Einwanderung nach Ostdeutschland: Neue Chance 2011

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Auszüge aus der Studie des IWH
Einwanderung nach Ostdeutschland: Neue Chance 2011

Deutschland – insbesondere Ostdeutschland – erfährt mit der Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung eine demographische Konstellation, welche Gesellschaft und Ökonomie vor erhebliche Herausforderungen stellen wird. Zu denken ist an die Nachhaltigkeit der sozialen Sicherungssysteme, der öffentlichen Haushalte, aber auch an das Wachstumspotenzial einer Wirtschaft, deren Humankapitalressourcen schwinden. Um diesen Problemen gerecht zu werden, gilt es einerseits Anpassungsstrategien, also Lösungen bei gegebenem demographischem Entwicklungspfad, zu entwerfen. Andererseits müssen Vermeidungsstrategien, d. h. Strategien zur Verbesserung der demographischen Konstellation selbst, realisiert werden, um den Problemdruck zu mildern. Die Vermeidungsstrategien betreffen erstens die Geburten und zweitens die Wanderungsbilanz. Während das Geburtenverhalten als weitgehend unbeeinflussbar gilt und mit Blick auf die demographiebedingten Problemlagen eher langfristig wirkt, scheint die Entwicklung von Zu- und Abwanderung eher durch politische Maßnahmen steuerbar zu sein – auch wirkt eine Veränderung der Wanderungsbilanz unmittelbarer auf die Ökonomie, da sie in erheblichem Umfang Personen im erwerbsfähigen Alter betrifft.

Freilich ist die gegenwärtige Entwicklung der Wanderungsverflechtung Deutschlands mit dem Ausland in dieser Beziehung eher ernüchternd.
Deutschland, das in der politischen Debatte gern als Einwanderungsland bezeichnet wird, wies 2008 – und nach einer vorläufigen Schätzung des Statistischen Bundesamtes auch 2009 – eine negative Wanderungsbilanz gegenüber dem Ausland auf. Die Sonderentwicklungen, welche in den 1990er Jahren zu erheblichen Wanderungsgewinnen gegenüber dem Ausland geführt haben und in der Folge auch zu einer restriktiveren Immigrationspolitik – zu denken ist an die Verschiebung der Umsetzung einer vollen Arbeitnehmerfreizügigkeit gegenüber den neuen EU-Ländern bis Mai 2011 –, scheinen abgeklungen und die Attraktivität Deutschlands
für „normale“ Zuwanderung auch aufgrund rechtlicher Rahmenbedingungen eher begrenzt zu sein. …

In historischer Dimension hat Deutschland eine eher episodische Geschichte als Einwanderungsland. Demgegenüber war die Auswanderung bis weit ins 20. Jahrhundert hinein von deutlich stärkerem Gewicht – auch wenn die Dimension der Auslandswanderung von der Binnenwanderung weit in den Schatten gestellt wurde. …

Die durch das Wirtschaftswunder generierte Absorptionskraft war derartig hoch, dass trotz dieses erheblichen Zuwachses an Bevölkerung das Arbeitsangebot mit der Arbeitsnachfrage nicht Schritt halten konnte, insbesondere nach dem Bau der Mauer, welcher den Zustrom an Übersiedlern fast gänzlich zum Erliegen brachte. Die Lösung des Problems, die dann zu einem signifikanten Anstieg der Zuwanderung führte und Deutschland erstmalig mit einer starken Einwanderung von Nichtdeutschen konfrontierte, bestand im Anwerben von „Gastarbeitern“.
Hierfür wurden zwischen 1955 und 1968 entsprechende Anwerbeabkommen mit acht südlichen Ländern geschlossen. … Das aktive Anwerben endete in Folge der ersten Ölkrise und einer damit verbundenen Rezessionsphase durch den bis heute gültigen Anwerbestopp von 1973. Die damit einhergehenden Einschränkungen, wie der Verlust der Aufenthaltserlaubnis selbst bei einem nur vorübergehenden Verlassen der Bundesrepublik, führten im Zusammenspiel mit weiteren gesetzlichen Regelungen zu einem nun langfristig angelegten Verbleib der 2,6 Millionen Gastarbeiter und zu einer zweiten Einreisewelle aufgrund des Nachzugs von Familienangehörigen.
In der DDR stellte sich die Situation etwas anders dar. Zwar konnte der Zuzug von 3,9 Millionen Heimatvertriebenen in das Gebiet der DDR in etwa den kriegsbedingten Verlust „kompensieren“. Bis zum Bau der Berliner Mauer 1961 kam es aber auch in der sich erholenden ostdeutschen Nachkriegswirtschaft infolge der Abwanderung der 3,5 Millionen Übersiedler in den westlichen Teil Deutschlands zu einem akuten Arbeitskräftemangel.
Die DDR warb deshalb im Rahmen von Anwerbeabkommen ab den 1960er Jahren so genannte Vertragsarbeiter an. Im Vergleich zur Bundesrepublik
war die Dimension der durch die Abkommen verursachten Auslandswanderungen in der DDR jedoch gering. … So erklärt es sich, dass die DDR im Jahr 1989 nur 191 190 Ausländer – also etwa 1,2% der Bevölkerung – beheimatete. Fast die Hälfte dieser Gruppe besaß Vertragsarbeiterstatus. Die Vertragsarbeitnehmer kamen dabei vorwiegend aus Vietnam und Mosambik, wodurch Besonderheiten der aktuellen Ausländerstruktur der Neuen Bundesländer erklärt werden. Gerade der hohe Bevölkerungsanteil von Personen aus „Asien, Australien und Ozeanien“ ist vor allem auf vormals vietnamesische Vertragsarbeiter zurückzuführen.

