Junge Menschen zwischen Sorgen und Mitbestimmung – warum Beteiligung psychische Gesundheit stärkt

Junge Menschen wachsen in einer Zeit multipler Krisen auf. Die JuCo-Studie der Universität Hildesheim zeigt deutlich, wie stark diese Entwicklungen das Erleben und Wohlbefinden junger Menschen prägen: 51,1 % der Befragten sorgen sich, dass in Deutschland Krieg herrschen könnte, und 74,4 % sehen die Demokratie in Gefahr. Gleichzeitig sind 60,8 % politisch interessiert. Doch dieses Interesse trifft auf ein deutliches Defizit an Resonanz: 63,9 % der Jugendlichen glauben, ihre Lebenssituation sei für Politiker*innen nicht wichtig, 70,3 % haben den Eindruck, dass ihre Sorgen nicht gehört werden. Demgegenüber steht ein klar formulierter Wunsch: 80,5 % wünschen sich mehr politische Mitbestimmung. Diese Diskrepanz zwischen Interesse und Einflussmöglichkeiten markiert ein zentrales Spannungsfeld jugendlicher Lebenswelten.

Beteiligung wird nicht als Zusatzoption verstanden, sondern als grundlegendes Bedürfnis. Dass sich dennoch viele junge Menschen nicht gehört fühlen, verstärkt Gefühle von Ohnmacht und Frustration – zentrale Risikofaktoren für psychische Belastungen. Was tun? Partizipation!

Jugendbeteiligung als funktionale Copingstrategie

Vor dem Hintergrund der beschriebenen Belastungslagen stellt sich die Frage, wie junge Menschen mit Unsicherheit, Zukunftsängsten und dem Gefühl mangelnder Einflussmöglichkeiten umgehen. „Gerade in Situationen, die nicht sofort bewältigt werden können, wie etwa langfristige Krisen, erweist sich eine sinnfokussierte Bewältigung (meaning-focused coping) als funktional und kann die problemfokussierte Auseinandersetzung mit Stressoren und Krisen unterstützen. Sie ermöglicht die Aktivierung positiver Emotionen (…). Dabei wird Akzeptanz gefördert, ebenso Zuversicht – ein zentraler Faktor für die Bewältigung von Krisen.“, erläutern die Wissenschaftler*innen Julia Asbrand, Steve Kenner, Felix Peter, Claudia Calvano und Julian Schmitz in ihrer aktuellen Publikation „Schule in Gesellschaftlichen Krisenzeiten Resilienz und Partizipation von Kindern und Jugendlichen fördern“ (S. 84).

Genau hier setzt Partizipation an. Beteiligung ermöglicht es jungen Menschen, ihre Perspektiven einzubringen, Einfluss zu nehmen und sich als wirksam zu erleben. Sie verschiebt die Rolle von einer passiven Betroffenheit hin zu aktiver Gestaltung. In diesem Sinne kann Partizipation als eine problemorientierte und zugleich ressourcenstärkende Copingstrategie verstanden werden. Anstatt Ohnmacht zu verstärken, eröffnet sie Handlungsspielräume und unterstützt die Auseinandersetzung mit Krisen.

Das Erleben von Selbstwirksamkeit ist ein zentraler Schutzfaktor für die psychische Gesundheit. Wer erlebt, dass die eigene Stimme zählt und Veränderungen möglich sind, entwickelt eher Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit und in gesellschaftliche Strukturen. Umgekehrt kann das Gefühl, nicht gehört zu werden, zu Rückzug, Resignation und erhöhter psychischer Belastung führen.

Beteiligungsprozesse sind häufig in gemeinschaftliche Kontexte eingebettet. Sie fördern Austausch, gegenseitige Unterstützung und das Erleben von Zugehörigkeit, was zur Stabilisierung psychischer Gesundheit beiträgt. Gerade in Krisenzeiten, in denen Unsicherheiten dominieren, können solche kollektiven Erfahrungen eine wichtige Ressource darstellen. Somit stärkt Partizipation individuelle Bewältigungskompetenzen, schafft soziale Einbindung und eröffnet reale Einflussmöglichkeiten.

Psychische Gesundheit als Voraussetzung für soziale Teilhabe

Psychische Belastungen können Teilhabe erheblich erschweren. Wer sich dauerhaft erschöpft, überfordert oder nicht ernst genommen fühlt, hat oft nicht die Ressourcen, sich aktiv einzubringen. Rückzugstendenzen, Selbstzweifel oder das Gefühl von Überforderung können dazu führen, dass vorhandene Beteiligungsangebote gar nicht erst wahrgenommen werden. Dadurch entsteht ein wechselseitiger Zusammenhang: Jugendbeteiligung stärkt psychische Gesundheit, und psychische Gesundheit ist Voraussetzung für gelingende Beteiligung.

