DJI – Studie: ‘Azubis unterschiedlicher Herkunftskultur: wie kommen sie im betrieblichen Alltag miteinander aus?’ – Erste Ergebnisse einer mündlichen und schriftlichen Befragung von Auszubildenden aus vier Großbetrieben Auszüge aus dem Bericht der Untersuchung, der von Iris Bednarz-Braun und Ursula Bischoff verfasst wurde: ‘…In den vergangenen Jahrzehnten hat sich Deutschland zu einer multikulturellen Gesellschaft entwickelt. Mittlerweile lebt in Deutschland eine große Zahl Zugewanderter, von denen ein Teil inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit erworben hat. Auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird es zu wirtschaftlich oder politisch begründeten Zuwanderungen kommen. In der öffentlichen Diskussion werden in diesem Zusammenhang Fremdenfeindlichkeit einerseits und Integrationsdefizite andererseits thematisiert. Im Vordergrund steht dabei vor allem die Gruppe der Jugendlichen. Vorliegende Studien belegen, dass die kulturelle Distanz gegenüber Menschen anderer Herkunftskultur unter Auszubildenden aus den industriellen Kern-sektoren weiter verbreitet ist als unter GymnasiastInnen oder Studierenden. Während Probleme und Konflikte zwischen Jugendlichen unterschiedlicher Herkunftskultur im Vordergrund der öffentlichen Debatte stehen, wird die Frage nach harmonischen und gut funktionierenden Beziehungen unter ihnen kaum gestellt. Vor diesem Hintergrund hat sich das Deutsche Jugendinstitut in Kooperation mit der IG-Metall das Ziel gesetzt, in vier industriellen Großbetrieben zu untersuchen, wie weibliche und männliche Auszubildende (i. W. auch Azubi) mit und ohne Migrationshintergrund im betrieblichen Alltag miteinander umgehen. Uns interessierten vor allem die eigenen authentischen Erfahrungen und Einschätzungen der jungen Frauen und Männer. Inwiefern spielt aus ihrer Sicht die kulturelle Herkunft im alltäglichen Umgang miteinander überhaupt (noch) eine Rolle? Nimmt die junge Generation der Auszubildenden kulturelle Verschiedenheit als etwas Trennendes wahr oder aber ist die kulturelle Herkunft inzwischen so nebensächlich geworden, dass sie für die Beziehungen untereinander eine untergeordnete Bedeutung besitzt? … Geschlecht und Alter: zu große Altersunterschiede stellen besondere Herausforderungen für die Auszubildenden dar Unter den Azubis aus interkulturell zusammengesetzten Gruppen befinden sich zu 89% Jungen und zu 11% Mädchen. Die große Diskrepanz in der Geschlechterverteilung resultiert vor allem daraus, dass die Metallbranche zu denjenigen industriellen Kernsektoren gehört, in denen traditionell Männer in den technisch-gewerblichen (Ausbildungs-) Berufen dominieren. Aus einer geschlechterbezogenen Perspektive lässt sich hier besonders gut zeigen, wie der Integrationsprozess junger Frauen in eine überwiegend männlich geprägte Ausbildungs- und Arbeitswelt verläuft. Die vier untersuchten Betriebe unterscheiden sich in ihrem geschlechterbezogenen Rekrutierungsverhalten und ihrer diesbezüglichen Unternehmensphilosophie deutlich voneinander. Nur in einem Unternehmen werden gezielte Maßnahmen ergriffen, um den Anteil an Mädchen im technisch-gewerblichen Ausbildungsbereich zu erhöhen. Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es dort einen Arbeitsstab, der sich aus mehreren Personen zusammensetzt. Dessen Aufgabe ist es, in Kontakt mit Schulen vor Ort zu treten und die Schülerinnen über die Ausbildungsinhalte und Berufsanforderungen der vom Betrieb angebotenen technisch-gewerblichen Ausbildungsberufe zu informieren. Dazu gehört auch, Schulklassen zu Betriebsbesichtigungen einzuladen und den Mädchen die Gelegenheit des individuellen Gespräches mit weiblichen Auszubildenden des Betriebes zu eröffnen. Weiterhin werden die Schülerinnen motiviert, an einem Betriebspraktikum teilzunehmen. Diese betrieblichen Maßnahmen zur Erhöhung des Mädchenanteils im technisch-gewerblichen Bereich wirken sich im Vergleich zu den anderen in die Un-tersuchung einbezogenen Betrieben günstig aus, denn 11% der Befragten aus den technisch-gewerblichen Berufen sind hier Mädchen. Demgegenüber werden in zwei Betrieben gar keine der befragten Mädchen aus interkultu-rell zusammengesetzten Arbeitsgruppen in diesen Berufen ausgebildet und in einem Betrieb beträgt ihr Anteil lediglich vier Prozent. Von den befragten 15- bis 26-jährigen Auszubildenden überwiegen mit 62% diejenigen, die 19 Jahre und älter sind, während nur 38% von ihnen jünger als 19 Jahre sind. Der Altersdurchschnitt liegt bei 19,4 Jahren. Auffallend ist der Altersunterschied zwischen deutschen Jugendlichen und Migrantenjugendlichen. So sind 70% der Auszubildenden mit Migrationshintergrund bereits 19 Jahre und älter, während dies bei den deutschen Auszubildenden nur zu 55% der Fall ist. Migrantenjugendliche beginnen ihre berufliche Ausbildung also deutlich später als deutsche Jugendliche. Dies trifft insbesondere auf Mädchen mit Migrationshintergrund zu, denn 82% von ihnen sind 19 Jahre und älter. Anzumerken ist, dass die Mädchen insgesamt im Durchschnitt älter sind als die Jungen. Nach den Ergebnissen der mündlichen Befragung kann eine zu breite Altersspanne zwischen den Geschlechtern zu Problemen im Umgang miteinander führen. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn innerhalb einer Azubi-Gruppe der größte Teil der männlichen Auszubildenden noch sehr jung und das oftmals einzige Mädchen in der Gruppe deutlich älter ist. Sowohl von den älteren Mädchen als auch von den älteren Jungen wurde angemerkt, dass jüngere männliche Azubis noch zu „unreif“ seien und zu sexistischen Äußerungen gegenüber Mädchen neigen. Dabei knüpfen sie an Geschlechterstereotype an und schreiben den Mädchen u.a. generalisierend Unfähigkeit bzw. Ungeeignetheit zu, einen technisch-gewerblichen „Männerberuf“ zu erlernen. Dies bedeutet für die Mädchen, dass sie vor allem zu Beginn ihrer Ausbildung besondere Anstrengungen unternehmen müssen, um ihre fachliche Kompetenz und körperliche Geeignetheit gegenüber den Jungen zu beweisen. Dieses gelingt ihnen in der Regel auch, so dass sie sich in ihrer eigenen Azubi-Gruppe meist wohlfühlen. Es kommt jedoch auch vor, dass ein älterer Junge in der Gruppe von den jüngeren Mit-Azubis als Außenseiter oder Einzelkämpfer angesehen wird. Dies führt dann zu Konflikten innerhalb der Gruppe, wenn der ältere Junge eine dominante Stellung für sich beansprucht. 