Wenn fehlendes Geld auch Beziehungen kostet
Einsamkeit ist bei jungen Menschen nicht nur ein individuelles Gefühl, sondern auch eine soziale Folge ungleicher Lebensbedingungen. Wer Armut bekämpft, stärkt auch Zugehörigkeit, Gesundheit und demokratische Teilhabe. In diesem ersten Text einer kleinen Reihe beschreibt Fachreferentin Xenia Romadina (IN VIA Akademie Paderborn im Netzwerk der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit BAG KJS ) den Zusammenhang von Armut und Einsamkeit.
Einsamkeit ist mehr als Alleinsein. Sie entsteht, wenn Menschen die sozialen Beziehungen, die sie sich wünschen, nicht oder nicht ausreichend erleben. Das kann Jugendliche und junge Erwachsene besonders treffen: In einer Lebensphase, in der Zugehörigkeit, Freundschaften, Anerkennung und Selbstwirksamkeit zentral sind, kann Einsamkeit Bildungswege, psychische Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe belasten. Das Kompetenznetz Einsamkeit weist darauf hin, dass besonders armutsgefährdete Jugendliche vulnerabel für Einsamkeit sind und dass die Wechselwirkungen von Armut und Einsamkeit über verschiedene Lebensphasen hinweg betrachtet werden müssen. (vgl. Kompetenznetz Einsamkeit / Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V.)
Die diesjährige bundesweite Aktionswoche gegen Einsamkeit bietet deshalb eine wichtige Gelegenheit, den Blick auf junge Menschen zu richten. Vom 22. bis 28. Juni 2026 rückt die Aktionswoche „Gemeinsam aus der Einsamkeit“ das Thema bundesweit in den öffentlichen Fokus; sie wird vom Kompetenznetz Einsamkeit in Kooperation mit dem Bundesministerium für Bildung, Familie, Frauen, Senioren und Jugend begleitet. (vgl. Kompetenznetz Einsamkeit: Aktionswoche gegen Einsamkeit)
Für die Jugendsozialarbeit ist dieser Zusammenhang zentral: Einsamkeit und Armut verstärken sich gegenseitig. Wer wenig Geld hat, hat oft weniger Möglichkeiten, am sozialen Leben teilzunehmen. Und wer sich dauerhaft einsam fühlt, hat es schwerer, Unterstützung zu suchen, Vertrauen aufzubauen und Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Dauerhafte Einsamkeit kann Rückzugserfahrungen verfestigen: Wenn Kontakte fehlen oder als enttäuschend erlebt werden, sinkt oft die Erwartung, dass Beziehungen tragen oder Hilfe erreichbar ist. Unterstützung zu suchen, setzt zudem Wissen über Anlaufstellen, Vertrauen in Institutionen und soziales bzw. kulturelles Kapital voraus; diese Ressourcen sind in armutsbelasteten Lebenslagen nicht immer gleichermaßen verfügbar. (vgl. Deutscher Caritasverband / Sozialcourage (2025): „Einsamkeit und Armut: Forscher warnt vor Teufelskreis für Gesellschaft“)
Armut begrenzt Teilhabe – und Teilhabe schützt vor Einsamkeit
Armut bedeutet für junge Menschen nicht nur, dass Geld fehlt. Sie bedeutet häufig auch: nicht mit ins Kino gehen können, keinen Sportverein bezahlen zu können, keine Freund*innen einladen zu können, bei Klassenfahrten oder Ausflügen zurückstecken müssen, sich wegen Kleidung, Wohnsituation oder fehlender Freizeitmöglichkeiten zu schämen. Genau diese alltäglichen Situationen entscheiden darüber, ob junge Menschen dazugehören oder außen vor bleiben.
Die BAG KJS macht im Monitor „Jugendarmut in Deutschland“ deutlich, wie groß die Herausforderung ist: 2023 war jede*r Vierte zwischen 18 und 24 Jahren in Deutschland armutsgefährdet; bei den unter 18-Jährigen lag die Quote bei 20,7 Prozent. Jugendarmut hat damit viele Gesichter: eingeschränkte Mobilität, fehlender Wohnraum, Bildungsbenachteiligung, digitale Hürden, gesundheitliche Belastungen und weniger soziale Teilhabe. (vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS): Monitor Jugendarmut – Zahlen, Daten und Fakten.)
