Tradwives in sozialen Medien: Rückkehr zum Hausfrauenideal bei jungen Menschen?

In sozialen Netzwerken wie TikTok oder Instagram propagieren sogenannte „Tradwives – traditional wives“ ein idealisiertes Bild traditioneller Geschlechterrollen. Influencerinnen inszenieren Mutterschaft, Haus‑, und Sorgearbeit als zentrale weibliche Lebensaufgabe und stellen diese Lebensform als bewusste, erfüllende Entscheidung dar. Die hohe mediale Reichweite dieser Inhalte erweckt den Eindruck einer gesellschaftlichen Rückkehr zum Hausfrauenideal. Empirische Studien und Umfragen zu den Einstellungen und zur Alltagswirklichkeit vieler junger Menschen zeichnen jedoch ein anderes Bild. Das ist auch für die Jugendsozialarbeit relevant.

Sabine Diabaté und Leonie Kleinschrot vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) haben in einem Beitrag von Oktober 2025 die Einstellungen zu weiblichen Rollenbildern junger Frauen in Deutschland untersucht. Grundlage ihrer Untersuchung bilden die Daten des familiendemografischen Panels FReDA aus den Jahren 2021 und 2023 von 2709 Frauen im Alter von 20 bis 30 Jahren. FReDA ist eine zweimal jährlich durchgeführte, repräsentative Befragung von 18- bis 49-jährigen Personen in Deutschland und deren Partner*innen. Die Analyse von Diabaté und Kleinschrot zeigt, dass eine klare Mehrheit von rund 62 Prozent der jungen Frauen ein egalitäres Rollenbild vertritt, während lediglich ca. 19 Prozent Einstellungen äußern, die dem Tradwife‑Modell ähneln.

Tradwives: Inszeniertes Hausfrauenideal

Die Tradwife-Influencerinnen auf den sozialen Medien idealisieren in ihren Videos und Posts Häuslichkeit, Mutterschaft und Fürsorgearbeit, verknüpfen dies mit Selbstvermarktung und geben Tipps zum Kochen, zur Kindererziehung oder Schönheitspflege oftmals auch mit christlich‑konservativen Bezügen. Mit ihren Inhalten erzielen sie teils sogar millionenfache Reichweiten. Sie vermitteln dabei traditionelle Darstellun­gen von Weiblichkeit und heterosexuellen Partnerschaften. Sie transportieren dabei offen oder subtil antifeministische Positionen, die mitunter anschlussfähig an rechten Populismus sind. Mögliche Risiken dieser Lebensformen, wie finanzielle Abhängigkeiten, werden hingegen kaum thematisiert.

Insbesondere Frauen, die nach eigenen Aussagen (sehr) religiös, bereits Mutter oder verheiratet sind, befürworten den Forscherinnen des BiB zufolge eher Tradwife-ähnliche Einstellungen. Diese Gruppe junger Frauen messen Mutterschaft eine zentrale Bedeutung zu, befürworten eine klassische Arbeitsteilung in der Partnerschaft und bewerten mütterliche Erwerbstätigkeit teils kritisch. Ihre Einstellungen wird dabei auch merklich von ihrem Bildungsgrad beeinflusst: Formal niedrig gebildete junge Frauen tendierten deutlich häufiger dazu, traditionelle, dem Tradwife-Ideal entsprechende Rollenbilder zu vertreten als hochgebildete Frauen mit akademischen Abschlüssen. Gründe dafür können den Forscherinnen zufolge sein, dass niedrige Bildung den Zugang zu gut bezahlten Stellen erschwert. Dies schränke wiederum die Ressourcen und Wahlmöglichkeiten ein und lasse traditionelle Lebensentwürfe als sicher und funktional erscheinen. Zum anderen könnten bereits vorhandene traditionelle Einstellungen zu geringeren Bildungszielen geführt haben. Höher gebildete Frauen seien oftmals aufgrund besserer beruflicher Chancen finanziell unabhängiger und hinterfragten aufgrund ihrer höheren Bildung traditionelle Normen stärker.

