Informelles und non-formales Lernen anerkennen und nutzen

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In Deutschland und in vielen europäischen Staaten wird darüber diskutiert, wie Erfahrungswissen sichtbar und beruflich verwertbar gemacht werden kann. Bisher eröffnen fast ausschließlich formale Bildungsgänge Arbeitsmarkt- und soziale Aufstiegschancen. Kompetenzen hingegen, die Menschen informell in Beruf und Freizeit oder non-formal in der Weiterbildung erwerben, gelten bisher wenig, obwohl sie für die berufliche Handlungsfähigkeit in vielen Fällen bedeutender sein mögen als das formell zertifizierte Wissen. Insbesondere Menschen ohne formalen Schul- oder Berufsabschluss, aber mit langjähriger Berufserfahrung, und auch Menschen mit im Ausland erworbenen Berufskompetenzen könnten von einer Validierung informellen Lernens profitieren. Eine Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigt auf, dass wir noch viel von unseren europäischen Nachbarn lernen können.

Studie zur Anerkennung von Kompetenzen

In früheren Zeiten und bei behäbiger technischer Entwicklung mögen Zertifikat und Kompetenz noch weitgehend zusammengefallen sein: Erst wurde im Bildungssystem gelernt und bescheinigt, was dann ein Leben lang zur Anwendung kam. Wissensarbeit und schnelle Innovationszyklen haben dieses sequenzielle Modell beruflichen Lernens jedoch vielfach obsolet gemacht: Immer mehr berufliche Kompetenzen werden nicht vor dem Berufseintritt, sondern kontinuierlich, arbeitsbegleitend und selbstorganisiert erworben. Ob europäische Nachbarländer etwas anders machen und wenn ja, was , wurde für sieben Länder untersucht. Zentrale Kriterien für eine Übertragbarkeit in das deutsche System waren dabei:

  • die rechtliche Verbindlichkeit der Validierungsverfahren,
  • die Akzeptanz der Zertifikate im Bildungs- und Beschäftigungssystem,
  • die Bekanntheit der Anerkennungsmöglichkeiten – nicht nur – bei formal Geringqualifizierten und der einfache Zugang.

Auszüge aus der Studie von Claudia Gaylor, Nicolas Schöpf und Eckart Severing:

“(…) Kompetenzen anerkennen und nutzbar machen durch ein gutes Anerkennungssystem

Es fehlt in Deutschland an Möglichkeiten, die nicht durch Abschlüsse und Zertifikate belegten Kompetenzen auch verwertbar zu machen. Sie werden oft am aktuellen Arbeitsplatz genutzt, aber in der Regel nicht dokumentiert oder gar zertifiziert. Die wenigen verfügbaren Verfahren – wie etwa der Europass – bilden keinen Standard bei Bewerbungsverfahren im Beschäftigungssystem und begründen keine Ansprüche auf tarifliche Eingruppierungen. (…) Das formale Bildungssystem schafft Hürden – nicht nur für formal Geringqualifizierte –, weil es informell und non-formal erworbene Kompetenzen als Zugangsvoraussetzung nur selten anerkennt und daher keine Perspektiven für eine formale Höherqualifizierung bietet.

(…) Jedem siebten jungen Erwachsenen in Deutschland fehlt ein Berufsabschluss. Validierungsverfahren würden ein großes Kompetenzpotenzial erschließen und könnten zudem die Arbeitslosigkeit beruflich Geringqualifizierter senken. Das Bildungssystem und der Arbeitsmarkt müssen zunehmend auch für Menschen mit atypischen, sehr unterschiedlichen Bildungs- oder Berufsverläufen zugänglich gemacht werden – Menschen mit ausländischen Abschlüssen beispielsweise oder solchen, die zwar einen Berufsabschluss haben, aber in der Praxis einer ganz anderen Tätigkeit nachgegangen sind. (…)

Anerkennungssysteme funktionieren: Was können wir von anderen europäischen Ländern lernen?

In einigen Ländern Europas gibt es bereits Verfahren, die zu auf dem Arbeitsmarkt verwertbaren Zertifikaten und Zugangsberechtigungen im Bildungssystem führen. (…) Diese wurden daraufhin untersucht, wie relevant sie für Deutschland wären, gemessen am Grad der Verbindlichkeit und Standardisierung, den sie bereits erreicht
haben. Zusätzlich sollten sie übertragbar sein, d. h. ihre Anwendung darf nicht von unabdingbaren nationalen Voraussetzungen im Bildungssystem oder Arbeitsmarkt abhängig sein, die in Deutschland so nicht vorhanden sind. Fünf Kernelementen, die zentrale Fragen und Aspekte eines Anerkennungssystems berühren, standen dabei im Mittelpunkt (…).