Daten des Statistischen Bundesamtes ergänzen dieses Bild: 2024 waren 15,2 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren armutsgefährdet – gut 2,2 Millionen junge Menschen. 11,3 Prozent der unter 16-Jährigen waren materiell oder sozial benachteiligt, unter anderem weil finanzielle Mittel für altersgerechte soziale und kulturelle Teilhabe fehlten. (vgl. Statistisches Bundesamt (Destatis), Pressemitteilung vom 17.11.2025: „Gut jedes siebte Kind armutsgefährdet“)
Armut kann einsam machen – Einsamkeit kann verletzlich machen
Armut kann auf mehreren Ebenen einsam machen. Erstens fehlen materielle Möglichkeiten für Begegnung: Fahrkarten, Vereinsbeiträge, Geburtstagsfeiern, digitale Ausstattung oder ein sicherer Rückzugsort sind nicht selbstverständlich. Zweitens wirkt Armut über Scham. Wer nicht mithalten kann, zieht sich leichter zurück. Drittens belastet Armut Familien: Existenzsorgen, beengtes Wohnen und Stress verringern die Ressourcen, die Eltern und Bezugspersonen für Begleitung, Gespräche und Unterstützung haben.
Besonders deutlich wird der Zusammenhang in einer DAK-geförderten Auswertung, über die das Deutsche Ärzteblatt berichtet: Unter mehr als 14.000 Schüler*innen der Klassen fünf bis zehn fühlten sich 32 Prozent oft allein; bei Kindern mit niedrig eingeschätztem Sozialstatus waren es 50 Prozent. Ärmere Kinder berichteten außerdem häufiger von Erschöpfung und Schlafproblemen. (vgl. Deutsches Ärzteblatt (2023): „Einsame Teenager: Ärmere Kinder haben besonders viele Probleme“)
Damit wird Einsamkeit auch zu einer Frage von Gesundheitsgerechtigkeit. Internationale Gesundheitsforschung zeigt, dass Einsamkeit und soziale Isolation mit Risiken für psychische und körperliche Gesundheit verbunden sind. Die Weltgesundheitsorganisation verweist auf Zusammenhänge mit Depressionen, Angst, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und vorzeitiger Sterblichkeit. Gerade für junge Menschen in belasteten Lebenslagen können fehlende soziale Beziehungen daher zusätzliche Risiken erzeugen. (vgl. World Health Organization (WHO), Commission on Social Connection / News Release vom 30.06.2025: Social connection linked to improved health and reduced risk of early death)
Junge Menschen brauchen Orte, Beziehungen und Rechte
Jugendsozialarbeit erreicht junge Menschen häufig dort, wo Einsamkeitsrisiken besonders sichtbar werden: an Übergängen von Schule in Ausbildung und Beruf, bei Wohnungslosigkeit oder unsicherem Wohnen, in belasteten Familiensituationen, nach Flucht- und Migrationserfahrungen, bei psychischen Belastungen oder in Phasen des Scheiterns und Neuorientierens.
Das Impulspapier der Bertelsmann Stiftung „Weniger Einsamkeit bei jungen Menschen“ betont, dass Angebote gegen Einsamkeit niedrigschwellig, lebensweltnah und partizipativ sein müssen. Junge Menschen sollten nicht nur Zielgruppe, sondern an der Entwicklung und Umsetzung von Angeboten beteiligt sein. Diese Linie entspricht auch dem Selbstverständnis der BAG KJS, Jugendsozialarbeit als sozialpädagogische Unterstützung, Bildung und Beratung zu verstehen, die gleiche Chancen auf Bildung, Ausbildung und Teilhabe eröffnet. (vgl. Bertelsmann Stiftung / GenNow: „Weniger Einsamkeit bei jungen Menschen“. Impulspapier; BAG KJS: Factsheet Jugendsozialarbeit)
Auch der deutsch-französische Blick auf junge Erwachsene zeigt: Einsamkeit ist kein Randthema, sondern eine wachsende und grenzüberschreitende Herausforderung in einer Generation, die zugleich von Krisenerfahrungen, Zukunftssorgen und hoher digitaler Vernetzung geprägt ist. (vgl. Deutsch-Französisches Jugendwerk (DFJW): „Gemeinsam Einsam – Junge Erwachsene werden immer einsamer“)
Was Jugendsozialarbeit konkret beitragen kann
- Begegnung ermöglichen: Junge Menschen brauchen kostenfreie, verlässliche und nicht beschämende Orte, an denen sie willkommen sind – unabhängig von Geld, sozialer Herkunft, Schulform, Aufenthaltsstatus oder familiärer Situation.
