Der aktuelle Bildungsbericht der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) belegt wieder, dass der Schulerfolg eines Kindes in Deutschland weiterhin stärker vom sozioökonomischen Hintergrund abhängt als in vielen anderen Ländern. Eng gekoppelt mit Forderungen nach mehr Bildungsgerechtigkeit ist auch die rechtlich verbriefte Entwicklung zu einem inklusiven Bildungssystem. Anlässlich eines von der BAG KJS organisierten Dialogtages „Nationaler Bildungsrat – Eine Chance für inklusive Bildung!?“ am 17.10.2018 in Berlin wurde deutlich, dass dringend eine gesellschaftspolitische Verständigung über die Rolle und die Ziele des Bildungssystems ermöglicht werden muss.

Segregierte Beschulung ist ein Problem

46 Prozent der ökonomisch und sozial benachteiligten Schüler/-innen besuchen laut OECD Schulen, die hauptsächlich Benachteiligte versammeln. Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit im schulischen Bildungssystem sind demzufolge noch lange nicht erreicht. Einer der Gründe ist die vor allem in Deutschland fest verankerte segregierte Beschulung junger Menschen, die eine Durchmischung der Schülerschaft und damit Leistungsverbesserungen erschweren. Wenn es überhaupt nötig sein müsste, wird bis auf weiteres zu früh aufgeteilt in die verschiedenen Schultypen, wie in Gymnasien an der Spitze und Förderschulen am Ende der Palette.

Inklusion nicht weit genug fortgeschritten

Laut Artikel 24 der UN- Behindertenrechtskonvention ist inklusive Bildung ein Recht aller Lernenden. Seit Inkrafttreten der Konvention vor fast zehn Jahren, sind auch hier bundesweit gesehen nur moderate, v. a. sehr heterogene Entwicklungen in den einzelnen Bundesländern zu verzeichnen. Statistisch wird dies meist an den groben Inklusions- und Exklusionsindikatoren festgemacht. 40 Prozent aller Schüler(innen) mit sonderpädagogischem Förderbedarf würden inzwischen eine allgemeinbildende Schule besuchen, heißt es im Nationalen Bildungsbericht 2018. Allerdings betreffe diese Angabe hauptsächlich Schüler/-innen in vier Bundesländern.

Dialogtag für mehr Bildungsgerechtigkeit

Bildungsgerechtigkeit und ein weit gefasstes Verständnis von Inklusion, das alle jungen Menschen mit ihren individuellen Voraussetzungen einbezieht, bedingen sich hierbei gegenseitig. Die am Dialogtag beteiligten Teilnehmer/-innen aus den Bereichen Bildungspolitik, Schule, Jugendhilfe und Wissenschaft sehen speziell die schulische Bildung, neben dem Erreichen beruflicher Qualifikationen, auch als einen Ort der Demokratiebildung. Ziel ist, dass alle jungen Menschen ihren Platz in der Gesellschaft finden und Teilhabe erfahren. Bildung ist dabei ganzheitlich zu verstehen und erfasst neben den formalen Angeboten, auch formale und non-formale Bildungsangebote. Diese werden v.a. von Kooperationspartner/-innen in- und außerhalb von Schulen ermöglicht.

Die Expert(inn)en erwarten, dass der von der Regierung geplante Nationale Bildungsrat ein unabhängiges Forum für diese Auseinandersetzung bietet. Gleichzeitig sollte er dafür genutzt werden, eine konkrete Strategie für die weitere Entwicklung eines multiprofessionell ausgelegten, inklusiven Bildungssystems zu erarbeiten. Es müssen ein Aktions- sowie Zeitplan und Zielvorgaben entwickelt werden, um in allen Bundesländern den Zugang zu qualitativ hochwertiger, inklusiver Bildung herzustellen. Ein kontinuierliches, innerstaatliches Monitoring der Zielerreichung ist zu etablieren.

Schüler/-innen, Lehrkräfte, Eltern und die Jugendhilfe, insbesondere die Schulsozialarbeit, Stiftungen, Gewerkschaften sowie Kirchen sollten mit ihrer Expertise an dem Rat beteiligt und bei seiner Besetzung einbezogen werden.

Diese während des Dialogtages gemeinsam erarbeiteten Forderungen möchten die Beteiligten in ihren jeweiligen Bezügen weitertragen. Sowohl über den direkten Austausch mit den für die Etablierung des Nationalen Bildungsrates Zuständigen soll dies realisiert werden, als auch in den jeweils eigenen verbandlichen Strukturen und Wirkungszusammenhängen. Unterstützung fand insbesondere die Idee eine Bundesschulkonferenz im Jahr 2020 umzusetzen. Sie sollte auf Basis einer breiten gesellschaftlichen und verbindlichen politischen Beteiligung wegweisend für die weiteren Entwicklungen im Bildungssystem sein.

Für die kontinuierliche Verständigung und Begleitung des Prozesses ist ein erneutes Zusammentreffen von Expert(inn)en aus den Bereichen Bildungspolitik, Schule, Jugendhilfe und Wissenschaft für 2019 geplant.

Quelle: Julia Schad-Heim, Fachreferentin im Themenfeld “Bildung durch Jugendsozialarbeit vielfältig und chancengerecht gestalten” der BAG KJS