Kinder- und Jugendarmut: Was fehlende Teilhabe die Gesellschaft kostet 

Ein neues Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag von UNICEF Deutschland beziffert die langfristigen wirtschaftlichen Folgen materieller und sozialer Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen. Die Ergebnisse ergänzen die Debatte über Jugendarmut um eine fiskalische Perspektive. Der Ökonom Marcel Fratzscher fordert seit Jahren, Ausgaben für junge Menschen stärker als Investitionen zu betrachten. Auch der Monitor „Jugendarmut in Deutschland“ der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS) zeigt, warum Armutspolitik mehr sein muss als die Sicherung des Existenzminimums.

Welche langfristigen wirtschaftlichen Folgen entstehen, wenn Kinder und Jugendliche unter benachteiligenden Bedingungen aufwachsen? Dieser Frage gehen Wido Geis-Thöne und Axel Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Gutachten „Ökonomische Effekte der Deprivation von Kindern und Jugendlichen“ nach. Die im Auftrag von UNICEF Deutschland erstellte Untersuchung analysiert statistische Zusammenhänge und berechnet mögliche fiskalische Auswirkungen über den Lebensverlauf. 

Deprivation geht über finanzielle Armut hinaus

Deprivation beschreibt den unzureichenden Zugang zu materiellen und sozialen Ressourcen, die für die Entwicklung und gesellschaftliche Teilhabe bedeutsam sind. Nach dem europäischen Indikator zur kinderspezifischen materiellen Deprivation waren 2024 in Deutschland 11,3 Prozent der unter 16-Jährigen betroffen. 

Die Wissenschaftler*innen weisen darauf hin, dass dieser Indikator nicht alle Einschränkungen erfasst. Eine erweiterte Berechnung auf Grundlage von EU-SILC-Daten für 2021 ergibt einen Anteil von 25,2 Prozent. Die Unterschiede verdeutlichen, wie stark das Ausmaß von Deprivation von der gewählten Erfassungsmethode abhängt. 

Fehlende Berufsabschlüsse belasten die öffentlichen Haushalte

Die wirtschaftlichen Folgen untersuchen die Wissenschaftler*innen anhand langfristiger Fiskalbilanzen. Dabei stellen sie erwartete Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen den öffentlichen Ausgaben gegenüber. 

Nach den Modellrechnungen ergibt sich für Menschen ohne berufsqualifizierenden Abschluss langfristig eine negative Fiskalbilanz von 421.300 Euro. Für Menschen, die insbesondere auch aufgrund sozialer Deprivation an einer Depression erkranken, wird eine negative Fiskalbilanz von 345.500 Euro ermittelt. Der erwartete langfristige Fiskalbeitrag liegt bei materiell deprivierten Kindern rechnerisch um 216.500 Euro niedriger als bei nicht deprivierten Kindern. 

Diese Beträge sind keine unmittelbar entstehenden Haushaltsausgaben. Sie beschreiben modellierte Unterschiede zwischen Gruppen und lassen sich nicht allein auf Deprivation zurückführen. Auch die sozialen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen sowie Bildungs- und Unterstützungsmöglichkeiten spielen eine Rolle. Welche Einsparungen einzelne Maßnahmen zur Armutsbekämpfung bewirken könnten, lässt sich daraus nicht unmittelbar ableiten. 

Jugendarmut bedeutet ungenutzte wirtschaftliche Potenziale

Auf die volkswirtschaftlichen Folgen von Kinder- und Jugendarmut weist auch Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), seit Jahren hin. Bereits im Interview für den Monitor „Jugendarmut in Deutschland 2022“ betonte er, dass der Gesellschaft wirtschaftliche Potenziale verloren gehen, wenn junge Menschen aufgrund ungleicher gesellschaftlicher Ausgangsbedingungen nicht die gleichen Chancen erhalten. 

In einem Gespräch für den Folgemonitor bekräftigte Fratzscher diese Einschätzung und verwies auf die gesundheitlichen Folgen von Armut. Zugleich kritisierte er die politische Debatte über Sozialausgaben. Parteien vermittelten häufig den Eindruck, Deutschland gebe zu viel Geld für soziale Leistungen aus. Als Beispiel nannte er die ablehnenden Reaktionen auf die geplante Kinder- und Jugendgrundsicherung. Diese Sichtweise bezeichnete er als grundlegenden Denkfehler. 

Fratzscher plädiert dafür, öffentliche Ausgaben für Kinder und Jugendliche stärker als Investitionen in Menschen zu betrachten. Das IW-Gutachten liefert für diese Argumentation zusätzliche ökonomische Anhaltspunkte. 

Jugendarmut als komplexe Lebenslage

Der Monitor „Jugendarmut in Deutschland“ der BAG KJS erweitert die wirtschaftliche Perspektive des Gutachtens. Er betrachtet Jugendarmut als komplexe Lebenslage, in der sich unterschiedliche Formen sozialer Benachteiligung überschneiden und gegenseitig verstärken können. 

Die verschiedenen Ausgaben bündeln Erkenntnisse aus zahlreichen Studien, setzen sie zueinander in Beziehung und beleuchten intersektionale Verschränkungen von Armut. Sie befassen sich auch mit unterschiedlichen Methoden zur Erfassung von Armut und Deprivation und hinterfragen verbreitete Vorurteile über armutsbetroffene junge Menschen. 

Finanzielle Absicherung und soziale Infrastruktur zusammendenken

Die Wissenschaftler*innen des IW betonen, dass finanzielle Transferleistungen allein nicht ausreichen, um sämtliche Formen von Deprivation zu verhindern oder auszugleichen. Sie empfehlen ergänzende Angebote, die unmittelbar bei Kindern und Jugendlichen ansetzen, sowie eine gezielte Unterstützung von Familien. 

Auch die BAG KJS fordert neben einer ausreichenden finanziellen Absicherung verlässliche soziale Infrastrukturen, die jungen Menschen Bildung, Ausbildung, Wohnen, Mobilität und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. 

Für die Jugendsozialarbeit unterstreicht das Gutachten damit die Bedeutung ihrer Handlungsfelder. Die Unterstützung beim Erwerb beruflicher Qualifikationen, die Überwindung sozialer Benachteiligungen und die Förderung gesellschaftlicher Teilhabe sind auch unter langfristigen wirtschaftlichen Gesichtspunkten relevant. Welche konkreten fiskalischen Wirkungen einzelne Angebote erzielen, lässt sich aus den Berechnungen allerdings nicht ableiten. 

Investitionen in junge Menschen langfristig betrachten

Die Ergebnisse werfen auch Fragen nach der Finanzierung sozialer Infrastruktur auf. Während Ausgaben für unterstützende Angebote häufig unmittelbar in (kommunalen) Haushalten sichtbar werden, können mögliche langfristige wirtschaftliche Erträge erst Jahre oder Jahrzehnte später entstehen und unterschiedlichen staatlichen Institutionen zugutekommen. 

Das IW-Gutachten liefert deshalb zusätzliche Argumente dafür, öffentliche Ausgaben für Kinder und Jugendliche nicht ausschließlich unter kurzfristigen Einspargesichtspunkten zu betrachten. 

Die ökonomische Perspektive darf allerdings nicht zum alleinigen Maßstab werden. Das Recht auf Förderung, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe besteht unabhängig davon, welchen wirtschaftlichen Beitrag ein Mensch später leisten wird. 

Text: Silke Starke-Uekermann 

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