Wie geht es eigentlich den Jugendlichen

Der Lockdown ist noch lange nicht komplett aufgehoben, Angebote der Sozialen Arbeit sind immer noch weit davon entfernt wieder normal arbeiten zu können. Die finanzielle Absicherung von Trägern, Personal und Maßnahmen bestimmen weitestgehend die Debatte um die Auswirkungen des Lockdowns. Ergänzend dazu richten die “Jugendsozialarbeit News” in den nächsten Wochen den Blick auf die Jugendlichen in der Jugendsozialarbeit. Hier wird gefragt „wie geht’s eigentlich den Jugendlichen…“ und damit wird der Berichterstattung zur Coronakrise eine neue Ausrichtung gegeben. Heute berichtet Julia Jenkner vom Caritasverband Nürnberg e.V. Als Respekt Coachin ist sie an zwei Nürnberger Mittelschulen und bietet dort Gruppenangebote im Primärpräventiven Bereich an. Das gesamte Gespräch ist unter diesem Beitrag als Audiodatei veröffentlicht.

Wie sieht die Situation derzeit für die Schüler*innen, mit denen du sonst zusammenarbeitest, aus?

Julia Jenkner: Die Schüler*innen zu denen ich in der letzten Zeit Kontakt hatte, berichten von Langeweile. Gerade in den ersten Wochen der Schulschließungen waren die Ausgangsbeschränkungen sehr strikt in Bayern. Auch die beengten Wohnverhältnisse i.S.v. kleinen Wohnungen mit vielen Familienmitgliedern, führten vermehrt zu Stress. Eine Jugendliche berichtete mir, dass sie in der Zeit wiedermal von Zuhause weggelaufen ist aufgrund von Konflikten mit einem Elternteil. Mittlerweise ist sie wieder zurück und versucht die Situation für sich zu regeln. Dabei wird es sich sicherlich um keinen Einzelfall handeln, sondern bei vielen wird es ein erhöhtes familiäres Konfliktpotenzial geben. Andererseits berichten Jugendliche aus der Mädchen*-AG, dass sie versuchen das Beste aus der Situation zu machen. Sie konzentrieren sich auf die Hausaufgaben, da sie kurz vor dem Abschluss stehen und verbringen Zeit mit der Familie. Viele Jugendliche werden in die Hausarbeit intensiv eingespannt. Dadurch entsteht vielleicht keine Langeweile, jedoch finden durch das Einspannen in elterliche Verpflichtungen, wie Haushaltsführung und Betreuung der jüngeren Geschwister, Einschränkungen in ihrer persönlichen und jugendlichen Freiheit statt.

Die Schulen sind größtenteils geschlossen oder nur für vereinzelte Klassen geöffnet. Was sind die Angebote, die du gerade machen kannst?

Julia Jenkner: Ich veröffentliche wöchentlich, seit Beginn der Corona-Krise, mit meiner Kollegin Nicola Bischof von der Akademie Caritas-Pirckheimer Haus den Podcast „Quaranteens, lass und (online) reden“, um die Jugendlichen auch Online ohne persönlichen Kontakt zu erreichen. Die Themen, die dort behandelt werden sind vielfältig, so geht es beispielsweise um „Religion und Corona“ oder „Frauen*, Mädchen* und Corona“. Wir sind gerade noch in der Austestungsphase und müssen uns noch genauer überlegen wie wir diesen bewerben, damit wir mehr Jugendliche erreichen können.  In den Osterferien fand außerdem für einen Teil der Jugendlichen der Rap-Workshop ‚Rapflektion‘ von Carlos Utermöhlen statt, das hat trotz teilweise wenig technischer Ausstattung seitens der Jugendlichen, gut funktioniert.

Wie ist deine Einschätzung wie du aus dem Projekt heraus da unterstützen kannst?

Julia Jenkner: Ganz zu Beginn der Schulschließungen habe ich noch mal an alle Lehrkräfte und an die Schulleitungen die Info geschickt, dass sie gerne meine Email-Adresse und Handynummer an die Schüler*innen geben können, damit die sich jederzeit bei mir melden können. Die Schüler*innen, deren Kontaktdaten ich auf dem Handy habe, habe ich auch schon ein paar Mal gefragt ob alles in Ordnung ist. Wir versuchen über den Podcast die Jugendlichen zu animieren sich bei uns zu melden und zu sagen was sind ihre Themen sind, über die sie gerne sprechen würden. Ich glaube das da jedoch die Hemmschwelle derzeit noch ein wenig hoch ist, weshalb das Angebot bisher noch nicht so wahrgenommen wird.

Gibt es Rückmeldungen von Schüler*innen, die sagen es läuft auch gerade etwas besonders gut?

Julia Jenker: Für viele ist, glaube ich, die Freizeit, gerade jetzt wo die Ausgangsbeschränkungen, nicht mehr ganz so strickt sind, ein bisschen leichter zu händeln. Die freuen sich wahrscheinlich, weil sie gerade sowieso zu großen Teilen ihre Freizeit draußen auf der Straße verbringen und würden jetzt nicht ihre Leute zuhause besuchen. Dadurch sind viele auch ganz angetan, dass sie jetzt nicht jeden Tag frühs aufstehen müssen, um in die Schule zu gehen. Für viele Jugendliche ist gerade das in unserem Schulsystem immer schwierig: frühs um acht auf der Matte stehen und aufnahmefähig sein. Manche profitieren davon, dass sie sich die Zeit freier einteilen können und vielleicht erst um elf anfangen können zu lernen. Dafür braucht es aber auch recht viel Disziplin oder vielleicht auch Motivation das wirklich zu tun. Das kann ich aber auch noch nicht so gut einschätzen bei wie vielen das eben der Fall ist.

Wie sieht der digitale Unterricht für viele Schüler*innen aus?

Ich habe Kontakt zu einigen Lehrkräften, die über die Herausforderungen bei der Gestaltung des digitalen Unterrichts berichten. Da merkt man auch, dass nicht die ganze Klasse angesprochen werden kann. Viele Lehrkräfte berichten davon, dass sie mit mind. 1/3 der Jugendlichen relativ wenig bis kaum Kontakt hatten in den letzten Wochen. Für viele Jugendlichen ist es schwierig die Ressourcen aufzubringen, die dafür benötigt werden. Sei es zuhause einen Raum zu schaffen wo sie sich zurückziehen können oder die technischen Ausstattungen wie Laptop und eine Webcam, um bestimmte Anwendungen nutzen zu können und im Kontakt mit den Lehrkräften zu bleiben.

Wie sehen zukünftige Projekte von dir aus um mit den Schüler*innen weiterzuarbeiten?

Aktuell sind wir dabei zu überlegen ob wir unsere online Angebote noch weiter ausbauen können. Zusätzlich arbeiten wir auch an Möglichkeiten von offline Angeboten draußen, mit Einhaltung von Abstandsregelungen. So ist beispielsweise die Überlegung eine Stadtrallye in Nürnberg zum Thema Menschenrechte zu konzipieren.

Vielen Dank für das Gespräch! Das Interview führte Vanessa Prack – Referentin Respekt Coaches bei der BAG KJS.

 

Quelle: BAG KJS