Diskriminierung schwächt Vertrauen in den Staat 

„Das Ausmaß an Diskriminierung ist eine Belastungsprobe für unser Land. Eine Gesellschaft, in der sich Millionen Menschen als Bürger*innen zweiter Klasse fühlen, ist instabil und anfällig“, sagt Ferda Ataman, Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung. Basis für ihre Äußerungen sind die Ergebnisse der größten Repräsentativbefragung zu Benachteiligung. Demnach erleben neun Millionen aller erwachsenen Menschen Diskriminierung. 

Das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) hat Daten aus der Hauptbefragung des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) genutzt. Das SOEP ist die größte repräsentative Langzeitstudie, die die Lebensbedingungen in Deutschland untersucht und jedes Jahr rund 30.000 Menschen befragt. Erstmals wurden im Jahr 2023 auch umfassende Daten zu Diskriminierung in Deutschland erhoben. Menschen mit Einwanderungsbezug berichten demnach deutlich häufiger von Diskriminierung als Menschen ohne Einwanderungsbezug. Besonders Muslim*innen und Menschen, die von rassistischen Zuschreibungen betroffen sind, berichten von Diskriminierungserfahrungen. Auch Frauen, trans- und intergeschlechtliche sowie nicht-binäre Personen, Menschen mit Behinderungen oder chronisch Erkrankte erleben überdurchschnittlich häufig Diskriminierung. Kinder und Jugendliche wurden nicht direkt befragt. Menschen bis 16 werden lediglich indirekt durch Eltern-Kind-Fragebögen oder Haushaltsfragebögen erfasst. Erst ab dem Kalenderjahr, in dem Jugendliche 17 Jahre alt werden, werden sie eigenständig befragt. 

Folgen für Gesundheit 

Betroffene berichten als Folge der Diskriminierung von schlechterer Gesundheit, geringerer Lebenszufriedenheit, psychischer Belastung und einem sinkenden Vertrauen in den Staat. Eine Mehrheit der Betroffenen (56 Prozent) sieht offenbar keinen Sinn darin, gegen Benachteiligungen aktiv zu werden. Das deutet laut Antidiskriminierungsstelle auf ein mangelndes Vertrauen in den gesetzlichen Diskriminierungsschutz hin. 

Zu Diskriminierung kommt es in nahezu allen Lebensbereichen. Besonders oft ist dies im öffentlichen Raum, beim Zugang zu Gütern und Dienstleistungen, im Arbeitsleben, im Gesundheits- und Pflegebereich, in der Schule, im Kontakt mit Behörden und Polizei sowie bei der Wohnungs- und Haussuche der Fall. Fast jede fünfte Person berichtet von Benachteiligungen durch Ämter, Behörden oder Polizei. Das Problem der strukturellen Diskriminierung hatte kürzlich bereits die InRa-Studie „Institutionen & Rassismus“ beleuchtet. 

Reform des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes 

Die Antidiskriminierungsbeauftragte Ferda Ataman fordert, die im Koalitionsvertrag angekündigte Reform des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) zügig umzusetzen. Außerdem bräuchten Betroffene mehr Unterstützung, um gegen Diskriminierung auch tatsächlich vorgehen zu können. „Viele Menschen machen Diskriminierung mit sich allein aus – auch weil es zu wenig Beratung gibt, die rechtliche Lage nicht bekannt ist und das Recht es Menschen oft schwer macht, sich zu wehren. Wir brauchen deshalb mehr Unterstützung, Aufklärung und Sensibilisierung“, sagt sie. 

Forderungen und Unterstützung gegen Diskriminierung 

Gegen unterschiedliche Formen von Diskriminierung engagiert sich die Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit. Im Kontext Jugendarmut etwa wurde die strukturelle Diskriminierung durch Armut sichtbar gemacht. Damit in eigenen Angeboten die Fachkräfte sensibilisiert sind, wurde unter anderem ein Praxisreader für diskriminierungs- und rassismuskritische Beratung im Jugendmigrationsdienst herausgegeben. Damit Diskriminierung am Lern- und Lebensort Schule verhindert wird, entstand bereits im Jahr 2021 die Broschüre „Diskriminierung als Alltagsphänomen“, die Handlungsmöglichkeiten für die Schulsozialarbeit beschreibt. Im Rahmen der Kampagne #StarkeZukunft forderte die BAG KJS eine offene und solidarische Gesellschaft. „Die Würde eines jeden Menschen, das Recht auf freie Entfaltung und die Bedeutung des solidarischen Miteinanders – all dies betont das Grundgesetz. Im Geiste des Grundgesetzes sollte eine #StarkeZukunft für alle, die in dieser Gesellschaft leben oder leben wollen, offen und solidarisch sein“, erwartet die BAG KJS.  

Text: Michael Scholl 

 

 

 

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