Rund 600 Teilnehmende aus Praxis, Wissenschaft, Verbänden und Verwaltung sowie Vertreter*innen aus der Politik kamen Anfang März 2026 in Hildesheim zum Bundeskongress Schulsozialarbeit zusammen. Unter dem Leitthema „Professionell. Nachhaltig. Zukunftsorientiert.“ diskutierten sie aktuelle Herausforderungen und Perspektiven des Arbeitsfeldes. Zum Abschluss verabschiedeten die Teilnehmenden die Hildesheimer Erklärung, die zentrale Forderungen für den Ausbau und die strukturelle Absicherung der Schulsozialarbeit formuliert.
Der Kongress versteht sich als bundesweites Forum für fachlichen Austausch, Vernetzung und strategische Weiterentwicklung der Schulsozialarbeit sowie der schulbezogenen Jugendsozialarbeit und Jugendsozialarbeit an Schulen. Initiiert wird das Format vom Kooperationsverbund Schulsozialarbeit, dem auch IN VIA Deutschland, Mitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS), angehört.
Vier zentrale Themenfelder
Zahlreiche Workshops und Vorträge sowie Ausstellungen, Messestände und Podiumsveranstaltungen sorgten für ein vielfältiges Programm. Im Fokus des diesjährigen Kongresses standen vier Themenfelder, die für die Weiterentwicklung des schulbezogenen Handlungsfeldes besonders relevant sind:
- Armut und soziale Gerechtigkeit: Diskutiert wurde, wie Schulsozialarbeit und schulbezogene Jugendsozialarbeit auf strukturelle Benachteiligung reagieren und Chancengerechtigkeit für junge Menschen stärken kann.
- Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE): Schulsozialarbeit versteht sich als Bildungsakteur. Bei BNE stand ihr Beitrag zu den Themen „Nachhaltigkeit“ und „Sustainable Development Goals (SDGs)“ mit dem Ziel Schule als Lebens- und Lernort weiterzuentwickeln.
- Digitalisierung und Digitalität: Themen hier waren digitale Lebenswelten und digitale Teilhabe von Kindern und Jugendlichen sowie Fragen hinsichtlich ihrer Medienkompetenz und der von Fachkräften.
- Professionalität in der Schulsozialarbeit: Diskutiert wurden Fachstandards, multiprofessionelle Zusammenarbeit und Wege, die Qualität der Arbeit trotz Fachkräftemangel langfristig zu sichern.
Beiträge der katholischen Jugendsozialarbeit
Die katholische Jugendsozialarbeit war inhaltlich intensiv beteiligt. Die BAG KJS gestaltete Workshops zum Thema „Jugendarmut“ sowie zum Projekt „Schule – ohne mich?!“, das von IN VIA Deutschland umgesetzt wird. Fachkräfte erhielten Informationen zur steigenden Relevanz dieser Fachthemen und praxisnahe Einblicke.
Im Workshop zum Thema Schulabsentismus standen aktuelle Entwicklungen im Projekt „Schule – ohne mich?!“ im Vordergrund. Vorgestellt wurden gute Beispiele aus der Praxis sowie eine digitale Landkarte, die diese Projekte deutschlandweit darstellt. Im anschließenden Austausch wurden diese Initiativen sehr wertgeschätzt und weitere lokale sowie regionale Beispiele konkret genannt. Allerdings wurde deutlich, dass trotz steigenden Schulabsentismus-Zahlen, finanzieller Druck teils dafür sorgt, dass langjährige und wirksame Angebote nicht aufrechterhalten werden können. In der Diskussion wurde zudem die starke Kopplung von mentalen Belastungen junger Menschen und Schulabsentismus deutlich.
Abschließend wurden politische Forderungen formuliert: Wichtig ist „strukturelle Ursachen“ zu thematisieren und Schulabsentismus nicht zu individualisieren. Zugehörigkeit und Wohlbefinden in Schule, multiprofessionelle Zusammenarbeit sowie gemeinsame Fortbildungen von Lehrkräften und Schulsozialarbeit zum Thema Schulabsentismus müssen gefördert werden. Es braucht einheitliche Regelungen und pädagogische Angebote statt schulischer Sanktionen, verpflichtende Regelungen zum Umgang mit schulabsentem Verhalten für alle Schulen und Lösungen für den ländlichen Raum. Die Problematik muss zudem auch an beruflichen Schulen mehr Beachtung finden. Diese Anliegen werden im weiteren Projektverlauf geschärft und über unterschiedliche Formate in den fachpolitischen Diskurs eingebracht.
