Pädagogische Fachkräfte in Jugendzentren und sonstigen Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit begegnen Geflüchteten häufig „kulturalisierend“ und voreingenommen. Sie grenzen sie damit als „die Anderen“ ab. Die jungen Geflüchteten ihrerseits suchen in den Jugendtreffs nichts anderes als die gleichaltrigen Jugendlichen: Spiel, Sport, Musik, Kontakte und Gespräche, Ausflüge, Freunde – Normalität statt Flucht. Diese Erkenntnis geht aus einer systematischen Untersuchung an der Universität Siegen hervor. Die Stiftung Ravensburger Verlag, die die Pilotstudie förderte, erwartet, dass die Ergebnisse nicht nur dem Forschungsdialog dienen, sondern Handlungsorientierungen für die praktische Jugendarbeit bieten.

Mitmachen: Sport, Spiel und Spaß haben

Jugendliche mit einer Fluchtgeschichte, die aus eigenem Antrieb regelmäßig Jugendtreffs aufsuchen, hatten meist von Freunden und Gleichaltrigen, Jugend- und Sozialarbeiter(inne)n davon erfahren. Sie reagierten positiv auf Sport- und Spielangebote wie Fußball, Basketball, Volleyball, Tischtennis, Bad-minton, Kicker, Billard, Playstation, ebenso auf gemeinsames Kochen und Essen, „Spaß haben“, im Internet surfen und Gruppenausflüge. Zugleich erkennen sie die Chance, praktische Hilfe in sprachlichen Alltagsdingen, beim Ausfüllen von Formularen und behördlichen Fragen oder in allgemeinen Gesprächen zu finden. Manche der Geflüchteten übernehmen auch ehrenamtliche Tätigkeiten und Verantwortung, zum Beispiel als Dolmetscher oder als Turnhallenwart.

Normalität statt Flucht

„Wenn sie das Jugendzentrum als ‚zweite Wohnung‘ betrachten, unterscheiden sie sich nicht von anderen Jugendlichen, die in Deutschland geboren wurden oder schon länger hier leben und die ihre Freunde lieber nicht im häuslich-familiären Umfeld treffen möchten, sondern in einem öffentlichen Raum“, erklärt Projektleiter Professor Dr. Thomas Coelen. Ein Ergebnis der Interviews mit Geflüchteten sei es, dass ihnen Jugendarbeit „Ermöglichungsräume“ erschafft. „Jugendliche brauchen Gelegenheiten, ihre Interessen zu entfalten, ihre Identität zu entwickeln, ein Lebensgefühl zu erspüren, das ihnen die alltäglichen Lebensräume Schule und Familie nicht ermöglichen können. Darin unterschei-den sich geflüchtete und hier groß gewordene Kinder und Jugendliche nicht.“ Manche der Interviewten waren in den Jugendtreffs auch mit Diskriminierung konfrontiert, grundsätzlich aber erlebten die meisten die Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit als diskriminierungsärmer.

Sind geflüchtete Jugendliche „anders“ oder „normal“?

Die Siegener Erziehungswissenschaftlerin und Projektmitarbeiterin Dr. des. Jennifer Buchna führt die oft „kulturalisierende“ Sichtweise vieler Fachkräfte – mit tradierten Vorstellungen und Erklärungen auf die Jugendlichen zuzugehen – auf die „Wirkungsmacht des negativen öffentlichen Diskurses“ zurück. Die öffentliche Sprache von Politi-ker(innen), Bürger(innen) und Medien sei von negativen Begriffen wie „anders“, „fremd“, „Flüchtlingswelle“, „sich anpassen“, „Flüchtlingsproblem“ geprägt. Niemand, auch kein(e) Pädagog(in), bliebe davon unbeeinflusst. An dieser Stelle gelte es, Fachkräfte für die reale Lebenswelt der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu sensibilisieren.

Die Präsentation der Forschungsergebnisse dieses Pilotprojekts erhalten Sie als PPT-Datei auf Nachfrage unter stiftung@ravensburger.de.

Quelle: Stiftung Ravensburger Verlag