2.3 Schulbildung und Ausbildungsberufe: HauptschülerInnen sind in der Minderheit und Mädchen am höchsten vorqualifiziert HauptschülerInnen bilden mit 17% die kleinste Gruppe unter den befragten Azubis aus interkulturell zusammengesetzten Arbeitsgruppen. Alle anderen haben einen weiterführenden Schulabschluss. Die Hälfte verfügt über einen Realschulabschluss und ein Drittel hat das (Fach-)Abitur gemacht. Bezogen auf den höchsten Schulabschluss zeigen sich große Unterschiede zwischen den Betrieben: Während in zwei Betrieben mindestens jeder zweite Azubi das (Fach-)Abitur erlangt hat, sind (Fach-)AbiturientInnen unter den Azubis in den beiden anderen Betrieben mit lediglich zwei bis drei Prozent deutlich seltener vertreten. Bei einem Vergleich der Schulbildung zwischen deutschen Jugendlichen und Migrantenjugendlichen in den Betrieben zeigen sich keine nennenswerten Unterschiede. Auffallend ist, dass in beiden Gruppen der Anteil derjenigen mit einer weiterführenden Schulbildung wie (Fach-)Abitur und Realschulabschluss deutlich überwiegt (deutsche Azubis 86%, Migranten-Azubis 79%). Bezogen auf die mitgebrachte Schulbildung sind die Mädchen am höchs-ten vorqualifiziert, da sie insgesamt höhere Schulabschlüsse erreicht haben. 59% von ihnen sind (Fach-)Abiturientinnen (Jungen: 29%). Weitere 36% haben den Realschulabschluss (Jungen: 52%) und 6% der Mädchen begin-nen die Ausbildung mit einem Hauptschulabschluss (Jungen: 18%). Die untersuchten Betriebe weisen deutliche Unterschiede in den Ausbildungsberufen der von uns Befragten auf: In einem Betrieb werden 44% der befragten Azubis in kaufmännischen Berufen ausgebildet. Dagegen lernen die befragten Azubis der anderen Betriebe (fast) alle einen technisch-gewerblichen Ausbildungsberuf. Über die Hälfte der Befragten wird in drei Berufen bzw. Berufsgruppen ausgebildet, nämlich als IndustriemechanikerInnen, MechatronikerInnen und ElektronikerInnen. Für diese Berufe wählen die Betriebe vor allem AbsolventInnen mit weiterführenden Schulabschlüssen aus. Eine Analyse der  Daten zeigt, dass an deutsche und Migrantenjugendliche die gleichen Anforderungen in Bezug auf die schulischen Eingangsqualifikationen gestellt werden. D.h., dass bei diesen Berufen im Rahmen der Gewinnung und Einstellung von Be-werberInnen keine Unterschiede nach kultureller Herkunft gemacht werden. In anderen Ausbildungsberufen ist dieses Verhältnis weniger ausgewogen, denn z.T. beginnen BewerberInnen mit Migrationshintergrund die Ausbildung mit höheren schulischen Abschlüssen, z .T. aber auch die deutschen BewerberInnen.   …   Erfahrungen und Einschätzungen der Auszubildenden aus interkulturell zusammengesetzten Azubi-Gruppen 3.1 Gegenseitiges Verständnis und Akzeptanz: gute Beziehungen unter den Auszubildenden in interkulturell zusammengesetzten In der eigenen Azubi-Gruppe verstehen sich 85% der Befragten (sehr) gut mit ihren Mit-Azubis anderer Herkunftskultur. Nur 2% verstehen sich nicht gut. Dieses Ergebnis der schriftlichen Befragung wird durch die persönlichen Interviews bestätigt, wonach sich die gemeinsame und enge Ausbildung in der eigenen Gruppe, das alltägliche Zusammensein und Zusammenarbeiten neben anderen Faktoren positiv auf das gute Verständnis unter-einander auswirken. Demgegenüber zeigt sich, dass sich die Bewertung des interkulturellen Verständnisses verändert, wenn es um die Beziehungen zu Auszubildenden aus anderen Ausbildungsgruppen im Betrieb geht, d.h. zu Azubis, mit denen man nicht tagtäglich und eng zusammen arbeitet. Hier gibt zwar ebenfalls die Mehrheit der Befragten an, dass sie sich gut miteinander verstehen. Aber im Vergleich zur eigenen Gruppe ist die Mehrheit von 85% auf 67% zurückgegangen. Ein weiteres Viertel (28%) zeigt sich unentschieden und mit 5% hat sich zugleich der Anteil derjenigen, die sich nicht miteinander verstehen, verdoppelt. Aus diesen Befunden lässt sich folgende Schlussfolgerung