Sprachrohr sein und den Finger in die Wunde legen – Interview mit Barbara Denz und Stefan Ottersbach über ihre Ziele als neue Vorsitzenden der BAG KJS

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Im November 2021 hat die Mitgliederversammlung der BAG KJS Dr. Stefan Ottersbach (Bundespräses des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend – BDKJ) zu ihrem neuen Vorsitzenden und Barbara Denz (Generalsekretärin von IN VIA Deutschland) zur stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. In diesem Interview geben sie uns Einblicke in ihre vielfältige Erfahrung im Feld der Jugend(sozial)arbeit, erzählen uns, was die Katholische Jugendsozialarbeit so besonders macht und blicken mit uns in die Zukunft mit und nach Corona. 

Wenn Sie an Katholische Jugendsozialarbeit denken: Was fällt Ihnen als erstes spontan ein?

Denz: Ich denke an die tollen Träger, die hier unterwegs sind, die z.B. Jugendberufshilfe machen oder in der Schulsozialarbeit tätig sind; ich denke an IN VIA, an den BDKJ, an Kolping und so weiter. Jugendsozialarbeit gibt es natürlich auch von anderen, nichtkirchlichen Trägern, aber unser Qualitätskriterium ist eben, im Geiste des Evangeliums unterwegs zu sein, ohne dies vor sich hertragen zu müssen.  

Ottersbach: Ich denke als Erstes an meine Heimatstadt Duisburg und meine Begegnungen dort im Rahmen von Projekten. In der “Werkkiste” gab es immer wieder Kontakte mit Jugendlichen. Das war für mich ehrlich gesagt auch irgendwie eine andere Welt. Ich erinnere mich an Gesichter von Jugendlichen, denen ich dort begegnet bin und mit denen ich wichtige Lernerfahrungen verbinde.  

Als Sie sich zur Wahl für das Vorstandsamt der BAG KJS entschieden haben: Was hat Sie am meisten motiviert, Herr Ottersbach?

Ottersbach: Das, was mich am meisten motiviert hat, ist meine Erfahrung in der diözesanen Jugendpastoral. Damals wurde mir klar, wie stark doch die Grenzen zwischen einzelnen jugendpastoralen Handlungsfeldern sind und dass dort zum Teil leider kaum Kontakte bestehen. Das finde ich unglaublich schade, weil ich glaube, dass die Vielfalt der jugendpastoralen Handlungsfelder unbedingt notwendig ist, damit wir als Christ*innen diese Gesellschaft mitgestalten können. Mich motiviert für diese Aufgabe, dass ich dafür Sorge tragen kann, dass die Jugendsozialarbeit sichtbarer wird, zum einen im jugendpolitischen Kontext, aber auch als lebendiger Teil von Kirche. Dass sie gerade hier mehr Anerkennung und Wertschätzung erfährt, daran möchte ich mitwirken 

Vor Ihnen, Frau Denz, war Marion Paar, ebenfalls von IN VIA, lange im Vorstand der BAG KJS. Ist es für Sie deshalb ganz klar und natürlich gewesen, ihr auch in diesem Amt nachzufolgen?

Denz: Ich würde nicht sagen, dass es sich um eine natürliche Angelegenheit handelt, denn es ist nicht selbstverständlich, in dieses Gremium gewählt zu werden. Für mich war eine Motivation die Erfahrungen, die ich in den vergangenen 27 Jahren meines Berufslebens gemacht habe, und die ich nun auch auf der Bundesebene einbringen möchte. Ich war zuvor Geschäftsführerin und Vorstandsvorsitzende bei IN VIA im Diözesanverband Freiburg und zuvor war ich in einer Kommune als Frauenbeauftragte tätig und in dieser Rolle auch auf Landesebene delegiert. So habe ich die politische Arbeit kennen- und schätzen gelernt. Tatsächlich ist es mir wichtig, als BAG KJS den Trägern ein Sprachrohr zu bieten, die wiederum die Bedürfnisse und Perspektiven von benachteiligten Jugendlichen vertreten.  

Für was steht für Sie das “K” in “BAG KJS”? Was macht unseren Auftrag so besonders?