Einstellungen junger Männer zum Tradwife-Trend

Während empirische Untersuchungen wie das FReDA-Panel und die BiB‑Analyse ihren Fokus auf junge Frauen richten, haben die Forschenden des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) Lena Hipp, Carolin Deuflhard und Marcel Knobloch nun bewusst die Einstellungen junger Männer in den Blick genommen. Denn mit dem Tradwife-Ideal gehen auch spezifische Rollenbilder von Männlichkeit und Geschlechterordnung einher.

Auf Grundlage von Daten des International Social Survey Programme (ISSP) aus 30 Ländern im Zeitraum von 1988 bis 2022 untersuchten die WZB‑Forschenden die Entwicklung von Rollenbildern bei 18‑ bis 34‑Jährigen. Ihr zentrales Ergebnis: Wenn traditionelle Geschlechterbilder auf Zustimmung stoßen, dann häufiger bei jungen Männern als bei jungen Frauen. Besonders ausgeprägt sind solche Einstellungen in Ländern wie Indien, den Philippinen, Taiwan oder Ungarn. In Skandinavien und zunehmend auch in westeuropäischen Ländern fallen die Zustimmungswerte deutlich geringer aus. Die Zahlen zeigen zudem eindeutig, dass in nahezu allen Ländern die Zustimmung bei beiden Geschlechtern rückläufig ist, vor allem in vielen europäischen Ländern, wie etwa in Deutschland, Frankreich, Spanien und Österreich.

Trotz der hohen medialen Reichweite des Tradwife-Trends lässt sich aus empirischer Perspektive keine breite Rückkehr zu traditionellen Geschlechterrollen nachweisen. Die Daten legen den Forschenden zufolge vielmehr den Schluss nahe, dass ein langfristiger Liberalisierungsprozess auch unter jungen Männern zu beobachten ist. Selbst in Bereichen, in denen Männer tendenziell stärker traditionelle Rollenbilder verkörperten als Frauen, kam es im Laufe der Zeit überwiegend zu einem langsa­men Abbau dieser Vorstellungen. Somit seien die Rollenbilder der meisten jungen Menschen von gleichstellungsorientierten Konzepten geprägt.

Zwischen Rollenbildern und Realität: Impulse für die Praxis

Der Tradwife‑Trend wird daher von den WZB‑Forschenden nicht als Ausdruck eines grundlegenden Einstellungswandels interpretiert: „Der Eindruck einer Rückkehr zum Hausfrauen­ideal sagt also möglicherweise weniger über Einstellungen junger Frauen aus als über ge­sellschaftliche Verunsicherungen. Symbolisch aufgeladene Bilder sollen in dieser Situation Halt geben. Die erhöhte Sichtbarkeit bedeutet noch nicht, dass der Trend tatsächlich sozial weit verbreitet ist. Er kann auch schlicht eine medial verstärkte Gegenbewegung zu etablier­ten Gleichstellungsnormen sein“, erläutern die Forschenden. Aus ihrer Sicht ist es wichtig, den Trend weiter gut zu beobachten: „Denn die Auf­merksamkeit, die dem Phänomen der Tradwi­ves zukommt, verdeckt leicht, dass Fortschritte in der Gleichstellung maßgeblich davon abhän­gen, wie sich männliche Rollenbilder verän­dern – oder eben nicht.“

Für Fachkräfte in der Jugendsozialarbeit ist es deshalb wichtig, in ihrer täglichen Arbeit mit jungen Menschen differenzierte Perspektiven auf Geschlechterbilder und -rollen zu fördern. Es braucht Räume, diese Vorstellungen, eigene Unsicherheiten und Zukunftserwartungen sowie digital vermittelte Rollenbilder, wie die des Tradwife‑Narratives, kritisch reflektieren zu können. Die wissenschaftlichen Ergebnisse zeigen, dass es dabei nicht nur um die Alltagswirklichkeiten und Einstellungen junger Frauen geht, sondern genauso auch um die Frage, wie junge Männer sich zu Gleichstellung, Verantwortung und Partnerschaft positionieren. Durch gezielte Beratung und Angebote zu diesen Themen kann Jugendsozialarbeit somit dazu beitragen, Gleichstellung als gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe zu fördern und gleichstellungsorientierte Lebensformen aufzuzeigen.

Autorin: Mareike Klemz

Ähnliche Artikel

Zum Inhalt springen