Eine Jury des Langenscheidt-Verlags wählt jedes Jahr das sogenannte „Jugendwort des Jahres“. 2018 war dieses „Ehrenmann“ bzw. „Ehrenfrau“ im Sinne von jemandem, „der etwas (Besonderes) für einen tut“. In der Folge fand jedoch weder eine öffentliche Auseinandersetzung über die Herkunft des Begriffs statt noch darüber, was Ehre für Jugendliche heute bedeutet, stellt Christian Feichtinger in seinem Beitrag fest, der im „Diskurs Kindheits- und Jugendforschung“ Ausgabe 2-2019 veröffentlicht wurde. Er erarbeitet deshalb, was Ehre ist und welche soziale Funktion sie erfüllt. Besondere Rollen spielen dabei die Bedeutung von Ehre für Jugendliche mit Migrationsgeschichte sowie eine pop- und jugendkulturelle Analyse der Herkunft und Verwendung des Ausdrucks „Ehrenmann“.

“Ehre ist eine fundamentale Kategorie moralischen Denkens und Fühlens”

Der Autor begleitet das Verständnis von „Ehre“ durch verschiedene Zeiten und stellt jeweils ihre Funktion innerhalb von sozialen Systemen dar. Trotz unterschiedlicher Konzepte kommt er nämlich zu dem Schluss, dass es zielführender sei, Ehre nicht inhaltlich oder kulturbasiert zu definieren, sondern sie formal und funktional zu beschreiben. Dabei zeige sich, dass Ehre eine fundamentale Kategorie moralischen Denkens und Fühlens sei. Und dies liege daran, dass sie eine spezifische Funktion innerhalb von sozialen Systemen erfülle. Weiterhin unterscheidet Feuchtinger eine inhaltliche Bedeutung je nach Geschlecht.

“Ehre” als Antwort auf die Suche nach Identität

Durch Migrationsprozesse und die damit verbundene Suche nach Identitäts- und Sinnfaktoren haben traditionelle Ehrvorstellungen nach einem Bedeutungsverlust vor allem über junge Menschen wieder in Europa Fuß gefasst. Die Analyse der Hintergründe führt für den Autor zum Ergebnis, dass das Konzept der Ehre für Jugendliche zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen könnte. Faktisch komme es jedoch zu einer auf Hierarchie sowie Kontrolle der weiblichen Sexualität verengten Auffassung von Ehre. Feuchtinger stellt dazu die Verwendung des Begriffs „Ehrenmann“ in der migrantisch-geprägten Hip-Hop-Szene und deren Einfluss auf die Jugendszene dar. Daneben hatte aber auch eine Ironisierung des Begriffs Folgen für die Bedeutung.

Gut gemeinte Wahl, aber Chance verpasst…

Dass diese Mehrdeutigkeit – und die damit verbundene Diskussionsbedürftigkeit des Begriffs – in der Beschränkung des „Ehrenmann“ auf jemanden, „der etwas (Besonderes) für einen tut“, letztlich zu einer simplifizierten und individualisierten sowie geschlechtlich egalisierten offiziellen Erklärung des Begriffs führt, verschleiert nach Feuchtingers Ansicht dessen semantisches Potential. Er wertet die Wahl daher auch als eine verpasste Gelegenheit, einen breiteren Diskurs über den Ehrbegriff und dessen kulturelle Praxis unter Jugendlichen anzuregen.

Quelle: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung Ausgabe 2. Vierteljahr 2019