Mentale Gesundheit in der Ausbildung stärken – Ansprechpersonen machen den Unterschied

Der Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf ist für junge Menschen eine wichtige Entwicklungsphase. Neue Anforderungen, mehr Eigenverantwortung und die Frage nach der beruflichen Zukunft treffen dabei auf sehr unterschiedliche persönliche und soziale Lebenslagen. Aktuelle Studien zeigen, dass diese Phase für viele junge Menschen mit erheblichen psychischen Belastungen verbunden ist.

Der DGB-Ausbildungsreport 2026 weist aus, dass sich 50,6 Prozent der Auszubildenden psychisch belastet fühlen. Zu den häufigsten Belastungen im Ausbildungsalltag zählen Leistungs- und Zeitdruck (20,9 Prozent), Personalmangel (19,6 Prozent) und Verantwortungsdruck (19,2 Prozent). Gleichzeitig wirken Belastungen aus dem privaten Umfeld hinein: 49,9 Prozent nennen ihre finanzielle Situation und 35 Prozent ihre Wohnsituation als belastend.

Die Studie der Bertelsmann Stiftung und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) verdeutlicht, welche Bedeutung mentale Gesundheit für den Ausbildungserfolg hat. Rund jede fünfte Auszubildende fühlt sich durch die Ausbildung häufig oder fast immer emotional belastet. Bei etwa 15 Prozent ist das allgemeine Wohlbefinden so stark eingeschränkt, dass die Studie von einem besorgniserregend niedrigen Wohlbefinden spricht. Für diese Gruppe steigt auch das Risiko eines Ausbildungsabbruchs deutlich. 74 Prozent denken ernsthaft darüber nach, ihre Ausbildung abzubrechen. Bei Auszubildenden mit stabilem Wohlbefinden sind es lediglich 12 Prozent.

Ausbildungsqualität kann Belastungen reduzieren

Psychische Belastungen sind dabei nicht allein eine Frage individueller Bewältigung. Auch die Bedingungen, unter denen Ausbildung stattfindet, machen einen Unterschied. Der DGB-Ausbildungsreport zeigt dies besonders deutlich bei der Erreichbarkeit von Ausbilder*innen: Sind diese immer verfügbar, fühlen sich 8,5 Prozent der Auszubildenden hoch belastet. Sind sie selten oder nie erreichbar, steigt der Anteil auf 36 Prozent.

Gute fachliche Anleitung, planbare Arbeitszeiten, ausreichend Zeit für Erholung und Aufgaben, die dem Ausbildungsziel entsprechen, sind deshalb zugleich Faktoren für eine gute Ausbildungsqualität und für den Schutz mentaler Gesundheit.

Doch gerade bei psychischen Belastungen fehlt es häufig an verlässlichen Ansprechpersonen. 41,7 Prozent der psychisch belasteten Auszubildenden geben an, niemanden zu haben, mit dem sie über ihre Belastungen sprechen können. Die Bertelsmann-IW-Studie zeigt zudem, dass 35 Prozent psychische Belastungen nicht ansprechen, weil sie negative Konsequenzen befürchten. Unterstützungsangebote müssen deshalb nicht nur vorhanden, sondern bekannt, niedrigschwellig und vertrauenswürdig sein.

Prävention muss dort ansetzen, wo junge Menschen sind

Die Unternehmen selbst sehen einen wichtigen Ansatzpunkt dort, wo junge Menschen einen großen Teil ihrer Zeit verbringen: in Schule und Berufsschule. „Der größte Wunsch der Unternehmen zur Stärkung der psychischen Gesundheit ist eine bessere Prävention in der Schule und der Berufsschule“, sagt Dirk Werner, vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Prävention soll junge Menschen frühzeitig erreichen, den Einstieg in Ausbildung unterstützen und dazu beitragen, dass Ausbildung auch unter schwierigen Bedingungen gelingt.

Dass niedrigschwellige Angebote einen solchen Zugang schaffen können, zeigen auch die Erfahrungen aus dem Präventionsprogramm JMD Mental Health Coaches. Über zweieinhalb Jahre wurden an Schulen junge Menschen mit Angeboten zur mentalen Gesundheit erreicht – darunter auch an Berufsschulen. Aus der Praxis wurde dabei deutlich: Viele Jugendliche nehmen Unterstützungsangebote an, wenn diese unkompliziert zugänglich sind, im vertrauten Umfeld stattfinden und nicht erst eine diagnostizierte psychische Belastung voraussetzen.

