Forschungsprojekt bestätigt: Für Jugendliche in der Jugendsozialarbeit sind Social Media ein eigener Sozialraum

Das Wichtigste aus der Erhebung im Projekt Social Media:
Viel Aktivitäten in Sozialen Netzwerken – wenig Wissen
Bei der Nutzung der Social Media, die den Jugendlichen zur Verfügung stehen, wurden drei Anbieter besonders häufig genannt: ## WhatsApp erhielt die meisten Nennungen, dies wohl auch deswegen, weil sich die Jugendlichen auch ohne eine umfängliche Nutzung von Internet-Datenvolumen durch ihren Telefonprovider intensiv mit anderen austauschen können, da im öffentlichen oder privaten WLAN keine zusätzlichen Kosten und kein Verbrauch der gebuchten Datenoptionen erfolgt.
##Facebook wurde ebenfalls von einer großen Anzahl der befragten Jugendlichen genutzt. Besonders viel bei diesem Dienst auf: Wer viele Freundschaften hat, genießt höhere Anerkennung, dieser Effekt war auch in den Interviews zu erkennen. Die meisten Jugendlichen konnten sofort sagen, wie viele „Freunde“ sie auf Facebook haben.
##YouTube wurde bevorzugt als Dienst zum Hören von Musik und zum Anschauen von Filmen und Videos genannt. Eine ganze Reihe von Jugendlichen (ca. dreiviertel der Befragten) teilten mit, dass sie sich bei YouTube bzw. der Muttergesellschaft Google ein Nutzerkonto angelegt haben, um Beiträge auf YouTube kommentieren zu können. Eine deutlich kleinere Gruppe lädt auf diese Plattform auch Videos hoch.
##Der Dienst Twitter war den meisten der befragten Personen bekannt, wurde aber von nur wenigen und auch von diesen nur selten benutzt.
##Die klassischen Anwendungen eines Smartphones war das Führen von Telefongesprächen und in einem zweiten Schritt die Nutzung von Short Message Services (SMS). Diese beiden Anwendungen treten bei der Mehrzahl der befragten Jugendlichen vollständig in den Hintergrund.
##Bei den drei meist genannten sozialen Diensten war den Befragten durchaus nicht im Detail bekannt, welche Einstellungen sich wählen lassen bzw. in welchem Maße sie auch die Nutzung ihrer persönlichen Daten durch den Anbieter des jeweiligen sozialen
Mediums einschränken können.
Übereinstimmend berichteten mehr als die Hälfte aller Befragten davon, dass ihnen in einem dieser sozialen Dienste schon unangemessene, beleidigende und teilweise auch sexuell diskriminierende Nachrichten gesendet worden sind. Die überwiegende Reaktion der Befragten auf solche Angriffe war entweder eine sehr deutliche und auch sprachlich direkt auf Replik ausgelegte Antwort, das Löschen des Kontaktes oder das Löschen des eigenen Accounts und die Wiederanmeldungen unter einem neuen Namen. Immer melden sich geblockte Personen unter einem anderen Namen im Netzwerk wieder an und fahren mit ihren unangemessenen Nachrichten fort. Die meisten der befragten Personen konnten keine adäquate Reaktion auf solche Übergriffe innerhalb der sozialen Plattformen benennen.

In allen mit den Jugendlichen durchgeführten Interviews wurde auf Nachfragen deutlich, dass es keine Kenntnisse über die Nutzungsbedingungen bzw. mit der Eröffnung eines Accounts eingegangenen vertraglichen Vereinbarungen zwischen dem/der Nutzer_ in und dem jeweiligen Betreiber gibt. Alle hatten ihren Account eröffnet und dabei die notwendige Bestätigung der Kenntnisnahme von Nutzungsbedingungen einfach nur angeklickt, jedoch nicht gelesen.

Genutzte Geräte
Die von den Jugendlichen genutzten Geräte, insbesondere die Smartphones sind in der Regel von relativ hoher Qualität, es haben sich praktisch alle übereinstimmend dahingehend geäußert, dass hochwertige Smartphones der Firma Samsung, Sony und insbesondere von Apple bei den anderen Jugendlichen erhöhte Wertschätzung bzw.
Anerkennung auslösen.

Diejenigen Jugendlichen, die ein weniger hochwertiges Smartphone benutzen, sprachen über ihr Gerät sogleich mit Worten wie „ich hab nur so kleines Handy“, „ein ganz einfaches, preiswertes Gerät“ oder führten aus, dass sie Ihr Gerät gebraucht erworben hätten.

Auffällig war, dass die sehr teuren aktuellen Geräte von Apple (iPhone 6 in allen Variationen), Samsung (Galaxy S6 in allen Variationen) sowie die hochwertigen Geräte von Sony und Huawei recht häufig vertreten waren. Auf die Frage, wer diese Geräte denn gekauft habe, wurde in der Reihenfolge – selber -, – durch Eltern – und – per Vertrag – geantwortet. Als weitere Wege zu einem aktuellen Smartphone zu kommen wurden benannt – durch den Freund -, – durch Geschwister – und – habe ich günstig in einem Shop bekommen – genannt.

