Auch wenn die Situation auf dem Ausbildungsstellenmarkt sich entspannt hat, werden die Anforderungen an die Mobilität von Auzubildenden künftig nicht abnehmen. Nicht für jeden Jugendlichen wird eine passende Ausbildungsstelle oder der Wunschberuf am Heimatort verfügbar sein. Insbesondere individuell beeinträchtigten und sozial benachteiligten Jugendlichen wird der Zugang zu Ausbildungsstellen weiterhin erschwert bleiben. Um einen Zugang zu beruflicher Ausbildung und anschließender Erwerbstätigkeit zu finden, müssen diese Jugendlichen früh von zu Haus ausziehen. In einer Studie hat das Don Bosco Jugendwerk Nürnberg die Auswirkungen beruflicher Mobilität auf die Lebenssituation der jungen Menschen näher untersucht.

Die Aufrechterhaltung eines möglichst intensiven Bezugs zur Heimat ist für die Jugendlichen von großer Bedeutung. Auch wenn der Versuch einer Vermittlung zwischen dem alltäglichen Leben in der neuen Region und der Sehnsucht nach Heimat meist gut gelingt, stellt die Bewältigung der Lebenssituation mobile Jugendliche vor besondere Herausforderungen.

Auszüge aus einem Aufsatz “Wer bin ich wo? – Regionale Identität und ausbildungsbedingte Mobilität von Jugendlichen” von Dr. Michael Batz zu den Ergebnissen des Praxisforschungsprojekts des Don Bosco Jugendwerks Nürnberg:

“(…) Regionale Identität

Angesichts der postmodernen Pluralisierung individueller Lebensstile und Lebensformen, dem Bedeutungsverlust traditioneller Identifikationsmuster sowie den Phänomenen einer fortschreitenden Globalisierung und den damit verbundenen Anforderungen an Mobilität und Flexibilität, hat die Frage nach der Bedeutung „regionaler Identität“ als eine Form raumbezogener Identität in der sozialwissenschaftlichen Forschung wieder zunehmend Beachtung gefunden. (…)

Der ausbildungsbedingte Umzug in eine andere Stadt führt fast zwangsläufig dazu, dass sich junge Menschen bereits in einer frühen Entwicklungsphase mit ihrer eigenen regionalen Identität auseinandersetzen müssen. Die sich daraus ergebenden Herausforderungen für die Identitätsentwicklung der Jugendlichen lassen sich plausibel anhand des Modells raumbezogener Identität nach P. Weichhart (1990) beschreiben. (…)

  • „Identification of“ als Prozess des aktiven Identifizierens der sozialen Umwelt (ich identifiziere etwas oder jemanden),
  • „Being identified’ als Prozess der Erkenntnis, selbst klassifiziert zu werden und damit Objekt der Zuschreibung von bestimmten Merkmalen und Eigenschaften zu sein (ich werde als jemand oder mit etwas identifiziert),
  • „Identifying with one’s environment“ als Bezugnahme des Individuums zu seiner sozialen und physischen Umwelt im Prozess der Ausgestaltung der eigenen Persönlichkeit (ich identifiziere mich mit jemandem oder etwas).

Diese von Weichhart als „modes of identification“ bezeichneten Prozesse repräsentieren sowohl Wahrnehmungen und kognitiv-emotionale Zuschreibungen, als auch die Ausbildung eines Selbstkonzeptes, das im Zusammenhang mit der Gestaltung sozialer Beziehungen steht. Diese Identifikationsprozesse können nun auf Aspekte der raumbezogenen Identitätsentwicklung übertragen werden. Wenn Jugendliche ausbildungsbedingt in eine andere Region ziehen, muss diese neue Region als ein wie auch immer abzugrenzender Raum kognitiv erfasst werden. Diese gedankliche Repräsentation eines physischen Raumes – sei es nun ein Wohnquartier, ein Stadtteil, eine Region oder eine größere räumliche Bezugsebene – wird i.d.R. mit bestimmten Eigenschaften in Verbindung gebracht, wodurch diese eine emotional-affektive Bewertung erfährt. Dabei spielt es offenbar keine Rolle, ob wir den Raumausschnitt als solchen sinnlich unmittelbar wahrnehmen können. Wir glauben trotzdem eine mehr oder weniger präzise Vorstellung davon zu haben, auf welche Weise ein bestimmter Raumausschnitt wie etwa „München“ abgegrenzt ist und welche Eigenschaften mit diesem verbunden sind.