Denz: Das “K” steht nicht nur für “katholisch”, sondern auch für “kirchlich”, und dass wir hier in einem starken Bewusstsein unterwegs sind und einen Auftrag im Sinne der katholischen Soziallehre und ihrer Prinzipien zu leisten. Mit Blick auf Beteiligung junger Menschen geht es hier neben der Solidarität und der Subsidiarität ganz besonders um die Personalität in der katholischen Jugendsozialarbeit. Hinzu kommt der Verbund der katholischen Träger. Dieser stellt eine große Stärke dar. In und aufgrund unserer Vernetzung können wir als Kirche in die Gesellschaft hineinwirken: Wir sind Kirche. Das müssen wir immer wieder deutlich machen: dass, wie wir leben und wie wir handeln, ein sehr glaubwürdiger Teil von Kirche ist.  

Ottersbach: Im vergangenen Herbst hat die Deutsche Bischofskonferenz neue jugendpastorale Leitlinien verabschiedet. Sehr zentral für diese Leitlinien ist ein Dreischritt: wahrnehmen – interpretieren – wählen. Für mich heißt dieser Dreischritt, die Lebensrealitäten von jungen Menschen wahrzunehmen, die oftmals unter dem Radar laufen und gesellschaftlich oftmals abgehängt werden, wie die Corona-Pandemie ganz besonders gezeigt hat. Hier gilt es, mit offenen Augen, ganz, wie Jesus es getan hat, deren Wirklichkeit wahrzunehmen, daran zu partizipieren und davon zu lernen. Dies zu interpretieren, heißt dann, als katholische Jugendsozialarbeit zu analysieren und deutlich zu benennen, was einem gelingenden Leben dieser Kinder und Jugendlichen entgegensteht, und daraus dann Wege zu entwickeln, diesen Missständen Abhilfe zu leisten. Insofern sind wir Teil der Jugendpastoral in Deutschland und dies vom ersten bis zum letzten Schritt. Ich sehe allerdings auch große Herausforderungen für uns als BAG KJS, da sich die Relevanz des Gottesglaubens in unserer Gesellschaft radikal verändert hat. Als Träger und Mitarbeiter*innen sollten wir uns dies immer wieder ehrlich vor Augen führen, Das bedeutet für mich auch, dass wir uns selbst hinterfragen und an unserem Selbstverständnis arbeiten.  

Die Corona-Pandemie wird die Jugendsozialarbeit noch eine Weile begleiten und herausfordern. Wo sehen Sie den größten und dringendsten Handlungsbedarf, um benachteiligte junge Menschen in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen? Wo stehen wir gerade?

Denz: Wir können nach 22 Monaten auf eine Zeit zurückblicken, in der die Mitarbeitenden in der Jugendsozialarbeit unglaublich kreativ waren und mit großem Engagement Kinder und Jugendliche erreicht haben, insbesondere jene in prekären Lebensverhältnissen; von letzteren sind sozusagen auch welche untergegangen und bis jetzt auch nicht wieder erreicht worden. Wir können weiterhin versuchen, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und Begegnungen zu schaffen – dies muss aber auch ausgebaut werden und dafür braucht es entsprechende Ressourcen. Ein Aspekt ist der Ausbau digitaler Möglichkeiten, ferner die Ausstattung mit Endgeräten und Hardware. Ich weiß, dass es viele Träger gibt, die jungen Menschen Tablets zur Verfügung gestellt haben, damit sie überhaupt erst in Kontakt treten können, dass sie in der Schule mitkommen können, dass sie aber auch Unterstützung bei der Ausbildung erfahren usw.. Neben der Hardware geht es aber auch um den Umgang damit, wofür wir die Kompetenzen in der Trägerlandschaft ausbauen müssen, sodass die Sozialarbeiter*innen und Pädagog*innen sich entsprechend qualifizieren können. Zudem braucht es Plattformen, die nahe an den Jugendlichen sind und bei denen sie gerne mitmachen. Ein weiterer Aspekt – und dies gilt nicht nur für die Corona-Zeit – sind die Beteiligungsmöglichkeiten junger Menschen; also konkret danach zu fragen, was sie brauchen, wie sie unterstützt werden können und was sie dazu beitragen können. Sie einfach hören. 