Gut die Hälfte aller befragten Jugendlichen hatte auch Zugriff auf ein so genanntes Tablet, davon gab wiederum die Mehrzahl an, dieses Tablet als persönliches Eigentum zu besitzen. Damit vergleichbar war auch die Verfügbarkeit bzw. der Besitz von Spielkonsolen: Die Befragung zeigte, dass in jedem Haushalt eine Spielkonsole befindet. Die Mehrzahl dieser Spielkonsolen befindet sich im Besitz der Jugendlichen.

Online verbrachte Zeit
Die Jugendlichen geben an, werktags zwischen zwei bis zu zehn Stunden täglich online zu sein. An den Wochenenden war im Durchschnitt die Nutzungszeit und die Online verbrachte Zeit noch länger. Die Mehrzahl der befragten Jugendlichen äußerte sich dahingehend, dass sie durchaus 12,14,16 und mehr Stunden mit den sozialen Medien einschließlich des Spielens von Onlinespielen befasst seien. Praktisch alle Jugendlichen berichteten, dass sie bereits am Morgen beim Aufstehen das Handy bzw. das Smartphone als ständigen Begleiter nutzen, um sich über Nachrichten und andere Ereignisse auf ihren sozialen Kanälen zu informieren.

Teilhabe an Social Media = soziale Teilhabe?
Einerseits ist der Besitz eines Smartphones, die Präsenz auf ein oder mehreren Social Media Plattformen und die mehr oder minder aktive Beteiligung an den dort stattfindenden Austauschprozessen ein Kriterium für die Integration in die an den Jugendlichen orientierte (Sub-)Kultur und somit ein Ausweis der aktiven Teilhabe. Andererseits lässt sich aus den Interviews ablesen, dass sowohl die Inhalte (vermehrt auf einfache Textbeiträge, plakative Äußerungen, Verwendung von eher „robuster Sprache“, Übermittlung von Bildern, Fotos, Videoclips und dergleichen) als auch die Häufigkeit der Teilnahme an Austauschprozessen die Jugendlichen ebenso sehr fordert als auch zu einem nicht geringen Teil überfordert.

Ganz allgemein kann festgehalten werden, dass die Jugendlichen mit Beeinträchtigungen keinen wesentlich anderen Umgang mit Social Media und den dazugehörigen Geräten haben als er von anderen Jugendlichen bekannt ist bzw. in entsprechenden Studien berichtet wird. Gleichzeitig wurde aber erkennbar, dass die Jugendlichen, die interviewt wurden, sich der wirtschaftlichen, technischen und ihrer Person und Daten betreffenden Strukturen nur wenig bewusst sind.

Die Teilhabe an der technischen und inhaltlichen Welt der Social Media und der dazugehörigen Geräte ist bei den Jugendlichen ganz bestimmend ein Teil von Normalität und Zugehörigkeit: Das Mobiltelefon ist als Statussymbol auch in dieser Gruppe wirksam akzeptiert und die Nutzung bestimmter Dienste definitiv ein Zugehörigkeits- bzw. ein Ausschlusskriterium.

Herausforderungen an die Fachkräfte
Die Verantwortung und die Herausforderung bei der Begleitung von Generationen von Jugendlichen mit Beeinträchtigung (insbesondere der Zielgruppe der lernbehinderten und intellektuell geringer leistungsfähigen Jugendlichen) verlangt nach einer praxistauglichen Reaktion, wie sie etwa durch geeignete Internetangebote für Jugendliche mit Beeinträchtigungen und deren betreuende Fachkräfte umzusetzen ist. Geeignete sprachliche und von der Komplexität angepasste Erläuterungen, Verhaltensempfehlungen, Tipps und gegebenenfalls auch eine Onlineberatung für diese Zielgruppe wären adäquate Reaktionen. Für die Fachkräfte sollte es eine ebenfalls im Internet erreichbare Plattform geben, über die sie Erfahrungen austauschen, Unterrichtsmaterial und geeignete Unterrichtsmodelle für die Vermittlung zu einem selbstkompetenten Umgang mit Social Media erhalten, tauschen und gemeinsam weiterentwickeln können (Methodenkoffer).

Das Ziel einer verantwortlichen Begleitung dieser Jugendlichen kann also nur darin liegen, die Selbstkompetenz dieser Personen so weit zu unterstützen und zu entwickeln, dass sie sich auch in den sozialen Medien bewegen und angemessen beteiligen, ausdrücken und engagieren können ohne sie zum Opfer von Cybermobbing, oder bewusst übervorteilenden Geschäftsmodellen, einer nahezu grenzenlosen Datensammelwut, werden zu lassen.

Untersuchungsgruppe
In der Gruppe der Befragten überwogen die männlichen Jugendlichen mit 41 Personen gegenüber den weiblichen mit 34; dreiviertel der Befragten waren unter 18 Jahre alt, bei den anderen gingen die Altersstufen bis über 27 Jahre hoch. 6 von 10 Befragten besuchten die Berufsschule und waren damit zeitgleich in einer berufsorientierenden Maßnahme. Die Erhebung wurde anhand von Fragebögen und Interviews durchgeführt.“

Der endgülte Projektbericht wird Anfang September in den „Jugendsozialarbeit News“ vorgestellt.

Quelle: BAG KJS; IN VIA Akademie

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