ziehen: Je größer die alltägliche Nähe und je regelmäßiger der betriebliche Umgang miteinander sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Auszubildenden unterschiedlicher kultureller Herkunft untereinander gut verstehen. Anders formuliert: Je selbstverständlicher das gemeinsame Lernen und Arbeiten wird, umso vertrauter gehen die Auszubildenden unterschiedlicher Herkunftskultur miteinander um und umso besser entwickeln sich ihre interkulturellen Beziehungen. Dies entspricht den Ergebnissen der von uns im Vorfeld der Hauptbefragung durchgeführten persönlichen Interviews mit einzelnen Azubis, die vielfach darauf hinwiesen, dass die kulturelle Herkunft ihrer Mit-Azubis für die Beziehungen untereinander keine Rolle spielt und/oder keine Probleme bereitet. Von daher überrascht es nicht, dass die überwiegende Mehrheit der  Befragten (90%) die jeweilige kulturelle Herkunft ihrer Mit-Azubis akzeptiert. Fragt man nach den Unterschieden zwischen deutschen Jugendlichen und Migrantenjugendlichen, dann zeigt sich, dass sich Letztere mit 90% noch stärker als deutsche Jugendliche (81%) gut mit Azubis anderer Herkunftskultur verstehen. Eine weitere Frage bezieht sich auf das Verhältnis von westdeutschen, ostdeutschen und Migranten-Azubis zueinander. Auszubildende mit Migrationshintergrund verstehen sich mit ihren westdeutschen Mit-Azubis etwas besser als mit ihren ostdeutschen Azubis. Hier bestätigt sich ein Ergebnis aus der mündlichen Befragung: Anders als ostdeutsche Jugendliche haben Migrantenjugendliche und westdeutsche Jugendliche oftmals gemeinsam den Kindergarten und die Schule besucht. Sie können dementsprechend auf gemeinsame Erfahrungen zurückgreifen, pflegen z. T. noch enge interkulturelle Freundschaften aus der Schulzeit und sind deshalb offensichtlich auch im betrieblichen Umgang aufgrund ihrer bereits vorbetrieblich erworbenen interkulturellen Kompetenzen besser miteinander vertraut. Die große Mehrheit der ostdeutschen Azubis kommt sowohl mit ihren ost- wie auch westdeutschen Azubis in gleicher Weise gut aus. Daraus lässt sich schließen, dass es für die ostdeutschen Jugendlichen keinen Unterschied macht, ob ihre Mit-Azubis aus den neuen oder den alten Bundesländern kommen, denn sie verstehen sich mit beiden gleich gut. Westdeutsche Jugendliche verstehen sich zu 94% am besten mit ihren westdeutschen Mit-Azubis. Im Vergleich dazu kann mit 78% eine gewisse Distanz zu ostdeutschen Azubis festgestellt werden. Dies ist bei den ost-deutschen Jugendlichen in ihren Beziehungen zu den westdeutschen Azubis nicht der Fall. D.h., der Integrationsprozess der in Westdeutschland ausge-bildeten ostdeutschen Jugendlichen in das wiedervereinigte Deutschland scheint weiter fortgeschritten zu sein als unter den westdeutschen Azubis. Im Hinblick auf das Geschlecht zeigt sich folgendes Bild: Mit 97% verstehen sich fast alle Mädchen, die einen Migrationshintergrund haben, gut mit ihren Mit-Azubis anderer Herkunftskultur (Jungen mit Migrationshintergrund: 90%). Auch unter den deutschen Azubis sind es mit 87% vor allem die Mädchen, die sich gut mit Mit-Azubis anderer Herkunftskultur ver-stehen (deutsche Jungen: 80%). So gesehen sind es vor allem die Mädchen, die aufgrund ihrer sozialen Kompetenz einen wesentlichen Einfluss auf die Stabilisierung guter interkultureller Beziehungen unter den Auszubildenden ausüben. Nach unseren Ergebnissen resultiert aus einem höheren