Einsamkeit ist bei jungen Menschen nicht nur ein persönliches oder gesundheitliches Thema. Sie kann auch darauf hinweisen, dass Zugehörigkeit fehlt, Beteiligung nicht gelingt und Vertrauen brüchig wird. Damit hat Einsamkeit eine demokratische Dimension: Demokratie braucht junge Menschen, die sich als Teil der Gesellschaft erleben und erfahren, dass ihre Stimme zählt. In diesem zweiten Text einer kleinen Reihe beschreibt Fachreferentin Xenia Romadina (IN VIA Akademie Paderborn im Netzwerk der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit BAG KJS ) den Zusammenhang von Armut und Demokratieförderung.
Die Bundesregierung beschreibt Einsamkeit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das Einsamkeitsbarometer zeigt, dass Einsamkeit soziale Teilhabe und Zusammenhalt berührt. Für junge Menschen ist das besonders relevant, weil Jugend eine Phase ist, in der Anerkennung, Selbstwirksamkeit und politische Orientierung wachsen müssen. (vgl. Strategie der Bundesregierung gegen Einsamkeit).
Zugehörigkeit ist demokratisch relevant
Demokratische Bildung beginnt nicht erst mit Wahlen, Parteien oder Institutionenkunde. Sie beginnt dort, wo junge Menschen erleben: Ich gehöre dazu. Ich werde ernst genommen. Ich kann mitgestalten. Der 16. Kinder- und Jugendbericht betont deshalb, dass demokratische Bildung in den Lebenswelten junger Menschen verankert werden muss – in Familie, Schule, Jugendhilfe, Ausbildung, Freizeit und digitalen Räumen. (vgl. 16. Kinder- und Jugendbericht).
Für einsame junge Menschen sind solche Erfahrungen oft weniger selbstverständlich. Wer sich ausgeschlossen fühlt, wenig verlässliche Beziehungen hat oder selten erlebt, dass die eigene Meinung zählt, zieht sich leichter zurück. Demokratie wird dann nicht als gemeinsames Projekt erlebt, sondern als etwas, das andere verhandeln.
Einsamkeit kann politische Teilhabe schwächen
Aktuelle Jugendstudien zeigen: Viele junge Menschen nehmen Krisen, Ungleichheit und Zukunftsfragen sehr aufmerksam wahr. Die Shell Jugendstudie beschreibt junge Menschen als politisch interessiert, aber zugleich belastet durch Unsicherheit, Krisen und Zukunftssorgen. (vgl. 19. Shell Jugendstudie 2024).
Gerade deshalb ist entscheidend, ob junge Menschen Selbstwirksamkeit erleben. Die Bertelsmann-Studie „Jung, einsam – und engagiert?“ zeigt: Einsame junge Erwachsene fühlen sich politisch weniger wirksam, haben weniger Vertrauen in politische Akteure und beteiligen sich seltener. Einsamkeit ist damit nicht automatisch unpolitisch, kann aber politische Entfremdung verstärken. (vgl. Jung, einsam – und engagiert?).
Wenn Rückzug demokratiegefährdend wird
Einsamkeit führt nicht automatisch zu antidemokratischen Einstellungen. Aber sie kann Bedingungen verstärken, unter denen einfache Antworten, Feindbilder und autoritäre Deutungen attraktiver werden: sozialer Rückzug, Misstrauen, Ohnmacht und das Gefühl, nicht dazuzugehören.
Die Studie „Extrem einsam?“ des Progressiven Zentrums untersucht die demokratische Relevanz von Einsamkeitserfahrungen unter Jugendlichen. Sie zeigt Zusammenhänge zwischen Einsamkeit, politischer Entfremdung, Verschwörungsmentalität, autoritären Einstellungen und der Billigung politischer Gewalt. Für Prävention und Demokratieförderung ist das ein wichtiger Hinweis: Beziehungen, Zugehörigkeit und Anerkennung sind keine Randthemen, sondern Schutzfaktoren. (vgl. Extrem einsam?).
Jugendsozialarbeit macht Demokratie erfahrbar
Jugendsozialarbeit erreicht junge Menschen häufig dort, wo Teilhabe nicht selbstverständlich ist: am Übergang von Schule in Ausbildung und Beruf, in der Schulsozialarbeit, in Jugendwerkstätten, in Beratungsstellen, in Angeboten für junge Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrungen oder in aufsuchenden Hilfen. Dort werden Einsamkeit, Ausgrenzung und fehlendes Vertrauen oft sehr konkret sichtbar.
