasten.

Dabei gilt: Klimaangst ist zunächst keine psychische Erkrankung. Angst, Trauer oder Wut können angemessene Reaktionen auf eine reale Bedrohung sein. Für die Begleitung junger Menschen kommt es darauf an, diese Gefühle weder zu bagatellisieren noch sie so dominant werden zu lassen, dass sie Handlungsfähigkeit verhindern.

Hilfreich sind dabei unterschiedliche Bewältigungs- bzw. Copingstrategien. Besonders sinnorientiertes Handeln kann das Wohlbefinden stärken, indem Menschen entsprechend ihrer eigenen Werte handeln, einen positiven Beitrag leisten und darin Sinn erfahren. Beteiligung und Engagement können Selbstwirksamkeit stärken. Gleichzeitig darf daraus keine individuelle Überforderung entstehen. Gerade stark engagierte junge Menschen können sich verausgaben, wenn sie das Gefühl entwickeln, persönlich immer mehr leisten zu müssen, während gesellschaftliche Veränderungen nur langsam vorankommen.

Van Bronswijk weitete deshalb den Blick auf die soziale und strukturelle Ebene: Resilienz entsteht nicht allein im Individuum. Freundschaften, Familie, Fachkräfte, Vereine, Nachbarschaften und andere soziale Netzwerke können Sicherheit und Zugehörigkeit vermitteln. Ebenso braucht es zugängliche Hilfesysteme, Begegnungsräume und Möglichkeiten gesellschaftlicher Beteiligung.

Was bedeutet das für die Jugendsozialarbeit?

Aus den Fachbeiträgen und dem Austausch lassen sich konkrete Handlungsmöglichkeiten ableiten:

  • Krisen und Überforderung ernst nehmen: Sorgen, Ängste und Unsicherheiten nicht bagatellisieren, sondern Räume schaffen, in denen darüber gesprochen werden kann.
  • Orientierung ermöglichen: Informationen gemeinsam einordnen, Quellen prüfen und jungen Menschen helfen, mit widersprüchlichen Informationen und Unsicherheit umzugehen.
  • Medien- und KI-Kompetenz stärken: Algorithmen, Geschäftsmodelle sozialer Plattformen, Desinformation und KI mit jungen Menschen praktisch und kritisch bearbeiten.
  • Beziehungen und Begegnung fördern: Verlässliche Bezugspersonen, Freundschaften, Gruppenangebote und analoge Begegnungsräume sind wichtige Ressourcen für Resilienz.
  • Gefühle zulassen und regulieren: Junge Menschen unterstützen, belastende Gefühle wahrzunehmen und Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
  • Selbstwirksamkeit und Beteiligung ermöglichen: Ehrenamt, gesellschaftliches Engagement, Sport oder andere Formen der Beteiligung können die Erfahrung stärken, selbst etwas bewirken zu können.
  • Überforderung vermeiden: Junge Menschen dürfen nicht für die Lösung gesellschaftlicher Krisen verantwortlich gemacht werden. Engagement braucht Grenzen, Erholung und geteilte Verantwortung.
  • Fachkräfte stärken: Resilienzförderung braucht Weiterbildung, Austausch sowie praxisnahe Methoden und Materialien – insbesondere zu Medien- und KI-Kompetenz und zum Umgang mit Krisenbelastungen.

Resilienzförderung gehört zum Kern der Jugendsozialarbeit

Die Ergebnisse zeigen: Resilienzförderung ist keine zusätzliche Einzelaufgabe. Vielmehr handelt es sich um ein Querschnittsthema. Vieles davon gehört bereits zum Kern der Jugendsozialarbeit – verlässliche Beziehungen gestalten, zuhören, Orientierung geben, Ressourcen stärken, Teilhabe ermöglichen und gemeinsam Perspektiven entwickeln.

In einer von Krisen und Digitalisierung geprägten Lebenswelt gewinnen diese Aufgaben weiter an Bedeutung. Dafür brauchen junge Menschen ebenso wie Fachkräfte gute Rahmenbedingungen. Die zentrale Botschaft der Veranstaltung lautet deshalb: Resilienz entsteht dort, wo Menschen Beziehungen erfahren, Orientierung finden, mit ihren Sorgen ernst genommen werden und erleben können. Jungen Menschen gilt es zu vermitteln: Ich bin nicht allein – und ich kann etwas bewirken.

Text: Lynn Kriegs (IN VIA Deutschland) und Xenia Romadina (IN VIA Akademie), Fachreferentinnen im Netzwerk der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS e.V.)

 

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