Deutschland steht vor einem sozialen Notstand im Wohnungsbereich. Anfang Januar 2026 wurde in Berlin der „Soziale Wohn‑Monitor“ vorgestellt, der vor einer wachsenden Kluft zwischen Wohnraumbedarf und verfügbarem, bezahlbaren Wohnraum warnt. Besonders junge Erwachsene, aber auch ältere Menschen sind davon betroffen. Daraus ergeben sich tiefgreifende Herausforderungen, weil ohne gesicherten Wohnraum Lebens‑, Bildungs‑ und Berufschancen junger Menschen massiv gefährdet sind. Der Staat hat nun reagiert — etwa durch den Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit (NAP).
Soziale Sprengkraft: Die Lage am Wohnungsmarkt
Laut dem „Sozialen Wohn‑Monitor 2026“ fehlen in Deutschland rund 1,4 Millionen Wohnungen – vor allem bezahlbare Miet‑ und Sozialwohnungen. Die steigende Nachfrage trifft auf ein unzureichendes Angebot; die Zahl neu gebauter Wohnungen ist deutlich unter dem Niveau, das nötig wäre, um den Bedarf zu decken. Die Folge: Mietpreise steigen und Menschen mit geringem Einkommen geraten immer stärker unter Druck. Besonders junge Menschen müssen oft mehr als die Hälfte ihres Einkommens für Miete aufwenden. Das wiederum kann zu Ausbildungsabbrüchen, psychischen Belastungen und sozialer Isolation führen.
Die besondere Situation junger Menschen
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) macht im „Monitor Jugendarmut in Deutschland 2024/2025“ deutlich, dass Armut für junge Menschen ein strukturelles Problem und nicht nur ein individuelles Schicksal ist. So war im Jahr 2023 etwa jede*r vierte junge Erwachsene (18–24 Jahre) in Deutschland von Armut bedroht. Auch bei den Unter-18‑Jährigen ist die Armutsgefährdungsquote hoch. Bezahlbarer Wohnraum zählt dabei für junge Menschen zu den größten Herausforderungen. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen sorgt sich wegen der hohen Wohnkosten und der schwierigen Wohnungssuche. Viele junge Menschen erleben Wohnungsnot als „mit einem Bein auf der Straße stehen“, weil eine Wohnung zu finden oder zu halten oft mit Einschnitten bei Nahrung, Bildung und sozialen Aktivitäten verbunden ist.
Ein Grund für die angespannte Lage ist der dramatische Rückgang von Sozialwohnungen. Seit 2006 hat sich deren Bestand von über zwei Millionen auf knapp über eine Million reduziert, weil laufend Wohnungen aus der Sozialbindung fallen.
Für junge Menschen haben diese Entwicklungen weitreichende Folgen:
- Ausbildung und Studium werden durch hohe Wohnkosten erheblich erschwert.
- Junge Erwachsene ohne familiären Rückhalt sind stärker von Wohnungslosigkeit bedroht.
- Ohne Wohnsicherheit wird gesellschaftliche Teilhabe – etwa Zugang zu Bildung und Arbeit – massiv eingeschränkt.
Reaktion der Politik: Nationaler Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit (NAP)
Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hat die Bundesregierung im April 2024 den Nationalen Aktionsplan „Gemeinsam für ein Zuhause“ beschlossen. Er verfolgt das ambitionierte Ziel, Wohnungslosigkeit bis 2030 zu überwinden. Grundlage des Plans sind 33 Maßnahmen in sechs Handlungsfeldern, darunter Prävention von Wohnungsverlust, menschenwürdige Unterbringung, Zugang zu dauerhaftem Wohnraum und gezielte Unterstützung besonders vulnerabler Gruppen.
Ein zentraler Fokus des NAP ist die Verbesserung der Unterbringungsbedingungen in Notunterkünften sowie die Förderung von dauerhaften und stabilen Mietverhältnissen statt kurzfristiger Notlösungen. Kürzlich wurde vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) ein Leitfaden für die Unterbringung wohnungsloser Menschen veröffentlicht. Durch Instrumente wie dem Kauf von Belegrechten durch Kommunen oder die Verbilligungsrichtlinie des Bundes sollen dazu beigetragen werden, Wohnraum für Menschen in Not dauerhaft zu sichern.
Die Verbilligungsrichtlinie ist ein wohnungspolitisches Instrument des Bundes. Diese ermöglicht, Bundesimmobilien – also Grundstücke oder Gebäude im Eigentum des Bundes – unter Marktwert an Städte, Gemeinden oder soziale Träger zu verkaufen, wenn diese für soziale oder gemeinnützige Zwecke genutzt werden sollen. Diese Regelung aus dem Bundeshaushaltsrecht soll die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum gezielt unterstützen. Im Rahmen des Nationalen Aktionsplans gegen Wohnungslosigkeit (NAP) wurde die Verbilligungsrichtlinie verlängert. Bis mindestens 2029 können Kommunen weiterhin auf dieses Instrument zugreifen.
Ein Belegrecht ist das vertraglich gesicherte Recht einer Kommune, über die Belegung einer privaten Mietwohnung zu entscheiden – ohne selbst Eigentümer*in zu sein. Die Stadt zahlt dem Vermieter oder der Vermieterin eine einmalige Pauschale und erhält dafür das Recht, die Wohnung über einen bestimmten Zeitraum (z. B. 10 bis 15 Jahre) an Menschen mit besonderem Wohnbedarf zu vergeben.
Der Plan sieht zudem eine stärkere Koordination zwischen Bund, Ländern und Kommunen vor, um Maßnahmen effizienter umzusetzen. Dass bereits zahlreiche Maßnahmen in Umsetzung sind, unterstreicht den politischen Willen, die Lage zu verbessern – doch Kritiker*innen betonen, dass noch mehr Tempo und Verbindlichkeit nötig sind.
Jugendsozialarbeit im Spannungsfeld von Wohnungsnot
Für die Jugendsozialarbeit ist klar: Wohnungsnot ist keine isolierte Herausforderung, sondern ein Querschnittsthema mit direkten Folgen für Teilhabe, Gesundheit, Bildung und gesellschaftliche Integration junger Menschen. Zwar bietet der NAP wichtige Ansatzpunkte, doch es braucht weitere Maßnahmen, die alle im Jugendarmutsmonitor als notwendig benannt werden:
- Präventionsprogramme gegen Wohnungsverlust bei jungen Menschen
- Jugendspezifische Mindeststandards für Notunterkünfte
- Förderung von betreuten und jugendgerechten Wohnformen
- Beteiligung junger Menschen an Planung und Umsetzung wohnungspolitischer Maßnahmen
Zudem fordern Fachverbände, das Recht auf Wohnen ins Grundgesetz aufzunehmen, um Wohnraum als elementares Grundrecht zu verankern.
Soziale Wohnpolitik darf kein Lippenbekenntnis bleiben
Die Wohnungsfrage bleibt eine der wichtigen sozialen Frage unserer Zeit. Junge Menschen sind von steigenden Mietpreisen, Wohnungsknappheit und Armutsgefährdung in besonderem Maße betroffen. Der Nationale Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit ist ein wichtiger Schritt, um diese Herausforderungen anzugehen. Doch er muss durch gezielte jugendsozialpolitische Maßnahmen ergänzt und konsequent umgesetzt werden, damit Wohnraum nicht nur ein Dach über dem Kopf ist, sondern auch eine solide Grundlage für eine selbstbestimmte Zukunft junger Menschen.
Autorin: Silke Starke-Uekermann