Nach ihrem Umzug erleben Jugendliche dann oftmals im besonderen Maße, dass ihnen selbst bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden, die sich (angeblich) aus ihrer eigenen regionalen Herkunft ableiten lassen. Die Auseinandersetzung mit solchen Zuschreibungen kann für Jugendliche eine enorme Belastung darstellen. So begründet beispielsweise eine Jugendliche ihre regelmäßigen Heimfahrten u.a. mit den leidvollen Erfahrungen, als Ostdeutsche in Franken wahrgenommen zu werden: „Familie, Freunde, Freund & der Hauptgrund: die Franken hassen Menschen die aus dem ,,Osten” kommen, fühle mich da überhaupt nicht wohl.“ Versteht man den Prozess der Identitätsentwicklung als eine stetige Suche nach einer Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“, so erweitert sich diese Suche unter den Bedingungen ausbildungsbedingter Mobilität zu der Frage „Wer bin ich wo?“ Im Rahmen der fast unerschöpflichen Menge von Beschreibungsmerkmalen des eigenen Selbst können somit verstärkt diejenigen Merkmale in den Vordergrund treten, die sich aus raumbezogenen Aspekten wie der eigenen regionalen Herkunft ergeben. (…)

Fließende Übergange

Viele Jugendliche sind darum bemüht, den ausbildungsbedingten Auszug aus dem Elternhaus im Sinne eines „fließenden Übergangs“ zu gestalten. Dies wird bereits daran deutlich, dass die meisten Jugendlichen (80,67%), die vor dem Umzug bei ihren Eltern gelebt hatten, ihr Zimmer im Elternhaus auch nach dem Umzug beibehalten haben. Für die überwiegend wöchentlichen (47,33%) oder etwa 14tägigen (28%) Heimfahrten nehmen Jugendliche mitunter hunderte von Kilometern Entfernung auf sich. Die sich einmal etablierte Häufigkeit der Heimfahrten wird dabei von den meisten Jugendlichen auch über einen längeren Zeitraum beibehalten. (…)

Für viele Jugendliche ergibt sich daraus das Gefühl einer Hin- und Hergerissenheit zwischen dem alltäglichen Leben in einer neuen Region und der Sehnsucht nach der Heimat mit all ihrer Vertrautheit: Heimweh und Angst vor einem Kontaktverlust zur Familie und zu Freunden zählen zu den häufigsten Befürchtungen, die Jugendliche vor dem Umzug mit den Gedanken an die neue Lebenssituation verbinden. Und keine andere Befürchtung, wie etwa die Sorge, für alles zukünftig selbst verantwortlich oder mit dem gewählten Ausbildungsberuf unzufrieden zu sein, hat sich im Erleben der Jugendlichen nach dem erfolgten Umzug so häufig bewahrheitet. Für die Frage nach der eigenen regionalen Identität bleibt dies alles nicht ohne Auswirkung. Fast die Hälfte der Jugendlichen konnte sich nicht eindeutig darauf festlegen, ob sie sich selbst nun als „Heimatorter/in“ oder als „Gaststädter/in“ bezeichnen würden. 37,33% der Jugendlichen empfinden sich dagegen auch nach dem Umzug weiterhin als „Heimatorter/in“. Als „Gaststädter/in“ würden sich lediglich 18% bezeichnen. An diesem Ergebnis wird deutlich, dass die Entwicklung regionaler Identität als Prozess aufgefasst werden muss, welcher die Möglichkeit beinhaltet, dass ein Individuum aktuell keine raumbezogene Identität oder auch mehrere raumbezogene Identitäten empfinden kann. Im letzteren Sinne kann das Empfinden von regionaler Identität durch ein zeitliches Nebeneinander (…) oder auch durch ein zeitliches Nacheinander (…) geprägt sein. (…)

