In Deutschland nimmt die Einkommensungleichheit weiter zu. Das zeigt der diesjährige WSI-Verteilungsbericht. Im Zentrum steht die Frage, wie sich die Ungleichheit nach dem starken Anstieg Anfang der 2000er Jahre entwickelt hat – ein Thema, das kontrovers diskutiert wird. Eine differenziertere Betrachtung auf Basis der analysierten Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zeigt: Nach dem Jahr 2005 hat sich der Anstieg der Ungleichheit vorerst stark abgeschwächt. Seit 2010 aber wächst die Einkommensungleichheit wieder deutlich und das ungeachtet der guten konjunkturellen Rahmenbedingungen sowie der äußerst günstigen Arbeitsmarktlage. Die Analysen belegen, dass die Entwicklung der Einkommen an den Rändern der Verteilung für die erneute Zunahme der Ungleichheit verantwortlich ist. Auch der Verteilungsbericht 2018 zeigte eine gewachsene Polarisierung der Einkommen auf.

Günstige Wirtschaftsbedingungen können die Ungleichheit nicht verringern

Woran liegt nun der seit 2010 stetig fortschreitende Anstieg der Einkommensungleichheit? Schließlich herrschen seitdem mit wirtschaftlichem Aufschwung und äußerst positiver Arbeitsmarktlage sehr günstige gesamtwirtschaftliche Rahmenbedingungen. “Es ist ein Armutszeugnis für Deutschland, dass es selbst unter so stabilen guten konjunkturellen Bedingungen nicht gelingt, die Ungleichheit zu verringern und Armut wirksam zu bekämpfen”, schreiben dazu die Studienautorinnen Dorothee Spannagel und Katharina Molitor. Sie heben als Gründe unter anderem hervor:

  • “Einer der stärksten Treiber sind wachsende Lohnungleichheiten. (…) Gerade in der ersten Dekade des neuen Millenniums mussten die unteren Lohngruppen Lohneinbußen hinnehmen; von Lohnzuwächsen konnten nur die oberen Lohngruppen profitieren (…).”
  • “Für die (…) wachsende Konzentration der Einkommen am oberen Ende sind insbesondere die Kapitaleinkommen verantwortlich. Diese Einkommensart ist äußerst ungleich verteilt. (…)”
  • “(…) Ende der 1990er Jahre. Die Einkommensungleichheit der verfügbaren Einkommen steigt seitdem (…), weil es nicht mehr gelingt, die stark wachsende Ungleichheit der Markteinkommen über Umverteilung auszugleichen (…). Diese Entwicklung wird durch einen weiteren Trend verstärkt: steuerpolitische Entlastungen der Reichen. Es ist belegt, dass reiche Haushalte von vielen steuerpolitischen Entscheidungen der letzten Jahre direkt profitiert haben (…). Das gilt insbesondere für die Absenkung des Spitzensteuersatzes von noch 53% Ende der 1990er Jahre auf derzeit nur mehr 42%. Auch die Reform der Erbschaftssteuer im Jahr 2016 spielt hier eine Rolle. (…)”

Spaltung der Gesellschaft verhindern

Und daraus ergeben sich für die Autorinnen auch die Ansätze, um den Anstieg der Ungleichheit zu beenden und eine tief greifende Spaltung der Gesellschaft zu verhindern: Haushalte am oberen Ende müssten über höhere Steuern einen größeren Beitrag zur staatlichen Umverteilung leisten. Um zu verhindern, dass Haushalte am unteren Ende den Anschluss an die Gesellschaft verlieren, seien vor allem die Erhöhung des Mindestlohns, eine Stärkung der Tarifbindung sowie arbeitsmarktpolitische Maßnahmen notwendig. In diesem Sinne äußert sich auch der Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE, Dietmar Bartsch, in einem ersten Kommentar zum Verteilungsbericht: „Sprudelnde Kapital- und Vermögenseinkommen auf der einen Seite und der größte Niedriglohnsektor Europas auf der anderen führen zu diesem Ergebnis. Das ist nur zu beenden, wenn die Löhne spürbar steigen, Kapital- und Vermögenseinkünfte angemessen besteuert werden und eine große Steuerreform kleine und mittlere Einkommen spürbar entlastet.“

Um eine andere Ausprägung der Problematik der ungleichen Verteilung geht es in einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Thema ist dort die Vermögensverteilung in der deutschen Bevölkerung. Auch die DIW-Forscher legen ihren Untersuchungen die aktuellen Erhebungen für das SOEP zugrunde.

Quelle: WSI, Hans-Böckler-Stiftung, DIE LINKE