Fünftes Interview der Reihe „Schulabsentismus begegnen – aber wie?!“

Um ihren Weg zurück ins Bildungssystem oder zu anderen Formen der Bildung zu finden, benötigen Kinder und Jugendliche individuelle, beziehungsorientierte Unterstützung, wenn sie länger der Schule fernbleiben. In unserer Interviewreihe „Schulabsentismus begegnen – aber wie?!“ wird daher monatlich ein ausgewähltes Praxisbeispiel aus der Jugendsozialarbeit vorgestellt. Fachkräfte der einzelnen Angebote geben Einblick in ihre Arbeit und zeigen Herausforderungen sowie die aus ihrer Sicht maßgeblichen Gelingensbedingungen auf. Die Gesprächspartner*innen sind Teilnehmende des Projektes „Schule – ohne mich!? Neue Entwicklungen und Handlungsanforderungen bei Schulabsentismus“ von IN VIA Deutschland im Netzwerk der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit.

Für diese Ausgabe der Interviewreihe sprach Jasmin Hindinger von der Straßeneckenschule der Janusz-Korczak-Schule Kirchheim/Teck mit den Jugendsozialarbeit News.

Wie zeigt sich das Phänomen Schulabsentismus in Ihrer Region?

Jasmin Hindinger: Im Landkreis Esslingen wird Schulabsentismus in unterschiedlichen Ausprägungen und Altersstufen beobachtet. Die örtliche Kinder- und Jugendpsychiatrie hat kürzlich eine Sprechstunde für Kinder und Jugendliche eingerichtet, die schulabsentes Verhalten zeigen. Die Anmeldungen hierfür sprengen die Kapazitäten bei Weitem.

Die im folgenden vorgestellte Straßeneckenschule ist eine Außenstelle der Janusz-Korczak-Schule Kirchheim/Teck – ein Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) mit Förderschwerpunkt im sozial-emotionalen Bereich. Im September 2000 nahm sie ihren Betrieb in Plochingen auf. Die Einrichtung der Straßeneckenschule geschah vor dem Hintergrund einer im Landkreis Esslingen durchgeführten Bedarfserhebung. Diese ergab, dass eine Großzahl an Schüler*innen aus subjektiven, individuellen Gründen die Schule nicht mehr besuchen und/oder als „Karteileichen“ in stillschweigendem gegenseitigem Einvernehmen ihrer Schulpflicht nicht mehr nachkommen. Viele von ihnen haben zwischen sechs Monaten bis hin zu zwei Jahren keine Schule mehr von innen gesehen.

Wo setzt Ihr Angebot an?

Jasmin Hindinger: Die Straßeneckenschule bietet Platz für bis zu 10 Schüler*innen der Klassenstufen 7 bis 9, in Ausnahmefällen bis zur 10. Klasse. Das Team ist multiprofessionell zusammengesetzt und besteht aus einer sonderpädagogischen Lehrkraft, einer Lehrkraft der Regelschule und einer Sozialpädagogin. Die Schüler*innen haben vor Ort die Möglichkeit, den Hauptschulabschluss zu erwerben.

Die Straßeneckenschule gibt Schüler*innen einen Raum, die schulabsentes Verhalten zeigen.

Die Ursachen des Schulabsentismus können sehr unterschiedlich sein: Sie reichen von negativen Erfahrungen in der Schule durch Versagenserlebnisse, Bloßstellungen durch Lehrkräfte oder Mitschüler*innen, Unter- und Überforderung bis hin zu Schulphobien, depressiven Belastungsfaktoren, Trennungsängsten oder Zurückhaltung durch die Eltern. Viele Schüler*innen haben bereits mehrere Schulwechsel durchlaufen und kommen aus multibelasteten Familienverhältnissen. Das Angebot der Straßeneckenschule versucht genau da anzusetzen, wo die Jugendlichen Unterstützung brauchen. Schule und Bildung wird zunächst als Angebot verstanden. Der langjährige, ehemalige Schuldirektor Dr. Werner Baur stellte hierfür eine sehr passende Metapher auf: „Die Schule stellt sinnbildlich einen Bäckerladen dar; es duftet lecker nach draußen und im Schaufenster sieht man in der Auslage verschiedene Produkte ausgestellt. Wenn man möchte, geht man in den Laden hinein und schaut sich um und nimmt gegebenenfalls etwas mit, was einen anspricht.“

Gemäß dieser Metapher sind Schüler*innen täglich neu eingeladen zur Schule zu kommen. Der Unterricht findet individuell und oft in Kleingruppen statt und orientiert sich – neben den Themen, die die Schüler*innen für sich als wichtig erachten – am jeweiligen Leistungsstand. Neben den klassischen Unterrichtsfächern erhalten die Jugendlichen stets ein offenes Ohr und Hilfe bei Problemlagen und alltäglichen Themen. Durch ein gemeinsames Frühstück sowie weitere gemeinsame Aktivitäten wie Kochen, Backen oder erlebnispädagogische Unternehmungen wird das Klassen – und Gruppengefüge gestärkt sowie die Sozialkompetenzen gefördert.

