Fachkräftemangel: Jugendliche in betriebliche Praxis integrieren statt in Übergangssystemen parken

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„Das Problem �Fachkräftemangel‘ ist größtenteils hausgemacht. Jedenfalls in Deutschland“, sagt Prof. Dr. Georg Spöttl, Leiter des Instituts Technik und Bildung (ITB) an der Universität Bremen, einer der größten unabhängigen Forschungseinrichtungen für Berufsbildung in Europa.
Zur Situation hierzulande meint er: „Es gibt ein großes Potenzial, doch es wird nicht genutzt. Dabei haben gerade wir beste Möglichkeiten, das Problem zu lösen.“
Im Juli befragte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) 1.600 deutsche Unternehmen. Danach erwarten 49 Prozent der Befragten für die kommenden fünf Jahre in ihrem Unternehmen einen Mangel an hochqualifizierten Fachkräften. 43 Prozent rechnen mit Engpässen über alle Berufsgruppen hinweg. Gerade im naturwissenschaftlich-technischen
Bereich rechne insbesondere die Industrie mit zunehmenden Problemen, heißt es weiter. Um diesem Mangel entgegenzuwirken, müssten stärker als bislang unausgeschöpfte Potenziale genutzt werden, wobei die zielgerichtete Aus- und Weiterbildung an erster Stelle stehe.
Schuld am Fachkräftemangel seien vor allem die demografische Entwicklung sowie die schlechte Schulausbildung, klagt die Industrie. „Beides spielt sicher eine große Rolle, wird aber derzeit überbewertet“, sagt Spöttl. „Die wesentlichen Gründe für den aktuellen Mangel liegen anderswo. Im Übergangssystem zum Beispiel, das Jugendliche auf die berufliche Bildung vorbereiten soll. Es bindet wertvolles Potenzial.“

„Statt sie nach der Schule in im Rahmen einer betrieblichen Ausbildung in die Praxis zu integrieren, werden zeitweise bis zu 700.000 der bis 25-Jährigen im Übergangssystem und in Qualifizierungssubsystemen geparkt, also in Maßnahmen, die nicht die berufliche Erstausbildung betreffen“, sagt Spöttl. Von den deutschen Ausbildungsinteressenten ohne Hauptschulabschluss mündeten 2008 drei Viertel ins Übergangssystem ein. Von denen mit Hauptschulabschluss ist es immerhin noch die Hälfte (48 Prozent). Bei den ausländischen Jugendlichen waren es 88 Prozent mit und 67 Prozent ohne Hauptschulabschluss, die laut Bildungsbericht 2010 im Übergangssystem verweilen. Die Situation für Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss ist prekär, für ausländische Jugendliche mehr noch als für deutsche.

„Es werden nicht nur zu viele Jugendliche in berufsvorbereitenden Maßnahmen gesteckt, sondern sie bleiben dort auch zu lange“, sagt Spöttl. Erreichten die Jugendlichen nach dem ersten Durchgang keinen Abschluss, würden sie gerne noch für eine weitere Runde im Übergangssystem gehalten und dort verwaltet. Damit belasteten sie dann auch keine Arbeitslosen- oder Ausbildungsstatistik.

Der Bremer Forscher fordert eine bessere Abstimmung der Aktivitäten und ein nachhaltiges Implementieren erfolgreicher Maßnahmen sowie ein Aufräumen und Gesundschrumpfen des Übergangssystems. „Dadurch werden dann Mittel frei, die viel effektiver zur Förderung des dualen Berufsbildungssystems eingesetzt werden könnten – indem man beispielsweise Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen unterstützt, damit keine Qualifizierung mehr ohne betriebliche Anbindung stattfindet“, meint Spöttl. „Die Vermittlungsquoten nach Qualifizierungsmaßnahmen ohne eine direkte betriebliche Beteiligung sind zu klein und rechtfertigen nicht den hohen Anteil dieser Maßnahmen am Berufsbildungssystem. Auch die Unternehmen müssen dafür Verantwortung übernehmen.“

„Die duale Ausbildung ist teuer für die Betriebe, und sie bindet dort Ressourcen, die dringend für die Produktion gebraucht werden.“ Unter Berufung auf Dr. phil. Wilfried Kruse von der Sozialforschungsstelle Dortmund an der Uni Dortmund schlägt Spöttl vor, zum Beispiel mithilfe staatlicher Gelder Ausbildungsplätze in Unternehmen zu „kaufen“. Dadurch ergäbe sich ein unmittelbarer, volkswirtschaftlicher Nutzen. Als mindestens ebenso wichtig sieht er es an, dass sich vielen jungen Menschen damit auch wieder Perspektiven und wirklich echte Chancen eröffneten. „Viele können erst im praktischen Einsatz und jenseits der Schule zeigen, welche überraschenden Talente in ihnen stecken. Besonders in den technischen Berufen sieht man das immer wieder.“ ”

Quelle: Institut Technik und Bildung (ITB) an der Universität Bremen

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