Hinzu kommt, dass Partizipation bestimmte Kompetenzen voraussetzt: Kommunikationsfähigkeit, Vertrauen in die eigene Wirksamkeit sowie die Erwartung, ernst genommen zu werden. Diese Voraussetzungen sind jedoch ungleich verteilt. Besonders betroffen sind dabei jene jungen Menschen, die ohnehin mit sozialen oder psychischen Belastungen konfrontiert sind. Ohne gezielte Unterstützung laufen sie Gefahr, von Beteiligungsprozessen ausgeschlossen zu werden, obwohl sie besonders auf Mitbestimmung angewiesen sind.

Handlungsimpulse aus den Erfahrungen des Modellprogramms Mental Health Coaches

Das Modellvorhaben bot eine gute Grundlage, um die Bedarfe junger Menschen differenziert zu erfassen, passgenaue pädagogische Maßnahmen zu entwickeln und diese praxisnah zu erproben. Die konsequente Ausrichtung an den Lebensrealitäten der Schüler*innen sowie ihre kontinuierliche Einbindung in die Gestaltung der Angebote ermöglichten wertvolle Einblicke in wirksame Ansätze zur Förderung psychischer Gesundheit und Teilhabe.

  1. Beteiligung verbindlich gestalten: Junge Menschen müssen echte Mitbestimmung erfahren – jenseits symbolischer Beteiligung. Ihre Perspektiven sollten sichtbar in Entscheidungen einfließen.
  1. Räume des Gehörtwerdens schaffen: Es braucht verlässliche, niedrigschwellige Zugänge zu Räumen, in denen junge Menschen ihre Sorgen äußern können und ernst genommen werden.
  1. Partizipation inklusiv ausrichten: Beteiligungsangebote müssen so gestaltet sein, dass auch von Benachteiligung betroffene Jugendliche erreicht werden.
  1. Psychische Gesundheit und Beteiligung zusammendenken: Partizipation sollte gezielt als Ressource zur Bewältigung von Krisen gestärkt werden.
  1. Strukturen nachhaltig verankern: Die Maßnahmen dürfen kein Projekt bleiben, sondern müssen langfristig in Schule, Jugendhilfe und Kommune eingebettet werden.
  1. Politische Responsivität stärken: Junge Menschen brauchen die Erfahrung, dass ihre Anliegen wahrgenommen und aufgegriffen werden. Das abrupte Ende des Programms hat ein entgegengesetztes Signal gesendet.
  1. Fachkräfte unterstützen: Pädagogische Fachkräfte benötigen Zeit, Qualifizierung und Ressourcen, um Beteiligung und Beziehungsarbeit wirksam umzusetzen.

Konsequenzen für die Jugendsozialarbeit

Für die Praxis der Jugendsozialarbeit ergibt sich daraus ein klarer Auftrag: Beteiligung und psychische Gesundheit dürfen nicht getrennt gedacht werden. Eine konsequente Förderung von Jugendbeteiligung muss daher immer auch die psychische Gesundheit junger Menschen mitdenken – nicht als nachgelagertes Thema, sondern als integraler Bestandteil von Teilhabestrukturen.

Es braucht Räume, in denen junge Menschen gehört werden und in denen sie echte Mitgestaltungsmöglichkeiten haben. Wer jungen Menschen diese Räume eröffnet, stärkt nicht nur ihre individuelle Bewältigungsfähigkeit, sondern auch ihre gesellschaftliche Teilhabe. Die JuCo-Studie formuliert dabei einen deutlichen Handlungsimpuls: Es braucht eine „Neusensibilisierung gegenüber der jungen Generation“ – nicht nur lokal, sondern auch auf politischer Ebene.

Autorin: Özlem Tokyay

Ähnliche Artikel

An einem Metallpfosten klebt ein weißes Blatt, auf dem geschrieben steht: Demokratie, Grundrechte, Rechtsstaat & Freiheit.

Radikaler Einschnitt in der Demokratiearbeit

Die geplante Beendigung des Bundesprogramms Respekt Coaches und der Umbau von „Demokratie leben!“ sind mehr als zwei voneinander getrennte Entscheidungen. Zwar sind beide Programme unterschiedlich strukturiert. Fachlich ziehen sie

Zum Inhalt springen