Siebtes Interview der Reihe „Schulabsentismus begegnen – aber wie?!“

Wenn junge Menschen über längere Zeit der Schule fernbleiben, stecken dahinter meist vielfältige Ursachen. Für eine erfolgreiche Rückkehr in schulische oder alternative Bildungsangebote braucht es passgenaue, beziehungsorientierte Unterstützung. In unserer Interviewreihe „Schulabsentismus begegnen – aber wie?!“ stellen wir daher monatlich ein ausgewähltes Praxisbeispiel aus der Jugendsozialarbeit vor. Fachkräfte der einzelnen Angebote geben Einblick in ihre Arbeit und zeigen Herausforderungen sowie die aus ihrer Sicht maßgeblichen Gelingensbedingungen auf. Die Gesprächspartner*innen sind Teilnehmende des Projektes „Schule – ohne mich!? Neue Entwicklungen und Handlungsanforderungen bei Schulabsentismus“ von IN VIA Deutschland im Netzwerk der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit.

Für diese Ausgabe der Interviewreihe sprach Lydia Liebig, Leiterin der landesweiten Koordinierungsstelle (KOST) des ESF+-Programms „Schulerfolg sichern“, mit den Jugendsozialarbeit News.

Wie zeigt sich das Phänomen Schulabsentismus in Ihrer Region?

Lydia Liebig: Die Ursachen für Schulabsentismus sind vielfältig. Sie reichen von angstbedingtem Meidungsverhalten über aversionsbedingtes Schulschwänzen bis hin zum elternbedingten Zurückhalten. Diese Formen treten bei Kindern und Jugendlichen aller Schulformen auf. Was unter Schulabsentismus zu verstehen ist und wie diesem wirksam begegnet werden kann, wurde innerhalb von „Schulerfolg sichern“ in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Heinrich Ricking in zwei Publikationen für Fachkräfte aus Schule und Jugendhilfe aufbereitet. Zusätzlich wurden Ursachen und Hintergründe von schulabsenten Verhalten in einer Comic-Reihe als pädagogisches Arbeitsmaterial veranschaulicht. Was im Umgang mit Schulabsentismus aber immer wieder deutlich wird: Frühzeitiges, konsequentes, untereinander abgestimmtes und ganzheitliches Handeln sowie passende Unterstützungsangebote tragen entscheidend zum Erfolg bei.

Wo setzt Ihr Projekt bzw. Ihr Angebot an?

Lydia Liebig: Das Programm „Schulerfolg sichern“ setzt auf Schulsozialarbeit und unterstützende Netzwerkstrukturen – auch im Kontext von Schulabsentismus. Schulsozialarbeit kann Hintergründe klären, Beteiligte zusammenbringen und geeignete Unterstützungsangebote für Kinder und Jugendliche vermitteln – vor allem auch präventiv, um Schulabsentismus gar nicht erst entstehen zu lassen. Die unterstützenden Netzwerkstrukturen – bestehend aus vierzehn regionalen Netzwerkstellen und einer landesweiten Koordinierungsstelle – unterstützen beim Thema Schulabsentismus schulische Akteur*innen unter anderem durch gezielte Beratung, Begleitung und Qualifizierung. Ziel ist es, Fachkräfte in und um Schule für das Thema zu sensibilisieren sowie präventive und intervenierende Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Was gelingt aus Ihrer Sicht besonders gut?

Lydia Liebig: Das Programm „Schulerfolg sichern“ wirkt, denn die Schulsozialarbeit als etablierte Profession in allen Schulformen und Landkreisen bzw. kreisfreien Städten schafft es, Kinder und Jugendliche in den Blick zu nehmen, die der Schule teilweise oder vollständig fernbleiben. Sie fragt gezielt nach, sorgt für Austausch – insbesondere mit Lehrkräften und Sorgeberechtigten – und wirkt bei der Suche nach individuellen Lösungen mit. Dabei übernimmt die Schulsozialarbeit auch eine Scharnier- bzw. Brückenbauerfunktion, beispielsweise zum Allgemeinen Sozialen Dienst der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe oder zu Beratungsstellen. Neben der Schulsozialarbeit wirkt das Programm auch auf regionaler Ebene über die vierzehn Netzwerkstellen. Sie beraten und begleiten Schulsozialarbeitende, Lehrkräfte und Schulleitungen bei unterschiedlichen Herausforderungen und ermöglichen einen professionsbezogenen sowie -übergreifenden Austausch zwischen Akteur*innen aus Schule, Jugendhilfe und Kommune. Zudem sind sie in Gremien und Arbeitskreisen aktiv, um ihre vielfältige Expertise und Praxisnähe z.B. bei der Entwicklung regionalspezifischer Strategien, Konzepte und Maßnahmen einzubringen.

Welche Herausforderungen zeigen sich?

Lydia Liebig: Eine zentrale Herausforderung besteht darin, Schulabsentismus als komplexes Phänomen zu verstehen, für das es weder eine einzelne noch einfache Erklärung gibt. Wenn man für Schulabsentismus sensibilisieren und diesem konsequent – sowohl präventiv als auch intervenierend – begegnen will, muss klar sein, dass dieser selten isoliert auftritt. Vielmehr ist Schulabsentismus häufig Ausdruck mehrerer miteinander verknüpfter Problemlagen. Daher darf das Thema nicht allein in die Verantwortung der Schulsozialarbeit gegeben werden. Es muss vielmehr als gemeinsamer Auftrag aller pädagogischen Fachkräfte in und um Schule verstanden werden. Sich dessen bewusst zu werden, Vertrauen aufzubauen und einen ganzheitlichen Unterstützungsprozess zu gestalten, ist ein kontinuierlicher Auftrag – für alle.

Kurzinformationen zum Programm: Im Programm „Schulerfolg sichern“, vorrangig finanziert aus Mitteln des Landes und Mitteln des Europäischen Sozialfonds, setzen sich in Sachsen-Anhalt seit 2008 Akteur*innen aus Schule, Jugendhilfe und Kommune gemeinsam dafür ein, dass alle Kinder und Jugendlichen gleichen Zugang zu hochwertiger Grund- und Sekundarbildung erhalten. Ziel ist es, alle Schüler*innen in ihrer individuellen Entwicklung zu unterstützen und besonders diejenigen professionell aufzufangen, denen der Schulabbruch droht.

 

 

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