- Armut und Einsamkeit enttabuisieren: Viele Jugendliche sprechen nicht über Einsamkeit, weil sie sich schämen. Gleiches gilt für Armut. Fachkräfte können beides sensibel ansprechen: nicht „Was stimmt nicht mit dir?“, sondern „Welche Unterstützung wäre für dich hilfreich?“ oder „Was würde dir den Alltag erleichtern?“
- Zugänge zu Rechten verbessern: Einsamkeit lässt sich nicht allein durch Gespräche überwinden, wenn zugleich Geld, Wohnraum, Mobilität, Beratung oder Bildungschancen fehlen. Jugendsozialarbeit verbindet Beziehung mit Lots*innenfunktion im Hilfesystem, Unterstützung beim Verstehen und Beantragen von Leistungen , Bildungsbegleitung und politischer Anwaltschaft.
- Beteiligung stärken: Wer eigene Erfahrungen von Ausgrenzung einbringen kann und erlebt, dass die eigene Stimme zählt, erfährt Selbstwirksamkeit. Beteiligung ist damit auch ein Schutzfaktor gegen Rückzug.
Politische Konsequenz: Einsamkeit bekämpfen heißt Jugendarmut bekämpfen
Wer Einsamkeit bei jungen Menschen ernst nimmt, darf sie nicht nur als Thema des individuellen Wohlbefindens behandeln. Sie ist auch ein Hinweis auf fehlende soziale Infrastruktur, ungleiche Teilhabechancen und materielle Ausgrenzung. Notwendig sind deshalb eine armutssensible Kinder- und Jugendpolitik, verlässliche Finanzierung niedrigschwelliger Angebote, bezahlbarer Wohnraum, Mobilität, digitale Teilhabe und ein einfacher Zugang zu sozialen Leistungen.
Jugendsozialarbeit kann den Kreislauf aus Armut, Rückzug und fehlender Unterstützung unterbrechen – durch Beziehung, Verlässlichkeit, niedrigschwellige Zugänge zu Beratungs-, Hilfs- und Begegnungsangeboten und politische Interessenvertretung.
Die Aktionswoche gegen Einsamkeit sollte daher auch als Aktionswoche für soziale Gerechtigkeit verstanden werden. Junge Menschen brauchen mehr als den bloßen Appell, Kontakte zu knüpfen. Sie brauchen verlässliche Rahmenbedingungen, die Teilhabe, Zugehörigkeit und soziale Beziehungen ermöglichen.
Vor diesem Hintergrund richtet der Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit eine eigene Veranstaltung aus. Im Rahmen einer digitalen Fachveranstaltung am 26. Juni 2026 von 10 bis 12 Uhr lädt der Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit Fachkräfte der Jugendsozialarbeit zum gemeinsamen Austausch über Einsamkeit bei jungen Menschen ein.
Ausblick auf die Reihe: Die folgenden Beiträge werden die Zusammenhänge von Einsamkeit mit Social Media sowie mit Demokratiebildung vertiefen. Gemeinsam zeigen sie, dass Einsamkeit ein Querschnittsthema der Jugendsozialarbeit und eine politische Gestaltungsaufgabe ist.
Autor*innen: Xenia Romadina, IN VIA Akademie Paderborn, Fachreferentin im Netzwerk der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS), Silke Starke-Uekermann



