Sechstes Interview der Reihe „Schulabsentismus begegnen – aber wie?!“

Wenn junge Menschen über längere Zeit der Schule fernbleiben, stecken dahinter meist vielfältige Ursachen. Für eine erfolgreiche Rückkehr in schulische oder alternative Bildungsangebote braucht es passgenaue, beziehungsorientierte Unterstützung. In unserer Interviewreihe „Schulabsentismus begegnen – aber wie?!“ stellen wir daher monatlich ein ausgewähltes Praxisbeispiel aus der Jugendsozialarbeit vor. Fachkräfte der einzelnen Angebote geben Einblick in ihre Arbeit und zeigen Herausforderungen sowie die aus ihrer Sicht maßgeblichen Gelingensbedingungen auf. Die Gesprächspartner*innen sind Teilnehmende des Projektes „Schule – ohne mich!? Neue Entwicklungen und Handlungsanforderungen bei Schulabsentismus“ von IN VIA Deutschland im Netzwerk der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit.

Für diese Ausgabe der Interviewreihe sprach Annette Burgmair, Projektleitung „Schulverweigerung – die 2. Chance“ (Euro-Trainings-Centre, gGmbH München), mit den Jugendsozialarbeit News.

Wie zeigt sich das Phänomen Schulabsentismus in Ihrer Region?

Annette Burgmair: Wir sind im Stadtgebiet München tätig und kooperieren mit ca. 30 Mittelschulen, einigen Real- und Förderschulen. Aktuell haben wir 50 Plätze. Eine Statistik über die Erfassung von Fehlzeiten gibt es nicht. Laut Münchener Bildungsbericht 2022 lag der Anteil im Jahr 2020 von Abgänger*innen ohne Abschluss an Mittelschulen bei 11 Prozent.

Im Schuljahr 2024/25 haben wir 65 Jugendliche betreut. Davon haben 88 Prozent eine Mittelschule besucht. Die stärkste Altersgruppe waren dabei die 15-Jährigen. Der Mädchenanteil lag bei 54 Prozent und der Einwanderungshintergrund betrug insgesamt ca. 70 Prozent. 16 Jugendliche zeigten eine Unterrichtsverweigerung, 16 waren Schulschwänzer*innen, 25 zeigten eine angstbedingte Schulvermeidung, 8 waren Mischformen.

Wo setzt Ihr Angebot an?

Annette Burgmair: Wir vom Projekt „Schulverweigerung – die 2. Chance“ können Schüler*innen von Mittelschulen, vereinzelt auch von Förder- oder Realschulen ab der 5. Klasse aus dem Stadtgebiet München aufnehmen, die durch aktive und/oder passive Verweigerungshaltung auffällig werden. Unser Angebot umfasst individuelle Begleitung, um die Jugendlichen schulisch und persönlich zu stabilisieren. Wir suchen mit allen Beteiligten nach geeigneten Unterstützungsmaßnahmen und sind mit lokalen Hilfsangeboten vernetzt. In der Fallarbeit besteht eine enge Zusammenarbeit mit Schule, Schulsozialarbeit, Bezirkssozialarbeit und den Eltern/Erziehungsberechtigten. Wir begleiten zu Abklärungsterminen, den Übergang in Jugendhilfemaßnahmen und den Schulwechseln. Es stehen jeweils zwei pädagogische Mitarbeiterinnen für den Münchner Norden, Münchner Westen/Süden und Münchner Osten bereit. Unser Angebot ist freiwillig, niedrigschwellig und die Beziehungsarbeit steht im Vordergrund.

Was gelingt aus Ihrer Sicht besonders gut?

Annette Burgmair: Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht die Beziehungsgestaltung. Unser Vorgehen gestalten wir individuell, flexibel, partizipativ und transparent. Die Beziehungsarbeit ist ein wichtiger Faktor, um die Motivation der Jugendlichen zu fördern. In der Regel finden wöchentliche Treffen mit den Jugendlichen statt, nach Möglichkeit an der Schule. Durch Zuhören, Ernstnehmen und viel Wertschätzung kombiniert mit außerschulischen Aktivitäten können wir ein gutes Vertrauensverhältnis aufbauen. Unsere Expertise über Schulabsentismus wird regelmäßig von Fachkräften und Eltern nachgefragt. In den Ferien bieten wir Lern- und Förderkurse für die Abschlussprüfungen an. 70 Prozent unserer Teilnehmer*innen können über die Begleitung der 2. Chance erfolgreich an einer Schule wiedereingegliedert werden und beenden die Schule mit einem Schulabschluss.

Welche Herausforderungen zeigen sich?

Annette Burgmair: Die individuelle Betreuung ist aufwendig, braucht Zeit und Ressourcen. Die Anbindung an Unterstützungsmaßnahmen ist schwierig. Bei Fällen, die länger als ein Jahr die Schule nicht mehr besucht haben, kann eine ambulante Maßnahme meistens wenig bewirken. Bei vielen liegen Teilleistungsstörungen wie eine Lese-Rechtschreibstörung (LRS) oder ADHS vor. Die schulischen Misserfolge führen zur Resignation. Einige leiden unter psychischen Beeinträchtigungen, wie z. B. Depression oder Ängsten, die einen regelmäßigen Schulbesuch unmöglich machen. Der Erfolg ist von einer guten Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe abhängig. Viele wachsen in sozial benachteiligten Familien auf. Einige Eltern können ihre Kinder schulisch nicht unterstützen. Oft fehlt die Kontrolle beim Medienkonsum. Einige Jugendliche haben ihr Handy ständig zur Verfügung. Dadurch schlafen sie nachts zu wenig und stehen in der Früh nicht auf.

 

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