Gerade an Berufsschulen zeigte sich, wie sinnvoll solche präventiven Zugänge sind. Themen wie Stress, Leistungsdruck, Selbstfürsorge, Umgang mit Krisen oder der Aufbau von Bewältigungsstrategien konnten aufgegriffen werden, bevor sich Belastungen verfestigten. Die Angebote wurden von den jungen Menschen sehr gut angenommen. Entscheidend war dabei nicht nur das jeweilige Thema, sondern auch die Möglichkeit, mit einer vertrauten Ansprechperson ins Gespräch zu kommen und bei Bedarf weitere Unterstützung vermittelt zu bekommen.

Die Erfahrungen der Mental Health Coaches verdeutlichen damit einen zentralen Punkt: Prävention erreicht junge Menschen dann besonders gut, wenn sie dort ansetzt, wo ihr Alltag stattfindet – und wenn sie niedrigschwellig, freiwillig und ohne Stigmatisierung zugänglich ist. Schule und Berufsschule können dafür wichtige Orte sein. Sie allein können diese Aufgabe jedoch nicht tragen. Es braucht Fachkräfte und Kooperationspartner*innen, die Zeit für Beziehung und Prävention mitbringen und bei weitergehendem Unterstützungsbedarf in geeignete Hilfen vermitteln können.

Die Abschlussbroschüre des Programms bündelt die Erfahrungen aus der Praxis und formuliert Empfehlungen für eine nachhaltige Stärkung der mentalen Gesundheit junger Menschen. Sie macht deutlich: Prävention ist besonders wirksam, wenn sie früh ansetzt, die Lebenswelt junger Menschen berücksichtigt und verschiedene Akteur*innen miteinander verbindet.

Jugendsozialarbeit stärkt Übergänge

Für die Jugendsozialarbeit ist das eine zentrale fachliche Aufgabe. Junge Menschen starten nicht mit den gleichen Voraussetzungen in Ausbildung. Bildungsbiografien, finanzielle und familiäre Belastungen, Wohnsituation oder bereits bestehende Sorgen können den Übergang zusätzlich erschweren.

Jugendsozialarbeit kann hier eine wichtige Brückenfunktion übernehmen: zwischen den jungen Menschen, (Berufs)Schulen, Ausbildungsbetrieben, Jugendberufsagenturen, Beratungsstellen und weiteren Unterstützungssystemen. Sie kann frühzeitig Belastungen erkennen, Orientierung geben, Beziehungen aufbauen und bei Bedarf weitere Hilfen vermitteln. Ein erprobter Ansatz der Jugendsozialarbeit ist die Assistierte Ausbildung, die im SGB III verankert ist. Sie unterstützt junge Menschen und Ausbildungsbetriebe individuell und bedarfsgerecht. Gerade an den Übergängen kann sie dazu beitragen Ausbildungsabbrüche zu vermeiden und jungen Menschen eine stabile berufliche Perspektive zu eröffnen.

Mentale Gesundheit sollte deshalb nicht als zusätzliches Thema neben beruflicher Integration verstanden werden. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass junge Menschen Übergänge erfolgreich bewältigen und Ausbildung abschließen können. Prävention darf dabei nicht erst einsetzen, wenn ein Abbruch droht.

Die Erfahrungen der Mental Health Coaches zeigen, dass niedrigschwellige Angebote angenommen werden und junge Menschen erreichen. Diese Erfahrungen sollten über einzelne Programme hinaus genutzt werden. Es braucht dauerhaft verlässliche Strukturen, qualifizierte Ansprechpersonen und eine enge Zusammenarbeit von Schule, Berufsschule, Betrieb und Jugendsozialarbeit.

Denn junge Menschen brauchen im Übergang von Schule in Ausbildung nicht nur einen Ausbildungsplatz. Sie brauchen auch jemanden, der erreichbar ist, wenn es schwierig wird. Genau darin liegt ein entscheidender Beitrag zur Stärkung mentaler Gesundheit und zum Gelingen von Ausbildung.

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