Ottersbach: Ich kann daran sehr gut anknüpfen: Zum einen glaube ich, dass in der Corona-Zeit die Mitarbeiter*innen der Jugendsozialarbeit viel investiert haben, um an den Jugendlichen dranzubleiben. Dafür bin ich sehr dankbar. Es ist aber auch so, dass Corona massiv gezeigt hat, wo die Schwierigkeiten liegen bzw. vorher schon lagen. Die BAG KJS hat im November 2021 einen Fachtag zum Thema Digitalisierung in der Jugendsozialarbeit gemacht, den ich sehr ermutigend fand, weil da die Praktiker*innen von vor Ort Ideen spinnen und sich austauschen konnten – da steckt viel Potenzial drin. Was mich bei diesem Thema allerdings nachdenklich macht, ist die politische Dimension. Im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung wird die digitale Transformation sehr stark gemacht, allerdings in erster Linie mit Blick auf die schulische Landschaft. Da habe ich die Sorge, dass die Jugendsozialarbeit politisch nicht ausreichend berücksichtigt wird, obwohl doch genau jene unterstützt werden sollen, die dies am dringendsten benötigen. Als BAG KJS müssen wir hier sehr wachsam sein und die Entwicklungen, Verheißungen und Versprechungen beobachten. Insgesamt hat uns Corona vor Augen geführt, wie wichtig unsere Arbeit ist. Denn gerade junge Menschen in prekären Lebenslagen wurden nicht nur schulisch abgehängt, sondern auch und gerade psychisch.  

Denz: Was diese Zeit und auch die Zukunft prägen wird, ist sicherlich genau diese psychische Dimension der Pandemie. Junge Menschen haben Angst, ihre eigenen Angehörigen anzustecken, das macht etwas mit den jungen Menschen; gleichzeitig erleben Kinder und Jugendliche, die sich nicht impfen lassen können, wollen oder sollen, eine neue Art von Ausgrenzung und sie werden gemobbt. Das darf so nicht sein und wir sollten dies nicht unterstützen.   

Im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung werden einige Vorhaben angekündigt, die auch für die Jugendsozialarbeit relevant sind. Wo soll sich die BAG KJS in die Politik der neuen Regierung einbringen – und wie?

Ottersbach: Das ist sicherlich ein weites Feld, ich beschränke mich hier einmal auf drei Punkte: Als BDKJler ist mir die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen wichtig. Die beabsichtigte Wahlalterabsenkung muss auch ein Interesse der BAG KJS sein. Auch wenn die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag hier herausfordernd sind: Das Grunddilemma, dass Kinder und Jugendliche sich nicht selbst vertreten können, besteht weiterhin und dafür ist die Absenkung des Wahlalters entscheidend, wie ich finde. Das zweite Thema ist die Ausbildungsgarantie, mit der sich die BAG KJS schon seit langem beschäftigt. Das dritte wichtige Thema ist die Kinder- und Jugendgrundsicherung, das wir politisch weiterverfolgen sollten. Der Koalitionsvertrag ist insgesamt sehr reichhaltig für Kinder und Jugendliche und es gibt viele Themen, die uns beschäftigen werden, aber diese drei Projekte möchte ich zumindest benannt haben. 

Denz: Ich denke besonders an die digitale Teilhabe junger Menschen, die nicht explizit im Koalitionsvertrag benannt ist und doch für die Zukunft so zentral sein wird, weshalb wir da den Finger in die Wunde legen sollten. Das zweite Thema ist die Schulsozialarbeit, die erfreulicherweise im Koalitionsvertrag steht, wir jedoch dafür sorgen müssen, dass diese in freier Trägerschaft bleibt und nicht in die schulische Trägerschaft übergeht, denn das wäre für mich ein absolutes „no go“. Der dritte Punkt, der mir wichtig wäre, aber auch nicht im Koalitionsvertrag steht, ist die außerbetriebliche Ausbildung, die als Übergangsangebot für alle Jugendlichen, die es nicht direkt in die betriebliche Ausbildung schaffen, von zentraler Bedeutung ist. Nicht zuletzt sollte uns die Stärkung der Rechte und Möglichkeiten junger Geflüchteter weiterhin am Herzen liegen – in den Jugendmigrationsdiensten werden junge Migrant*innen begleitet und dabei unterstützt, sich zu orientieren und zu entwickeln. Die Vereinfachung von Asylverfahren, wie sie im Koalitionsvertrag angekündigt wird, könnte hier sicherlich einen Teil zu einer schnelleren Integration leisten. 

Liebe Frau Denz, lieber Herr Ottersbach, herzlichen Dank für dieses Interview und alles Gute für Ihr Engagement in der BAG KJS! 

Quelle: BAG KJS – Dr. Anna Grebe; Bildnachweis: Stefan Ottersbach (BDKJ: Christian Schnaubelt); Barbara Denz (IN VIA Deutschland) 

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