Schulabschluss nicht zwangsläufig ein besseres interkulturelles Verständnis: Die HauptschülerInnen verstehen sich nämlich am besten mit den Mit-Azubis anderer Herkunftskultur (91%), gefolgt von den (Fach-)AbiturientInnen mit 86% und den RealschülerInnen mit 83%. Im Vergleich zu Forschungsergebnissen aus anderen Untersuchungen, die festgestellt haben, dass sich bei Jugendlichen mit niedrigerem Schulbildungsniveau eine höhere interkulturelle Distanz zeigt, ist dies in unserer Untersuchung nicht der Fall. Dies trifft auch dann zu, wenn man den Migrationsstatus der HauptschülerInnen berücksichtigt: 90% der deutschen HauptschulabsolventInnen und 93% der Migrantenjugendlichen mit Hauptschulabschluss verstehen sich gut mit ihren Mit-Azubis einer anderen Herkunftskultur.  3.2 Bevorzugung einer Ausbildung in interkulturell zusammengesetzten Gruppen Die große Mehrheit der von uns befragten Azubis möchte in interkulturell zusammengesetzten Gruppen ausgebildet werden (83%) und ist zudem der Meinung, dass die Ausbildung interessanter und vielfältiger ist, wenn Jugendliche aus verschiedenen Herkunftskulturen miteinander ausgebildet werden. Nur weniger als ein Fünftel wünscht sich eine Zusammensetzung der eigenen Azubi-Gruppe ausschließlich mit Jugendlichen der gleichen Herkunftskultur. Bei diesen Fragen zeigen sich dennoch Unterschiede zwischen den deutschen Azubis – unabhängig davon, ob es west- oder ostdeutsche Jugendliche sind – und denjenigen mit Migrationshintergrund. Zum einen stehen die Migrantenjugendlichen (90%) einer multikulturellen Ausbildung deutlich offener gegenüber als die deutschen Azubis, die dies zwar mehrheitlich auch, aber dennoch nur zu 77% wünschen. Im Vergleich zu deutschen Azubis findet es zudem ein größerer Teil der Migrantenjugendlichen interessanter, wenn Jugendliche aus unterschiedlichen Herkunftskulturen miteinander ausgebildet werden. Die größte Zustimmung zu einer interkulturell zusammengesetzten Azubi-Gruppe äußern mit 96% die Mädchen (Jungen 81%). Bei den deutschen Jungen zeigen sich Unterschiede vor allem nach der regionalen Herkunft. Während fast drei Viertel der ostdeutschen Jungen eine interkulturelle Ausbildung interessanter finden als eine Ausbildung in homogenen, d.h. eigenkulturellen Gruppen, ist dies bei westdeutschen Jungen nur zu zwei Dritteln der Fall. Die erreichte Schulbildung spielt demgegenüber bei dem geäußerten Wunsch, multikulturell ausgebildet zu werden, keine Rolle, denn hier verhalten sich die HauptschülerInnen, RealschülerInnen und (Fach-) AbiturientInnen in gleicher Weise, nämlich überwiegend zustimmend. 3.3 Der ganz normale Ausbildungsalltag: Interkulturalität ist selbstverständlich, aber private Angelegenheiten werden eher eigenkulturell besprochen Wir fragten die Azubis danach, was sie gemeinsam im Ausbildungsalltag miteinander unternehmen und wie häufig sie dies zum einen mit Azubis der eigenen und zum anderen mit Azubis anderer Herkunftskultur tun. Die im Fragebogen vorgegebenen Statements waren so formuliert, dass sie sich an ganz normalen Verhaltensweisen orientierten. Zu den Antwortvorgaben ge-gehörten dementsprechend Aktivitäten wie z.B. „über alles Mögliche mitein-ander reden“, „sich untereinander helfen“ und „sich beim Lernen gegenseitig unterstützen“, „die Pausen gemeinsam verbringen“ oder „zusammen essen“. Fast alle Azubis  unternehmen solche Aktivitäten im betrieblichen Alltag sowohl mit Azubis der