Heimat als Ort von Beziehungen

Heimat ist für die meisten Menschen der Ort, an dem man aufgewachsen ist und an dem sich die Menschen befinden oder befunden haben, die einem wichtig sind. Das Gefühl von Heimat und regionaler Identität hängt daher oftmals eng mit der Beziehung zur Familie und zu Freunden zusammen. Wenn Jugendliche ausbildungsbedingt in eine andere Region ziehen, führt dies zwangsläufig zu Veränderungen der Beziehungen zu diesen Bezugsgruppen. Wie verschiedene Untersuchungen (z.B. die Shell-Studie 2010, 67) nahe legen, scheint sich die Beziehung zu den Eltern nach dem Auszug aus dem Elternhaus in den meisten Fällen eher positiv zu entwickeln. Das relativ frühe Auszugsalter ausbildungsbedingt mobiler Jugendlicher scheint an diesem Ergebnis kaum etwas zu ändern. (…) Die Ablösung vom Elternhaus (…) kann in den meisten Fällen erfolgreich gestaltet wird. 62% der Jugendlichen gaben an, dass sich die Beziehung zu den Eltern durch den Umzug verändert hat. Diese Veränderung wird von insgesamt 92,48% als positiv oder eher positiv empfunden. Auch auf die Beziehung zu den Geschwistern scheint sich die räumliche Distanz eher positiv auszuwirken. 52% der Befragten nehmen eine Veränderung wahr, die von einer deutlichen Mehrheit (75,64%) als positiv oder eher positiv bewertet wird.

Ganz anders sieht es dagegen bei der Beziehung zu Freunden und Freundinnen aus. Von den 70,47% der Befragten, die eine Veränderung feststellten, gaben 71,70% an, dass sich das Verhältnis negativ oder eher negativ entwickelt hat. Diese Veränderung scheint von den meisten Jugendlichen insbesondere dann recht gut bewältigt zu werden, wenn es gelingt, neue Freundschaften und Kontakte am Ausbildungsort zu finden. Dennoch bleibt es nicht aus, dass Jugendliche sich ausgeschlossen fühlen und unter dem Verlust der „alten Freunde“ leiden. Von besonderer Qualität ist dabei die Veränderung, die sich auf eine Beziehung zu einem festen Freund bzw. einer festen Freundin durch den Umzug ergeben kann. (…) Für jeweils die Hälfte der Befragten hat sich die räumlichen Distanz auf die Partnerschaft eher positiv oder eher negativ ausgewirkt.

Zusammenfassung

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Aufrechterhaltung eines möglichst intensiven Bezugs zur Heimat für viele ausbildungsbedingt mobile Jugendliche von großer Bedeutung ist. In den meisten Fällen scheint der Versuch einer Vermittlung zwischen dem alltäglichen Leben in einer neuen Region und der Sehnsucht nach der Heimat auch recht gut zu gelingen. Dennoch stellt die Bewältigung der besonderen Lebenssituation mobiler Jugendlicher eine große Herausforderung dar, die keinesfalls unterschätzt werden darf. Insbesondere das Gefühl von Heimweh und Fremdheit, die Angst vor einem Kontaktverlust zur Familie sowie die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Facetten regionaler Identität können bisweilen als enorme Belastung empfunden werden, die im schlimmsten Fall zu ernsthaften psychischen Krisen oder Erkrankungen führen können.”

Im Rahmen eines Praxisforschungsprojektes des Don Bosco Jugendwerks Nürnberg wurden verschiedene Auswirkungen beruflicher Mobilität auf die Lebenssituation Jugendlicher näher untersucht. Zu diesem Zweck wurden in den Städten Nürnberg, Stuttgart und München insgesamt 100 weibliche und 50 männliche Jugendliche, die wegen einer schulischen oder beruflichen Ausbildung dauerhaft von zu Hause ausgezogen sind, in halbstandardisierten Interviews sowie schriftlich befragt. Autor: Dr. Michael Batz, Jahrgang 1968, Diplom-Sozialpädagoge, M.A. in Philosophie, Psychologie und Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Dr. phil. Leiter des Don Bosco Jugendwerks Nürnberg.

Quelle: LAG KJS Bayern