WARUM DEMOKRATIEBILDUNG IM JUGENDALTER UNVERZICHTBAR IST …aus der Sicht von Theresa Schmidt

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Das zentrale Thema des 16. Kinder- und Jugendberichts ist „Demokratische Bildung im Kindes- und Jugendalter“. Deutlich wird, dass Demokratische Bildung in sozialen Räumen etwa in Familien, Kitas und in den Schulen stattfindet. Auch die Jugendsozialarbeit ist als sozialer Raum im Blick. Die “Jugendsozialarbeit News” richten in einer Beitrags-Reihe ihr Augenmerk auf die Rolle, Beiträge und Handlungserfordernisse der Jugendsozialarbeit in Bezug auf demokratische Bildung. Wir fragen Expert*innen und Praktiker*innen “WARUM DEMOKRATIEBILDUNG IM JUGENDALTER UNVERZICHTBAR IST…” und bringen damit Standpunkte und Perspektiven der Jugendsozialarbeit in die Fachdebatte ein.

Heute beantwortet Theresa Schmidt unsere Fragen. Sie ist Leiterin des Projekts „Demokratie einfach machen!“ (DEIM) bei IN VIA Deutschland. Die Aktion Mensch fördert das Vorhaben.

Frau Schmidt, Sie leiten bei IN VIA Deutschland das Projekt „Demokratie einfach machen!“ (DEIM). Was war der Anlass für das Projekt?

Theresa Schmidt: Seit einiger Zeit kommen Sorgen über den Zustand unserer Demokratie auf. Gründe dafür sind z.B. zunehmend hasserfüllte Diskussionen in Online-Foren, die Verbreitung von Verschwörungstheorien, aber auch die rechtsextremen Gewalttaten, die wir in letzter Zeit erleben mussten. Unsere Gesellschaft ist vielfältiger geworden. Das bereichert uns, bringt aber natürlich auch Herausforderungen mit sich. Damit wir diese meistern können, brauchen wir Menschen, die die demokratischen Werte mit Leben erfüllen. Schon in jungem Alter erlernen wir wichtige Kompetenzen und entwickeln uns im besten Fall zu Persönlichkeiten, die für Rechte eintreten und Konflikte konstruktiv lösen.

In der Jugendsozialarbeit sprechen wir besonders junge Menschen an, die unter schwierigen sozialen Bedingungen aufwachsen bzw. individuelle Beeinträchtigungen haben. Sie haben wenig Zugänge zu politischen Bildungsangeboten und sind kaum an demokratischen Entscheidungsprozessen beteiligt. Das fehlende Erleben von Selbstwirksamkeit führt häufig zu Politikmüdigkeit und zum Rückzug ins Private. Gerade diese jungen Menschen wollen wir mit dem Projekt erreichen.

Welche Ziele verfolgt das Projekt DEIM und wer soll davon profitieren?

Theresa Schmidt: DEIM möchte Fachkräfte in der Jugendsozialarbeit dabei unterstützen, demokratiebildende Elemente in ihrer täglichen Arbeit mit den Jugendlichen einzubinden. Hierzu wird eine Handreichung mit Methoden und Grundlagenwissen zu zentralen Themen der Demokratiebildung erstellt. Ziel ist es, dass die Jugendlichen Kompetenzen für das Leben in einer vielfältigen Gesellschaft erlernen und erleben, dass sie mitgestalten können – dass ihre Meinung zählt! Sie lernen etwas über Menschenrechte, Teilhabe, Inklusion, Empowerment und Antidiskriminierung und was das mit ihrer Lebenssituation zu tun hat. Außerdem werden sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gestärkt.

Gibt es nicht schon genug methodisches Wissen? Was ist der Mehrwert der geplanten Handreichung?

Theresa Schmidt: Mit der Handreichung stellen wir in einem kompakten Format einen Werkzeugkasten mit niedrigschwelligen Methoden bereit, die mit einfachen Materialien funktionieren. Dazu gehören zum Beispiel auch Handouts in Leichter Sprache. So können die Bausteine von den Fachkräften mit relativ geringem Aufwand in bestehenden Angeboten umgesetzt werden. Denn man muss auch sagen, dass die Kapazitäten für Demokratiebildung in den Regelangeboten der Jugendsozialarbeit begrenzt sind.