gleichen als auch einer anderen Herkunftskultur. Diese Befunde untermauern die obige Aussage, dass sich die interkulturellen Beziehungen unter den Jugendlichen, die im betrieblichen Ausbildungsalltag eng miteinander in ihrer Gruppe arbeiten, weitgehend harmonisch entwickeln und als selbstverständlich wahrgenommen werden. Dabei gibt es weder unter geschlechterspezifischen Gesichtspunkten noch nach der Schulbildung oder dem Migrationsstatus der Befragten nennenswerte Unterschiede. Obwohl alle vorgegebenen Alltagsaktivitäten von der großen Mehrheit der Befragten eigenkulturell und/oder interkulturell praktiziert werden, zeigen sich dennoch graduelle Unterschiede im Detail. Dazu gehört, dass zwar das Besprechen persönlicher Angelegenheiten von mehr als drei Viertel der Befragten auch interkulturell erfolgt, aber dennoch in deutlich geringerem Umfang als unter Auszubildenden der gleichen Herkunft. Auch das gemeinsame Essen und die gegenseitige Unterstützung beim Lernen werden zwar in hohem Maße interkulturell zusammengesetzt durchgeführt, aber dennoch in geringerem Umfang als mit Azubis der eigenen Herkunft. … 91% von ihnen ziehen es vor, persönliche Angelegenheiten mit Jugendlichen der gleichen Herkunft zu besprechen, aber „nur“ drei Viertel wenden sich auch an Azubis anderer Herkunftskultur. Im Vergleich dazu besprechen Migrantenjugendliche persönliche Angelegenheiten deutlich häufiger auch mit Mit-Azubis anderer Herkunftskultur. Bei der Frage, welche Auszubildenden das höchste Vertrauen bzw. die geringste Scheu haben, persönliche Angelegenheiten auch mit Auszubildenden einer anderen Herkunftskultur zu besprechen, gelangt man zu einem unerwarteten Ergebnis: Es sind mit 85% die männlichen Migrantenjugendlichen, die das höchste Vertrauen haben, persönliche Angelegenheiten auch mit Mit-Azubis anderer Herkunftskultur zu besprechen. Mit 82% folgen die deutschen Mädchen und mit 79% die Mädchen mit Migrationshintergrund. Im Vergleich dazu haben die deutschen Jungen mit 70% zwar ebenfalls ein hohes Vertrauen, aber auf deutlich niedrigerem Niveau. Auffallend ist in diesem Zusammenhang vor allem der Vertrauensunterschied zwischen den männlichen Migrantenjugendlichen und den deutschen Jungen. Betrachtet man, wie intensiv die gemeinsamen Aktivitäten im Ausbildungsalltag sind, dann zeigt sich, dass Azubis gleicher Herkunft sehr viel regelmäßiger Beziehungen untereinander pflegen als zu Azubis einer anderen Herkunft. Die Distanz zu Azubis anderer Herkunftskulturen wird dann größer, wenn es sich um eher private und persönliche Beziehungen handelt, zum Beispiel „die Pausen miteinander verbringen“. Die geringsten Abweichungen im Verhalten zu Azubis der eigenen und anderer Herkunftskultur liegen dann vor, wenn fachliche Angelegenheiten im Vordergrund stehen und es z. B. darum geht, auf die Ausbildung bezogene Informationen untereinander weiter zu geben. Diese Tätigkeiten werden mit allen Azubis gleichermaßen häufig durchgeführt.   ….     