Die Jugendmigrationsdienste begleiten Jugendliche und junge Erwachsene in einer Lebensphase, die von Übergängen und neuen Herausforderungen geprägt ist. Zugleich verändern sich die äußeren Rahmenbedingungen, unter denen diese Begleitung stattfindet. Migration bleibt eine Realität, während gesellschaftliche Polarisierungen und wirtschaftliche Unsicherheiten zunehmen.
Auch die Lebenswelten junger Menschen wandeln sich. Digitale Entwicklungen und veränderte Kommunikations- und Zugangswege stellen neue fachliche Anforderungen. Hinzu kommen finanzielle Unsicherheiten, die vielerorts bewährte Unterstützungsangebote infrage stellen.
Gerade in diesen Zeiten vielfältiger Herausforderungen zeigt sich, was die Jugendmigrationsdienste besonders auszeichnet. Die JMD sind weit mehr als Beratungsstellen. Seit mehr als 20 Jahren bieten sie jungen Menschen Orientierung, schaffen Zugänge zu Bildung und fördern gesellschaftliche Teilhabe. Damit stehen sie für etwas, das angesichts zunehmender Unsicherheiten an Bedeutung gewinnt: Verlässlichkeit.
Verlässlichkeit schafft Perspektive
Angesichts globaler Krisen und Kriege, des Klimawandels sowie wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen wird Migration auch künftig mit vielen Unsicherheiten verbunden sein. Für junge Menschen mit Migrationsgeschichte entstehen dadurch zunehmend komplexe und sich verändernde individuelle Lebenslagen, die mit ungewissen Bleibeperspektiven, persönlichen Belastungen sowie herausfordernden Bildungs- und Übergangsprozessen in Ausbildung und Beruf verbunden sein können.
Zentral ist dabei eine Anlaufstelle, die nicht bei einzelnen Problemlagen ansetzt, sondern junge Menschen ganzheitlich begleitet. Genau hier liegt eine besondere Stärke der Jugendmigrationsdienste. Sie verbinden individuelle Beratung mit langfristiger Begleitung und unterstützen auf diese Weise die Ratsuchenden verlässlich und über verschiedene Lebensphasen hinweg.
Eine junge Frau aus Afghanistan lernt beispielsweise den Jugendmigrationsdienst kennen, als dieser sich in dem von ihr besuchten Integrationskurs vorstellt. Einige Monate später benötigt sie Unterstützung beim Nachholen ihres Schulabschlusses. Später geht es um den Übergang in Ausbildung und schließlich um Fragen der Wohnungssuche und des eigenständigen Lebens. Die Herausforderungen verändern sich, die Ansprechperson im Jugendmigrationsdienst bleibt dieselbe.
Gerade in einer zunehmend komplexen und unsicheren gesellschaftlichen Situation schafft diese Kontinuität Vertrauen, Orientierung und eröffnet die Voraussetzungen für selbstbestimmte Lebensperspektiven. Dabei geht es nicht darum, jungen Menschen Entscheidungen abzunehmen. Im Gegenteil: Das Ziel ist es, sie darin zu stärken, eigene Entscheidungen zu treffen und ihr Leben selbst zu gestalten.
Demokratie beginnt im Alltag
Die individuelle Begleitung hat dabei zugleich eine demokratische Dimension. Wer erlebt, dass die eigene Stimme gehört wird und die eigenen Fähigkeiten zählen, entwickelt Vertrauen in die persönliche Handlungsfähigkeit und damit auch in die Möglichkeit das eigene Umfeld aktiv mitzugestalten. Vor diesem Hintergrund gewinnt eine Aufgabe der Jugendmigrationsdienste weiter an Bedeutung, die schon heute ihr Selbstverständnis prägt: die gesellschaftliche und demokratische Teilhabe junger Menschen zu stärken.
Polarisierung, rechtsextreme Tendenzen und rassistische Diskurse prägen zunehmend das öffentliche Klima. Junge Menschen mit Migrationsgeschichte erleben diese Entwicklungen unmittelbar, sei es durch eigene Diskriminierungserfahrungen oder durch Zweifel an ihren gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten.
Dem etwas entgegenzusetzen, beginnt nicht erst mit einem politischen Bildungsangebot, sondern im Alltag. Indem die JMD dabei unterstützen, eigene Rechte wahrzunehmen, Bildungs- und Berufsperspektiven zu entwickeln und Selbstwirksamkeit zu erfahren, schaffen sie wichtige Voraussetzungen für gesellschaftliche Teilhabe.
Gruppenangebote, Begegnungsformate und Beteiligungsmöglichkeiten fördern ergänzend den Dialog, stärken gegenseitigen Respekt und ermöglichen jungen Menschen, unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen und Konflikte konstruktiv auszutragen.
Demokratie wird damit nicht als abstraktes Konzept vermittelt, sondern als konkrete Alltagserfahrung. Gerade deshalb ist die Arbeit der JMD auch gesellschaftspolitisch relevant. Sie leisten ihren Beitrag dazu, dass junge Menschen ihren Platz in der Gesellschaft finden und diesen Platz nicht nur als Zugehörige, sondern als aktive Mitgestalter einnehmen können.
Zukunft aktiv gestalten
Verlässlich begleiten bedeutet auch, die eigene Arbeit kontinuierlich weiterzuentwickeln. Die Jugendmigrationsdienste stehen vor der Aufgabe, ihre Angebote an veränderte Lebenswelten und gesellschaftliche Entwicklungen anzupassen und für junge Menschen erreichbar zu bleiben, auch wenn sich ihre Wege, Bedürfnisse und Kommunikationsformen verändern.
Digitale Beratungsformate oder KI-gestützte Übersetzungshilfen können den Zugang zu Unterstützung erleichtern und Beratungsprozesse sinnvoll ergänzen. So entstehen neue Möglichkeiten, Ratsuchende niedrigschwellig und bedarfsgerecht zu erreichen und zugleich die persönliche Begleitung als wichtige Grundlage der Beratung zu erhalten.
Zur Zukunftsfähigkeit der JMD gehört jedoch mehr als die Digitalisierung von Angeboten. Es geht auch um die Frage, welche Strukturen junge Menschen zukünftig brauchen, wie Kooperation weiterentwickelt werden können und wie die JMD Jugendliche und junge Erwachsene auch dort erreichen, wo klassische Beratungszugänge nicht ausreichen.
Damit die JMD auch in Zukunft verlässlich begleiten und Perspektiven eröffnen können, brauchen sie selbst verlässliche Rahmenbedingungen.
Verlässliche Begleitung setzt verlässliche Strukturen voraus. Wenn Angebote nicht langfristig finanziert und personelle Ressourcen unsicher sind, wird genau das erschwert, was die Arbeit der JMD ausmacht: Kontinuität, Beziehungsarbeit und langfristige Perspektivplanung.
Gerade in bewegten Zeiten brauchen junge Menschen Orte, die ihnen Sicherheit und Orientierung geben, Vertrauen schaffen und Perspektiven eröffnen. Die Jugendmigrationsdienste leisten genau das. Sie begleiten junge Menschen verlässlich, stärken ihre Teilhabe und unterstützen sie dabei, ihre Zukunft selbstbestimmt zu gestalten.
Text: Franziska Baumgarten, Mitglied im JMD Kompetenzteam