Im Workshop „Ausgebremst durch Herkunft? Ein Planspiel“ ermöglichte die BAG KJS den Kongressteilnehmer*innen eine Auseinandersetzung mit den Auswirkungen von Armut auf die Mobilität junger Menschen. Mobilität wurde als eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe erfahrbar; dabei wurde jedoch deutlich, dass diese nicht allen jungen Menschen gleichermaßen zur Verfügung steht. In dem interaktiven Planspiel wurden die Teilnehmenden in unterschiedliche Lebenslagen versetzt und konnten dadurch nachvollziehen, wie eingeschränkte finanzielle Ressourcen und mangelnde Infrastruktur den Zugang zu Bildung, Arbeit und sozialer Teilhabe erschweren. Deutlich wurde, dass armutsbetroffene Jugendliche in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind und strukturelle Benachteiligung erfahren.
In der anschließenden Reflexion wurden die Erfahrungen ausgewertet und in Handlungsansätzen für Praxis und Politik überführt. Diskutiert wurden unter anderem die Bedeutung eines kostengünstigen oder kostenfreien ÖPNV, der Ausbau von Infrastruktur sowie die stärkere Verankerung von Mobilität als Aspekt sozialer Gerechtigkeit. Ein fachlicher Impuls auf Grundlage des Monitors „Jugendarmut in Deutschland“ ordnete die Ergebnisse ein.
IN VIA Deutschland beteiligte sich zudem insgesamt an der Planung und Umsetzung des Kongresses im Rahmen des Kooperationsverbundes Schulsozialarbeit. Zum Organisationsteam gehörten neben den Mitgliedern des Kooperationsverbundes, die Stiftung Universität Hildesheim, die HAWK (Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen), die Hochschule Hannover, die LAG Schulsozialarbeit Niedersachsen sowie der Fachbereichstag Soziale Arbeit. Julia Schad-Heim, Referentin bei IN VIA Deutschland im Netzwerk der BAG KJS, moderierte die Eröffnungsveranstaltung mit Grußworten der Bundesbildungs- und Jugendministerin Karin Prien, von Mustafa Yalcinkaya aus dem niedersächsischen Kultusministerium, von Prof. Maria Busche-Baumann (HAWK) sowie von Doreen Siebernik (GEW). Highlights waren die Grußworte von Lilli Berthold, derzeitige stellvertretende Vorsitzende der Bundesschülerkonferenz und der Hauptvortrag von Prof. Dr. Wolfgang Schröer von der Universität Hildesheim.
Lilli Berthold vergegenwärtigte die Lage und die mentalen Belastungen junger Menschen eindrücklich. Sie verwies darauf, wie wichtig die Beteiligung junger Menschen an allen sie betreffenden Diskursen ist und wie wichtig Vertrauenspersonen, wie die Schulsozialarbeit, für das Wohlergehen junger Menschen an Schulen sind. Prof. Schröer, der den nächsten Kinder- und Jugendbericht maßgeblich mitgestalten wird, kritisierte die gegenwärtigen Anforderungen, Belastungen, restriktive Rhetorik sowie Sanktionsdrohungen, die junge Menschen in ihrem Aufwachsen und bei der beruflichen Orientierung konstant erleben. Diese „Verwertbarkeitsdebatte“ dürfe nicht im Vordergrund stehen, da junge Menschen komplexe Entwicklungsschritte durchliefen und auch mehr als nur eine zweite oder dritte Chance verdienten.
Hildesheimer Erklärung zur Qualität und Absicherung von Schulsozialarbeit
In der zum Kongressabschluss veröffentlichten Hildesheimer Erklärung werden ein flächendeckender Ausbau der Schulsozialarbeit, verlässliche Finanzierungsstrukturen und bundesweite Qualitätsstandards gefordert. Noch bis Ende April kann die Erklärung hier mit gezeichnet werden. Die Dokumentation des gesamten Kongresses wird schrittweise bis Sommer auf der Homepage des Kooperationsverbundes Schulsozialarbeit veröffentlicht.
Vernetzung und Ausblick
Der Kongress zeigte deutlich, wie wichtig professionell abgesicherte Schulsozialarbeit für ein inklusives und gerechtes Bildungssystem ist. Mit der Hildesheimer Erklärung senden die Teilnehmenden ein klares Signal: Schulsozialarbeit braucht dauerhafte Strukturen, ausreichend Fachkräfte und verlässliche Finanzierung, um junge Menschen wirksam zu unterstützen.
Autorinnen: Julia Schad-Heim (IN VIA Deutschland) und Silke Starke-Uekermann (BAG KJS)