Zusammenfassung und Ausblick … Gleichwohl können aufgrund der bisherigen Analysen folgende erste Resultate unserer empirischen Befragungen zur interkulturellen Zusammenarbeit von Auszubildenden ausgewählter Industriebetriebe zusammengefasst werden: Bei unserer Untersuchung handelt es sich um eine Generation von deutschen Jugendlichen und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, von denen die meisten bereits seit ihrer Kindheit interkulturell aufgewachsen sind. Sie können auf gemeinsame Erfahrungen im Kindergarten und der Schule zurückgreifen und z .T. bestehen aus dieser Zeit noch enge Freundschaften bis heute fort. Diese jungen Nachwuchskräfte bringen interkulturelle Vorerfahrungen und damit zentrale soziale Kompetenzen mit, die vorberuflich erworbene Schlüsselqualifikationen für ein gemeinsames Lernen und Arbeiten im Betrieb darstellen. Dies dürfte mit dazu beitragen, dass sich die große Mehrheit der Azubis unterschiedlicher kultureller Herkunft im Rahmen ihrer beruflichen Ausbildung gut miteinander versteht. Die befragten Jugendlichen nehmen die interkulturelle Zusammensetzung und die Zusammenarbeit als angenehm und positiv wahr. Dementsprechend möchte der überwiegende Teil von ihnen sehr viel lieber in interkultureller Gruppenzusammensetzung ausgebildet werden. Eine ausschließlich eigenkulturelle Auszubildendengruppe wird nur von wenigen begrüßt. Die Ergebnisse der Befragung zeigen: Je größer die alltägliche Nähe und je regelmäßiger der betriebliche Umgang miteinan-der sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Azubis unterschiedlicher kultureller Herkunft gut verstehen. Das alltägliche Zusammensein und die gemeinsame Bewältigung von Lernstoff und Arbeitsaufträgen stellen – neben anderen Faktoren – betrieblichen Rahmenbedingungen dar, die ein (weiteres) Zusammenwachsen von Auszubildenden unterschiedlicher Herkunftskultur fördern. Ihr gleichgerichtetes Interesse und Ziel ist es, die Ausbildung möglichst erfolgreich zu durchlaufen und mit gutem Resultat abzuschließen. Das gute und harmonische Zusammenleben im (betrieblichen) Alltag ist allerdings nur eine Seite der Medaille. Wie im sonstigen Leben auch, kommt es ebenfalls während der Ausbildung zu Reibereien, Streitigkeiten, Unstimmigkeiten und Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Personen. Dies ist die andere Seite der Medaille. Sie kennzeichnet sich dadurch, dass sich viele Azubis durch die Undiszipliniertheit anderer Mit-Azubis gestört fühlen. Auch der Gebrauch der eigenen Herkunftssprache wird vielfach von denjenigen, die diese Sprache nicht verstehen, als ausgrenzend und damit als unangenehm empfunden. Es ist unübersehbar, dass hier ein betrieblicher Handlungsbedarf besteht. Diese kritischen Punkte im alltäglichen Umgang beeinträchtigen nicht nur das persönliche Wohlbefinden Einzelner, sondern wirken sich auch ungünstig auf das Betriebsklima aus. Darüber hinaus zeigt sich, dass sowohl Azubis deutscher Herkunftskultur als auch Azubis anderer Herkunftskultur einen in interkultureller Hinsicht nicht zu unterschätzenden Nachholbedarf anmelden: Beide Gruppen meinen kritisch sich selbst und ihren Mit-Azubis gegenüber, dass beide Seiten besser über die jeweils anderen Herkunftskulturen ihrer Mit-Azubis informiert sein sollten. Dieser von den Auszubildenden selbstdefinierte Informations- und Wissensbedarf sollte gerade mit Blick auf die Stabilisierung und Sicherung der vorhandenen guten interkulturellen Beziehungen ernst genommen werden. Hier wird letztlich ein Auftrag an Bildungsträger – allgemeinbildende Schulen, berufsbegleitender Unterricht etc. – formuliert, der zur Kenntnis genommen und aufgegriffen werden sollte…..” – 224_XenosAzubi.pdf

http://cgi.dji.de/bibs/224_XenosAzubi.pdf

Quelle: http://www.migration-online.de/beitrag.html?id=2893 aktiv+gleichberechtigt Mai 2005 dji

Dokumente: 224_XenosAzubi.pdf