Ein wichtiger Ansatz für Entwicklungsfortschritte ist zunächst der Aufbau tragfähiger Beziehungen zwischen Schüler*innen, Lehrer*innen und der Sozialpädagogin. Diese Beziehungen dienen als Fundament, um mit den Jugendlichen arbeiten zu können. Im regelmäßigen Austausch zwischen Eltern/einem Elternteil oder – falls Jugendliche nicht mehr bei den Eltern wohnen – die/der Bezugsbetreuer*in der Wohngruppe und der Lehrkraft/Schulsozialarbeiterin werden die aktuelle Situation, die Kompetenzen, Ressourcen und Unterstützungsressourcen betrachtet sowie ganz konkrete Zielvereinbarungen getroffen. Ein weiterer, wichtiger Baustein ist die Kooperation mit Institutionen wie zum Beispiel Jugendämtern, ambulanten Hilfesysteme, Kliniken und weiteren Akteur*innen im Sozialraum der entsprechenden Jugendlichen. Der Ist-Stand des Netzwerks der Jugendlichen wird auf unterschiedlichen Ebenen erfasst und bei Bedarf ausgebaut und (re-)aktiviert.

Die gemeinsame Entwicklung einer Lebensperspektive spielt eine zentrale Rolle in der Straßeneckenschule. Zusammen mit den Jugendlichen werden Pläne erstellt, gemeinsam überlegt sowie diverse Angebote wie die Berufsberatung der Agentur für Arbeit hinzugezogen.

Zudem werden die Jugendlichen beim Erstellen von Bewerbungsunterlagen begleitet und angeleitet, um ihre – in den meisten Fällen ersten – Erfahrungen im Bereich Bewerbungen, Praktika und Berufserfahrungen zu sammeln. Wichtig an dieser Stelle zu erwähnen, ist, dass der Aspekt „Wie geht es nach der Schule weiter?“ bestmöglich mit den Jugendlichen erarbeitet wird, sodass die Jugendlichen daran anknüpfen können und die Nachhaltigkeit der Entwicklungen in der Straßeneckenschule gesichert wird.

Was gelingt aus Ihrer Sicht besonders gut?

Jasmin Hindinger: Die Jugendlichen, die den Weg in die Straßeneckenschule schaffen, machen die Erfahrung, ein Teil einer Gruppe zu werden. Dadurch kommen sie zunehmend regelmäßiger und finden Anschluss. Zwar ändert sich die Dynamik innerhalb der Gruppe stetig, dennoch ist auch eine Art Klassengefüge wahrnehmbar und die Jugendlichen knüpfen an unterschiedlichen Punkten an und diskutieren oder teilen miteinander unterschiedliche Dinge. Diese Erfahrung ist essenziell für die Jugendlichen, die meist sehr nachhaltig negative, prägende Erfahrungen an und in Schulen gemacht und lange isoliert gelebt haben. So sorgt beispielsweise die Spielrunde am Abschluss des Schultages für eine lockere Atmosphäre und einen positiven Schluss. Erfahrungsgemäß führt dies bei den Jugendlichen dazu, den Schultag bis zum Ende durchzuziehen und mit einem guten Gefühl und in guter Stimmung nach Hause zu gehen. Das Klima in der Schulklasse wird durch die Lehrer*innen und Schulsozialarbeiterin bewusst so gestaltet, dass die Jugendlichen sich wohlfühlen und die Möglichkeit haben, ihre Fähigkeiten und Interessen (wieder) zu entdecken.

Eine gut gelingende Vorbereitung auf den Hauptschulabschluss ist ein weiterer, wichtiger Türöffner für gute Anschlüsse. Der Perspektivlosigkeit wird durch entsprechende Angebote, Gespräche, und Praktikaerfahrungen entgegengewirkt. Das „dafür lohnt es sich“ wird mit den Jugendlichen zusammen erarbeitet. Im besten Fall erleben die Jugendlichen Selbstwirksamkeit und entwickeln eigene Ideen und Ziele und werden wieder motiviert, regelmäßig das Haus zu verlassen.

Welche Herausforderungen zeigen sich?

Jasmin Hindinger: Die Aufnahme in die Straßeneckenschule ist der Versuch, eine Linie in die Schulkarriere und somit eventuell auch in den weiteren Bildungs- und Berufsweg zu bekommen. Dies gelingt bei einem Teil der betreuten Jugendlichen, jedoch nicht bei allen. Unzureichende Erfolge stellen sich vor allem dann ein, wenn die Probleme in den Bereichen Familie, Wohnen und Justiz überhandgenommen haben. Eine weitere Herausforderung stellen die stark und zunehmend ausgeprägten psychischen Erkrankungen der Jugendlichen und die zu wenig vorhandenen Therapieplätze dar. Die mangelnde therapeutische Begleitung stehen der Entwicklung und der Lernmöglichkeiten der Jugendlichen entgegen. Hinzu kommt, dass die Individualität der Jugendlichen häufig mit den Anforderungen der gesellschaftlichen Systeme im Bereich der Ausbildung oder weiterführenden Schule kollidiert. Der Übergang zurück in eine große Klasse oder klassische Ausbildung/Berufsschule stellt für die Jugendlichen eine Schwelle dar, auf die im Rahmen der Straßeneckenschule nicht immer ausreichend vorbereitet werden kann.

 

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