  • Rechtliche Grundlagen: Sie sichern, dass die Ergebnisse des Anerkennungsverfahrens verbindlich und verwertbar werden. Es wurde untersucht, wie die Anerkennung informellen Lernens jeweils rechtlich verankert ist und für welchen Bereich sie gilt. In Frankreich besteht beispielsweise ein umfassender Rechtsanspruch auf Prüfung der Kompetenzen, die man im Rahmen einer mindestens dreijährigen Tätigkeit erworben hat. Die Prüfung führt zu einer offiziellen, zur Erstausbildung rechtlich gleichartigen Zertifizierung. In einem ersten Schritt könnte in Deutschland die Möglichkeit zur Prüfung der Qualität informell erworbener Kompetenzen rechtlich verankert werden – analog zu den Möglichkeiten, die es gibt, ausländische Abschlüsse anerkennen zu lassen. (…)
  • Verfahren und Instrumente: Ein Anerkennungssystem braucht effiziente Verfahren, die aussagekräftige Ergebnisse liefern. Dies sichert Akzeptanz und erhöht die Nachfrage. In Dänemark findet sich ein zweistufiges Zertifizierungsverfahren. Dabei werden die mit Unterstützung eines Berufsbildungszentrums für Erwachsene individuell nachgewiesenen Kompetenzen in einem Zertifikat festgehalten und mit definierten Lernergebnissen von Bildungsgängen abgeglichen. Im nächsten Schritt kann dieses Zertifikat für die persönliche Planung weiterer Qualifizierung oder für den Eintritt in den Arbeitsmarkt genutzt werden. Dieses Stufenmodell würde für Deutschland Transferpotenzial bei einer möglichen Verknüpfung der bereits bestehenden Kompetenzpässe und beschäftigungsbezogener Teilqualifikationen bieten. (…)
  • Finanzierung: Vorhandene Finanzierungsstrukturen und die Frage, wer in welcher Höhe Kosten für das Validierungs- oder das Qualifizierungsverfahren übernimmt, sind wichtig für die Etablierung eines Anerkennungssystems. In Europa gibt es staatliche, betriebliche und private Finanzierungsformen sowie diverse Mischformen. Die Tradition kostenfreier Bildung in anderen europäischen Ländern hat dort auch positiv auf die Anerkennungssysteme informeller Kompetenzen gewirkt. Es besteht ein Anspruch auf überwiegend öffentliche Finanzierung. In Finnland teilen sich Bildungs- und Arbeitsministerium die Kosten der Validierung, ergänzt um einen geringen Eigenbeitrag für die Fixkosten, der höher ausfallen kann, falls die Kandidaten ein Einkommen beziehen. Als Alternative zu vollumfänglicher öffentlicher Finanzierung können entsprechende Mischformen über eine einkommensabhängige Unterstützung per BAföG oder Bildungsfonds in Deutschland einen Ansatzpunkt bieten. Wie in den Niederlanden und Frankreich ist für Deutschland auch eine Beteiligung der Unternehmen an der Validierungsfinanzierung über die Freistellung der Mitarbeiter vorstellbar.
  • Institutionalisierung: Eine feste Institutionalisierung ist eine wesentliche Bedingung für die allgemeine Akzeptanz der Zertifizierung von non-formal oder informell erworbenen Kompetenzen. Dabei muss klar sein, welche Akteure in welcher Rolle oder mit welcher Zuständigkeit beteiligt und in welcher Form vernetzt sind. In der Schweiz ist die Validierung von Bildung eine Verbundaufgabe von Branchenvertretern/Berufsverbänden, dem Bund und den Kantonen. Ähnlich könnten sich in Deutschland die Beteiligten im Bereich der formalen Berufsbildung, wie die Kammern oder die Bundesagentur für Arbeit, auch die Aufgaben der Anerkennungsverfahren non-formaler und informeller Kompetenzen teilen.
  • Supportstrukturen: Die Nutzer komplexer Anerkennungsverfahren brauchen einen niedrigschwelligen Zugang zu Information und Beratung. In Finnland gibt es flächendeckend Angebote zur Präsenzberatung und Unterstützung. Zusätzlich gibt es Websites oder Online-Chats mit Fachleuten, die Informationen zu den Abschlüssen und den Validierungsverfahren vermitteln. Analog zu Finnland bietet es sich in Deutschland an, die Agenturen für Arbeit oder die Kammern mit der Beratungsaufgabe zu betrauen. (…)”

Die ausführliche Studie ist beim Bertelsmann Verlag erhältlich:

Annerkennung von Kompetenzen. Was Deutschland von anderen Staaten lernen kann. Gütersloh 2015 (ISBN 978-3-86793-582-1)

Sie kann hier als Druckwerk oder E-Book bestellt werden.

Quelle: Bertelsmann Stiftung

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