Nach 1990 kam es zu einer vermehrten Zuwanderung nach Deutschland, wofür vornehmlich die Immigranten aus den zerfallenden Staaten von Jugoslawien und der UdSSR verantwortlich waren. Der Zustrom von Personen aus diesen Staaten konzentrierte sich indes auf die frühen und mittleren 1990er Jahre. Seit zehn Jahren ist deren Zuwanderung stark rückläufig. In der Folge näherte sich das Niveau der Zuwanderung dem etwa gleich bleibenden der Auswanderung an, sodass in den letzten
Jahren stark sinkende Wanderungsüberschüsse mit dem Ausland resultierten und im Jahr 2008 gar eine negative Wanderungsbilanz verzeichnet wurde.
In der Ost-West-Betrachtung fällt überdies auf, dass die Attraktivität der Neuen Länder als Zielregion ausländischer Migranten auch nach dem
Fall der Mauer erheblich unter der des westlichen Teils liegt. …

Bemerkenswerter ist jedoch die Entwicklung an den Grenzen. Es zeigt sich, dass insbesondere die geographische Nähe zu Polen einen Zustrom von Bevölkerung aus dem Ausland in ländliche Räume Ostdeutschlands ermöglicht hat. Verantwortlich für diesen Effekt dürften polnische Bürger sein, welche zwar – aufgrund der immer noch bestehenden Beschränkungen der Arbeitnehmerfreizügigkeit für Personen aus den Ländern der neuen EU-Beitrittsstaaten – noch nicht uneingeschränkt in Deutschland arbeiten, aber doch wohnen dürfen und zu den Grenzpendlern zu zählen sind. Somit profitieren die Grenzregionen von der jetzigen Regelung, … . Trotz dieser Sonderentwicklungen ist das Volumen des Nettozustroms aus dem Ausland jedoch auch in diesen Regionen recht niedrig. …

Aufgrund der unterschiedlichen Geschichte und Politik der Immigration in der BRD und der DDR ist der Homogenitätsgrad der Bevölkerung im Osten jedoch viel höher, … . Beispielsweise ist der Anteil von „Deutschen der ersten Generation“ (welche selbst aus dem Ausland zugezogen sind) und „Deutschen zweiter Generation“ (die mindestens ein Elternteil besitzen, das aus dem Ausland zugezogen ist oder eine ausländische Staatsbürgerschaft aufweist) im Westen fast dreimal so hoch wie im Ostteil Deutschlands. … Es zeigt sich, dass der Ost-West-Unterschied bei den Personen mit Migrationshintergrund noch höher ist als bei Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Während im Westteil 22% der Bevölkerung einen Migrationshintergrund in der vorgenommenen Abgrenzung aufweisen, sind es im Osten nur 9%. Der Ostteil Deutschlands, so lässt sich schließen, kann damit nicht als Einwanderungsregion bezeichnet werden. …

Auch wenn die gegenwärtige Migrationsbilanz Deutschlands gegenüber dem Ausland ausgeglichen oder gar negativ ist, lässt sich Deutschland aufgrund der bundesrepublikanischen Migrationsgeschichte der letzten 60 Jahre gerechtfertigt als Einwanderungsland bezeichnen. Für die Teilregion der Neuen Bundesländer gilt dies indes nicht. Dazu ist der Zeitraum, in dem auf Dauer angelegte Zuwanderung in substanzieller Größenordnung erfolgen konnte, zu gering bzw. überhaupt noch nicht vorhanden. Fehlende Erfahrungen mit Migranten, aber auch fehlende ethnische Netzwerke für potenzielle Zuwanderer legen die Vermutung nahe, dass Immigration auch künftig eher in den Westteil Deutschlands erfolgen wird, selbst wenn sich die Arbeitsmarktsituation im Osten demographiebedingt verbessern sollte. Die einzig greifbare – … – Option zur Erhöhung von Zuwanderung in die Neuen Länder stellt die Migration aus Mittelosteuropa, insbesondere aus Polen, dar. … Überdies hat sich in anderen EU-Ländern gezeigt, dass Migration aus Mittelosteuropa in der Regel eine Migration von Qualifizierten darstellt und in den Arbeitsmarkt und nicht in die Sozialsysteme erfolgt.

Indes ist vor zu hohen Erwartungen mit Blick auf die Größenordnung des Zuwanderungsstromes zu warnen. Ein Großteil der migrationsaffinen Bevölkerung ist in der Folge der zügigeren Implementierung der Arbeitnehmerfreizügigkeit in anderen EU-Staaten bereits aus Mittelosteuropa ab- und wohl auch ausgewandert. Dieser Teil der Bevölkerung scheint für Ostdeutschland aufgrund der restriktiven Einwanderungspolitik der letzten Jahre verloren zu sein. Die Anstrengungen müssen daher darauf gerichtet sein, die ab Mai 2011 in den Arbeitsmarkt drängenden Zu- und Einwanderer aus den östlichen Nachbarländern nicht durch neuerliche Restriktionen abzuschrecken, sondern ihnen den Zuzug nach Kräften zu erleichtern. Angesichts … der demographischen Notlage, auf welche die Neuen Länder in der nächsten Dekade zusteuern, erscheinen Befürchtungen vor einem übermäßigen crowding out der ansässigen Arbeitnehmer unbegründet.”

Autoren des Aufsatzes:
Alexander Kubis und Lutz Schneider

Den vollständigen Artikel entnehmen Sie über aufgeführten Link.

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Quelle: Institut für Wirtschaftsforschung Halle

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