Uns war auch von Anfang an wichtig, dass wir Fachkräfte und Jugendliche in die Entwicklung der Handreichung einbeziehen, um sicherzustellen, dass die Methoden praxistauglich sind und junge Menschen etwas damit anfangen können.

Wie beziehen Sie die Fachkräfte und Jugendlichen aus der Praxis ein? Was halten Sie von den ersten Modulen?

Theresa Schmidt: Wir arbeiten eng mit einer Kollegin von IN VIA Köln zusammen. Als erfahrene Fachkraft in der Jugendsozialarbeit weiß sie, was mit den Jugendlichen funktioniert und was Sinn macht.

Außerdem haben wir zu Beginn des Projektes verschiedene Fachkräfte online dazu befragt, welche Themen für die Jugendlichen ihrer Ansicht nach besonders wichtig sind. In einem Online-Workshop haben wir dann das erste Modul vorgestellt. Die Rückmeldungen waren positiv und wir haben in den Diskussionsrunden noch viele Anregungen erhalten. Nach Möglichkeit probieren die Fachkräfte einige der Module mit Jugendlichen aus und geben uns nochmals Feedback. Leider ist das gerade gar nicht so leicht, da viele Angebote pandemiebedingt nur sehr eingeschränkt stattfinden können. Wir arbeiten aber an Lösungen.

Der 16. Kinder- und Jugendbericht erkennt an, dass für die Jugendsozialarbeit die Beteiligung von jungen Menschen ein fachlicher Grundsatz ist. Kritisiert wird allerdings, dass nicht deutlich wird, warum es sich hierbei um demokratische Bildungsprozesse handelt. Können Sie das nachvollziehen?

Theresa Schmidt: Echte Beteiligung ist gelebte Demokratie, auch wenn sie erst einmal in einem kleinen Rahmen stattfindet. Ich denke, dass die Jugendlichen dadurch schon wichtige Erfahrungen mitnehmen. Aber natürlich kommt es bei der Beteiligung auch auf das Wie an. Sind alle in gleichem Maße beteiligt? Wie kommt man zu gemeinsamen Entscheidungen? Wer setzt sich am Ende durch und warum? Ich glaube, dass ein großer Mehrwert entsteht, wenn man Beteiligung nicht nur umsetzt, sondern auch reflektiert, wie diese Prozesse ablaufen, und wie man dabei z.B. mit unterschiedlichen Meinungen konstruktiv umgeht. Dabei sollten die jungen Menschen am konkreten Beispiel bewusst erleben, wie Demokratie funktioniert und warum demokratische Prinzipien in unserer Gesellschaft wichtig sind. Von daher verstehe ich, was die Autor*innen meinen, wenn sie fordern, dass man noch stärker reflektiert, welche Lernmöglichkeiten in diesen Partizipationsprozessen liegen.

Demokratiebildung im Jugendalter ist unverzichtbar. Was sollten die Fachkräfte beachten?

Theresa Schmidt: Wichtig ist zu verstehen, dass es bei demokratischer Bildung nicht nur um das Aneignen von Wissen zu Institutionen und Rechten geht, sondern vor allem um das konkrete (Er)Leben im eigenen Alltag und Lebensumfeld. Wenn man mit Bildungsprozessen an die Interessen und Anliegen der jungen Menschen anknüpft, dann wird schnell klar, dass Demokratie nichts Abstraktes oder Akademisches ist. Es geht auch darum, für die Jugendlichen Räume zu schaffen, in denen sie Selbstwirksamkeit erleben können. Die Haltung der Fachkräfte ist hierbei sehr wichtig. Wenn sie echte Partizipation ermöglichen wollen, müssen sie jungen Menschen mit ihren Ideen und Beiträgen Raum geben und so ggf. auch auf einen Teil ihrer Macht verzichten können. Nicht zuletzt ist es sinnvoll, dass wir systematisch mit Akteuren der politischen Bildung und der Jugendarbeit zusammenarbeiten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Quelle: IN VIA Deutschland im Netzwerk der BAG KJS – Das Interview führte Elise Bohlen von IN VIA Deutschland.

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