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) beschreibt Demokratiebildung in der katholischen Jugendsozialarbeit als ganzheitlich und lebensweltorientiert. Das ist für das Thema Einsamkeit entscheidend: Demokratische Bildung entsteht nicht nur in Projekttagen oder Workshops. Sie entsteht in Beziehungen, in Gruppenprozessen, in Beratung, in Konflikten, in gemeinsamer Gestaltung und in der Erfahrung, dass Fachkräfte erreichbar bleiben. (vgl. Demokratiebildung in der katholischen Jugendsozialarbeit).
Auch der Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit betont, dass politische Bildung und das Erleben demokratischer Prozesse zusammengehören. Jugendsozialarbeit ist damit nicht nur Unterstützung in schwierigen Lebenslagen. Sie ist ein Ort, an dem junge Menschen erfahren können, dass sie Rechte haben, mitentscheiden können und mit ihren Anliegen nicht allein bleiben. (vgl. Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit: Stellungnahme zum Demokratiefördergesetz).
Was Jugendsozialarbeit konkret beitragen kann
- Begegnung ermöglichen: kostenfreie, verlässliche und nicht beschämende Orte, an denen junge Menschen willkommen sind
- Beteiligung niedrigschwellig gestalten: Mitbestimmung im Alltag, nicht erst im formalen Jugendgremium
- Selbstwirksamkeit stärken: junge Menschen erleben lassen, dass ihre Meinung Folgen hat – bei Projekten, Angeboten und politischen Anliegen
- Konflikte demokratisch bearbeiten: Räume schaffen, in denen Wut, Unsicherheit und Kritik Platz haben, ohne dass Abwertung oder Ausgrenzung normal werden
- Rechte und Zugänge sichern: Beratung, Jugendberufshilfe, Schulsozialarbeit und psychosoziale Unterstützung so ausbauen, dass Teilhabe praktisch möglich wird
Politische Konsequenz: Demokratieförderung braucht soziale Infrastruktur
Wer Einsamkeit bei jungen Menschen ernst nimmt, darf Demokratieförderung nicht nur als Projekt gegen Extremismus verstehen. Sie gehört zur sozialen Infrastruktur. Notwendig sind eine verlässliche Finanzierung der Jugendsozialarbeit, der Ausbau von Schulsozialarbeit und Jugendberufshilfe, offene Räume, psychosoziale Unterstützung und Beteiligungsformate, die auch junge Menschen in belasteten Lebenslagen erreichen.
Der 16. Kinder- und Jugendbericht macht deutlich, dass demokratische Bildung als dauerhafte Aufgabe in den Lebenswelten junger Menschen verankert werden muss. Für die Jugendsozialarbeit heißt das: Demokratieförderung darf nicht zusätzlich „oben drauf“ kommen, sondern muss als Teil ihres sozialpädagogischen Auftrags anerkannt und finanziell abgesichert werden. (vgl. 16. Kinder- und Jugendbericht: Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter).
Einsamkeit ist ein Warnsignal: Sie zeigt, wo Beziehungen fehlen, wo Teilhabe brüchig wird und wo junge Menschen sich nicht als wirksamer Teil der Gesellschaft erleben. Jugendsozialarbeit kann diesen Kreislauf unterbrechen – durch Beziehung, Anerkennung, Beteiligung und politische Anwaltschaft.
Demokratie beginnt nicht erst an der Wahlurne. Sie beginnt dort, wo junge Menschen erfahren: Ich gehöre dazu. Meine Stimme zählt. Und ich kann etwas verändern.
Autor*innen: Xenia Romadina, IN VIA Akademie Paderborn, Fachreferentin im Netzwerk der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS)
Quellen
- Strategie der Bundesregierung gegen Einsamkeit
- Einsamkeitsbarometer 2024
- Jung, einsam – und engagiert?
- Extrem einsam?
- Kinder- und Jugendbericht
- Shell Jugendstudie 2024
- Demokratiebildung in der katholischen Jugendsozialarbeit
- Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit: Stellungnahme zum Demokratiefördergesetz



